Grenzwerte bei Waldweg um das Siebenfache überschritten

Beilstein/Zaberfeld  In mehreren Proben wurden schädliche Chemikalien festgestellt. Ein BUND-Mitglied brachte den Stein ins Rollen, weil er sich über Fremdstoffe im Baumaterial für Waldwege in Zaberfeld geärgert hatte. Jetzt zeigt sich: Das Problem ist ein ganz anderes.

Von Reto Bosch
Grenzwerte bei Waldweg um das Siebenfache überschritten

Naturschützer hatten dieses Foto in Zaberfeld gemacht. Wie sich jetzt herausstellte, sind aber nicht die Fremdstoffe, sondern Chemikalien das Problem.

Foto: privat

Dass in den Waldwegen in Beilstein und Zaberfeld Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Polychlorierte Biphenyle (PCB) gefunden wurden, ist im Grunde Zufall. Den Stein ins Rollen brachte ein BUND-Mitglied nach einem Spaziergang im Zaberfelder Wald. Er stolperte über Recyclingmaterial, mit dem Forstwege saniert werden sollten, das seiner Ansicht nach aber zu viele Fremdstoffe enthielt: Holz, Metalle, Kunststoffe. Der BUND formulierte eine Umweltmeldung an das zuständige Ministerium in Stuttgart.

Gutachter fanden zwar Fremdstoffe, dies aber in tolerierbarem Rahmen

Parallel richtete sich die Aufmerksamkeit auf Forstwege in Beilstein, wo es ähnliche Verdachtsmomente gab. Das Landratsamt Heilbronn veranlasste in Zaberfeld und Beilstein insgesamt 26 Kontrollschürfungen. Bagger gruben die Feldwege punktuell auf, Fachleute nahmen Proben. Das Ergebnis überraschte alle Beteiligten: Die Gutachten fanden zwar Fremdstoffe, dies aber in tolerierbarem Rahmen. "Das war unproblematisch", sagte Vize-Landrat Lutz Mai dieser Redaktion. Von der Richtgröße fünf Prozent seien die Grabungen weit entfernt gewesen - der BUND fordert im Übrigen, diese Quote auf maximal 0,5 Prozent zu senken.

Viel alarmierender waren die Laborwerte: vor allem PAK, aber auch PCB. Die Proben überschritten die Grenzwerte um das Siebenfache. Im Zaberfelder Rotköpflesweg wurden elf Proben gezogen. Sechs enthielten PAK, in einer Probe wurden erhöhte Werte von Mineralölkohlenwasserstoffe nachgewiesen - verursacht vermutlich von einer Baumaschine. Im Untergangweg (Zaberfeld) waren von fünf Proben zwei auffällig (ein Mal PAK, ein Mal PCB). In einem Maschinenweg in Beilstein fand der Gutachter in einer von fünf Proben PCB, in einem anderen Maschinenweg in fünf Proben drei Mal PAK.

Wege werden auf einer Länge von 150 Metern komplett erneuert

Lutz Mai hat nach eigenen Angaben keinerlei Hinweise darauf, dass sich die beteiligten Firmen eines Fehlverhalten schuldig gemacht haben. Trotzdem seien die Unternehmen bereit, insgesamt 150 Meter Forstwege neu zu bauen und das Material zu ersetzen. Mai betont, dass alle Abschnitte, in denen über dem Grenzwert liegende Belastungen festgestellt worden sind, erneuert würden. Ob andere, in der Vergangenheit gerichtete Forstwege ebenfalls kontaminiertes Recyclingmaterial enthalten, kann Mai nicht sagen. Flächendeckende Nachkontrollen seien nicht umsetzbar. Im Landkreis werden pro Jahr mehrere hundert Meter bis wenige Kilometer Forstwege gerichtet.

Eine Erklärung für die Kontaminationen können weder Behörden noch Unternehmen liefern. Eine betroffene Firma erklärte der Heilbronner Stimme: "Für uns ist nicht nachvollziehbar, dass Proben mit einem anderen Wert herauskamen, da es sich um alte Fachwerkhäuser handelte". Das verwendete Material sei "produktzertifiziert und analysiert für den Wegebau freigegeben" worden. Kreisforstamtsleiter Christian Feldmann widerspricht: Für die tieferliegende Tragschicht - und nur diese machte Probleme - lägen eben keine Produktzertifikate vor. Produktzertifiziert heißt: Ein externer, unabhängiger Fachmann zieht Proben, wertet diese aus und gibt grünes Licht für die weitere Verwendung. Dieses Verfahren, verbunden mit einem homogeneren Ausgangsmaterial, würde nach Ansicht von Feldmann weitgehende Sicherheit bringen. Das Recyclingunternehmen sicherte zu, die Kontrollen freiwillig zu verstärken.

 


Kommentar: Stopp!

Stopp!

Kein Keiler, kein Wanderer wird direkten gesundheitlichen Schaden erleiden, wenn er auf den mit chemischen Schadstoffen belasteten Waldwegen in Zaberfeld und Beilstein unterwegs ist. Das ist aber auch die einzige gute Nachricht. Man muss festhalten: Mit PAK und PCB kontaminiertes Material wurde nicht als Sondermüll entsorgt, sondern im empfindlichen Ökosystem Wald als Baustoff in die Tragschicht von Forstwegen eingebaut. Niederschläge können im Lauf der Jahre diese Chemikalien auswaschen, irgendwann erreichen sie unter Umständen das Grundwasser.

Nach allem, was man bisher sagen kann, ist dies nicht mit Vorsatz geschehen. Das macht den Fall aber nicht besser. Im Gegenteil. Er dokumentiert das Versagen der geltenden Rechtslage und der aktuellen Kontrollpraxis. Nichts anderes wäre es, wenn ein zertifiziertes Unternehmen mit Abbruchmaterial nach vorgegebenem Muster umgeht und trotzdem schädliche Chemie im Wald landet. Ohne die Hartnäckigkeit der BUND-Leute wären die Wege nie untersucht worden. Und man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs sein könnte. Welche Schadstoffe schlummern noch in Forstwegen in Baden-Württemberg?

Diese Frage kann niemand beantworten. Die sogenannte Ersatzbaustoffverordnung soll den Wildwuchs an Landesreglungen beschneiden. Doch ob sie nach den Schleifarbeiten der Lobbyverbände noch scharf genug sein wird, ist zumindest fraglich. Wer Wälder vor zwar ungefährlichen, aber unschönen Fremdstoffen wie Kunststoff oder Metall schützen, wer sicherstellen will, dass keine gefährlichen Chemikalien in Forstwegen lauern, muss ein Stoppschild in den Boden rammen: Kein Recyclingmaterial mehr in deutschen Wäldern. Auch wenn dies den Wegebau und die Entsorgung von Abbruchmaterial teurer macht.

 

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