Große Protestaktion vor der Knorr-Fabrik in Heilbronn

Heilbronn  Emotionale Betriebsversammlung wegen der drohenden Schließung des Heilbronner Unilever-Standorts: Ein Demonstrationszug umrundet am Donnerstag die Fabrik, in der seit 1884 Knorr-Produkte hergestellt werden.

Email

„Wir sind Knorr!“ Immer wieder rufen die Heilbronner Unilever-Mitarbeiter diesen Satz. Am Montag hatte der weltweite Produktions- und Logistikchef Marc Engel verkündet, dass er für das Werk nur eine Chance sieht, wenn die Kostenstruktur „radikal umgebaut“ wird. Werkleiter Hans-Josef Ingelmann bestätigte, dass Pläne für die Schließung in der Schublade liegen. „Ich war gezwungen, dafür Daten zu liefern“, sagte er. „Die Komplexität des Werks und seine Größe sind keine Garantie für die Zukunft.“

Er hat die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben und er will mit der Belegschaft für den Erhalt des Werks kämpfen. „Die Herausforderung ist so groß wie sie noch nie war.“ Engel komme aber nicht an die Standorte, die er von vorne herein schließen möchte. „Und ich will nicht der Werkleiter sein, der die Fabrik schließen wird“, sagte Ingelmann. „Ich stehe auf der Seite von Heilbronn.“ Peter Gomolzig, einer seiner Vorgänger, der längst im Ruhestand ist, bekundete seine Solidarität mit dem Standort, indem er mit am Werkstor stand.

"Lassen Sie uns nicht im Regen stehen"

Ob das alles ausreicht, um den Standort zu retten? Die Arbeitnehmervertreter sind skeptisch. „Lassen Sie uns nicht ein drittes Mal im Regen stehen“, sagte der Heilbronner Betriebsratschef Thilo Fischer in Richtung Ingelmann und in Richtung der deutschen Geschäftsleitung. Die letzten Kämpfe gegen Einschnitte hatte der Standort verloren.

Zugleich kritisierte Fischer die „arrogante Art“ von Marc Engel und die „armselige Unternehmensführung“ des Managements, das der Belegschaft den Schwarzen Peter zuspielen wolle. Seit 20 Jahren herrsche Stillstand, was Innovationen im Werk angeht, sagte Fischer. „1986 wurden wir noch als die modernste Suppenfabrik Europas gefeiert.“ Der Betriebsratschef forderte, dass das Unternehmen das Werk besser auslaste. Dann wäre die Wirtschaftlichkeit deutlich besser. Zudem forderte er Investitionen in neue Technologien und Produkte. 

Der französische Weg

Fischer machte deutlich, dass er für Gespräche bereitsteht. „Wir werden sorgsam, besonnen und klar strukturiert vorgehen.“  Er betonte aber zugleich, dass die Belegschaft das Werk nicht kampflos aufgeben werde. „Wenn es nur darum geht, billiger zu werden, dann müssen und werden wir uns mit allen Mittel wehren“, so der Betriebsratschef. „Wer mit dem Feuer spielt, muss auch mit den Auswirkungen leben können.“

Konzernbetriebsratschef Hermann Soggeberg drohte, den französischen Weg zu gehen. „Auch das können wir.“ Dort hatten Mitarbeiter einer Teefabrik, die Unilever schließen wollte, 2012 ihr Werk besetzt. Am Ende musste das Unternehmen der Belegschaft, die die Fabrik als Genossenschaft weiterführte, 20 Millionen Euro bezahlen.

„Nach den Vorgängen und Versprechungen der vergangenen Jahre ist das, was jetzt geschieht, nicht geeignet, das Vertrauen in die Unternehmensleitung zu stärken“, sagte Oberbürgermeister Harry Mergel. „Das Spardiktat, mit dem man Sie am Montag konfrontiert hat, reihen sich ein in eine Kette von Zumutungen in der jüngeren Vergangenheit.“  Als Berufsoptimist habe er trotz allem die Hoffnung auf ein stabiles Zukunftsmodell, das den Standort Heilbronn langfristig sichert, noch nicht aufgegeben. „Dafür lohnt es sich auch mit aller Kraft zu kämpfen.“

 

Für seine kämpferische Rede bekam der Heilbronner Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG viel Beifall. „Was sind Zusagen von diesem Konzern wert, wenn sie die im Zukunftstarifvertrag vor zwei Jahren versprochene  Zukunft schon wieder in Frage stellen?“ Es gebe keinen Grund, auf Lohn zu verzichten: „Nur billiger werden mit dem gleichen alten Portfolio sichert gar nichts.“

Bevor man sich an einen Tisch setze, müsse das Unternehmen schriftlich erklären, welche zukunftsfähigen Technologien am Standort implementiert werden sollen. Welche zukunftsfähigen Produkte in Heilbronn produziert werden sollen. Wie viele Beschäftigte der Standort haben werde. Und wie das Gesamtkonzept aussieht. Denn: „Seit Jahren fährt Unilever die Marke Knorr und den Standort nur auf Verschleiß.“ Für Siebert ist das „eine unternehmerische Bankrotterklärung“. 

Nicht nur den SPD-Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic erinnerte der anschließende, spontane Marsch um das Werk an die Demonstration für den Erhalt des Neckarsulmer Audi-Werks im April 1975. Mit dem Unterschied, dass der Heilbronner Oberbürgermeister dieses Mal in der ersten Reihe mitmarschierte. „Knorr ist ein starkes Stück Heilbronn“, sagte er. „Letztlich sind wir alle Knorrianerinnen und Knorrianer.“ 


Kommentar: Warnsignal

Von Manfred Stockburger

Gibt es noch einen Ausweg? Viel Zeit hat der Konzern-Produktionschef den Heilbronnern jedenfalls nicht eingeräumt, eine brauchbare Alternative zu der von ihm angedrohten Schließung des Werks zu entwickeln. Dass der Konzern zu hohen Investitionen in den Traditionsstandort bereit ist, um dort neue Technologien anzusiedeln, ist kaum zu erwarten. Die Knorr-Produkte sind immer weniger im strategischen Fokus des Konsumgüterkonzerns, der auch Körperpflege- und Reinigungsmittel im Sortiment hat.

Dass Hermann Soggeberg, der auch Vorsitzender des europäischen Betriebsrats von Unilever ist, die Frankreich-Karte spielt, ist bemerkenswert. Dort haben radikale Beschäftigte dem Unternehmen eine empfindliche Niederlage zugefügt, an die der Konzern lieber nicht erinnert werden möchte. Der auf Ausgleich ausgerichtete deutsche Weg der Sozialpartnerschaft hat immer nur neue Sparpakete, Verlagerungen und jetzt das Schließungsszenario gebracht. Das ist ein Warnsignal auch für andere Branchen, in denen es in den kommenden Monaten ähnliche Fragestellungen geben wird.

Das Schicksal der Knorr-Beschäftigten mag noch nicht ganz besiegelt sein. Eines steht fest: Ihnen und allen, die mit ihnen fühlen – davon gibt es in der Region viele – stehen harte Wochen bevor.


Manfred Stockburger

Manfred Stockburger

Chefkorrespondent Wirtschaft

Manfred Stockburger beschäftigt sich seit 1997 intensiv mit der Wirtschaft in Heilbronn-Franken und darüber hinaus. Die rasante Veränderung der Autobranche und des Lebensmittelhandels interessiert ihn besonders, außerdem die Entwicklung der Firmen in Hohenlohe.

Kommentar hinzufügen