Gleichstellung der Frau damals, heute und morgen

Heilbronn  Was wurde in 100 Jahren Frauenarbeit erreicht? Beim dritten Frauenmahl anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Evangelischen Frauen in Württemberg tauschen sich 180 Damen über diese Frage aus.

Email
Gleichstellung der Frau damals, heute und morgen

180 Damen sind der Einladung zum dritten Frauenmahl ins Restaurant Kult im Stadtteil Wohlgelegen gefolgt. Bei einem Drei-Gang-Menü und interessanten Redebeiträgen tauschten sie sich über 100 Jahre Frauenarbeit aus.

Fotos: Ralf Seidel

Hundert Jahre ist es her, dass Frauen das erste Mal ihre Meinung bei einer Wahl vertreten durften. Ebenfalls hundert Jahre ist es her, dass sich die Evangelischen Frauen in Württemberg gründeten. "Das ist ein Grund zum Feiern", findet Dina Maria Dierssen, Geschäftsführerin des Vereins Evangelische Frauen in Württemberg (EFW). "Frauenpolitik und Gedöns" lautet das Thema beim dritten Frauenmahl, das die EFW in Kooperation mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) und der Evangelischen Erwachsenenbildung Heilbronn veranstaltet.

Erinnerung an Gastlichkeit im Hause Luther

"Das Frauenmahl soll an die besondere Gastlichkeit erinnern, die im Hause Luther gepflegt wurde", erklärt Pfarrerin Karin Uhlmann vom KDA. 180 Damen sind der Einladung ins Restaurant Kult im Stadtteil Wohlgelegen gefolgt, um sich bei einem Drei-Gang-Menü über die Errungenschaften in 100 Jahren Frauenarbeit auszutauschen. Gabriele Wulz, Prälatin aus Ulm, Gundelsheims Bürgermeisterin Heike Schokatz und Beate Bindereif-Mergel, Geschäftsführerin vom Haus der Familie in Heilbronn, geben hierzu Einblicke in ihr Arbeitsfeld und zeigen auf, was es heißt, als Frau an der Spitze zu stehen. Passend zum Thema begleiten vier Fagottistinnen den Abend musikalisch, denn noch vor einiger Zeit war das Fagottspielen nur den Männern vorbehalten.

Frauen und Gedöns

"Kein Aufheben, schon gar nicht um die Frauen. Darüber sind sich die Mächtigen aus Politik, Religion und Wirtschaft über Jahrtausende einig", weiß Dina Maria Dierssen. Auch heute würden Frauen oftmals immer noch mit dem Begriff "Gedöns" in Zusammenhang gebracht. Prominentestes Beispiel: Die Aussage von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder nach der gewonnenen Bundestagswahl 1998 über das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Frauenquote ja oder nein?

Gleichstellung der Frau damals, heute und morgen
Was wurde in 100 Jahren Frauenarbeit erreicht?180 Frauen tauschen sich beim Frauenmahl darüber aus.

"Frauen müssen in ihrer Würde, ihrer fachlichen Kompetenz und körperlichen Integrität gesehen und bewahrt werden", fordert Dierssen. Auch Gabriele Wulz, Prälatin aus Ulm, unterstützt diese Forderung. "Wir haben viel erreicht: 1919 war die Kirche mit Blick auf ihre Leitung noch ein reiner Männerverein." Die Frauenbewegung habe dazu geführt, dass heute über die Hälfte der Kirchengemeinderäte weiblich und Pfarrerinnen in jedem Kirchenbezirk vertreten seien. "Ich scheue mich nicht, für eine Quotenfrau gehalten zu werden", betont Wulz. "Wir müssen strukturell an die Frage der Macht gehen, um Kirche und Gesellschaft nachhaltig zu verändern." An Frauen würden immer noch härtere Maßstäbe angelegt werden. "Mütterlichkeit wird ihnen ebenso wenig verziehen wie das Gegenteil. Wir müssen aufhören, uns zu entwerten, nur um akzeptiert zu werden."

Heike Schokatz ist seit 30 Jahren in der Kommunalverwaltung aktiv, davon zwölf Jahre als Bürgermeisterin von Gundelsheim. Der Job erfordere Charakter und Stärke. "Ich habe mich von Anfang an den Aufgaben gestellt, dabei aber nie meine männlichen Kollegen in ihrem Mannsein kopiert." Denn sie habe die Erfahrung gemacht, dass das von anderen Frauen nicht akzeptiert wird. "Dieser Spagat wird aber nicht immer mit positiven Wahlentscheidungen belohnt. Das ist auch auf Landes- und Bundesebene spürbar." Eine Frauenquote sei trotzdem nicht die Lösung, denn "die Frauen sind selbst dafür verantwortlich: Leider wählen Frauen nur eingeschränkt Frauen". Auch sie habe diese Erfahrung gemacht.

Beruflicher Werdegang darf nicht zum Nebenprodukt werden

Mehr als die Hälfte von 100 Jahren Frauenwahlrecht hat Beate Bindereif-Mergel miterlebt: "Davon eine lange Zeit als nicht nur die Frau an der Seite von Oberbürgermeister Harry Mergel", betont die Geschäftsführerin vom Haus der Familie. "Solange wir trotz beruflicher Erfolge in der Öffentlichkeit über unsere Kleidung wahrgenommen werden, hat das Folgen für die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung anderer", findet sie und betont: "Unser beruflicher Werdegang darf nicht zum Nebenprodukt werden."

Ursprung

1919 wurde erstmals eine Frauenabteilung im Evangelischen Volksbund gegründet. 1923 schloss diese sich dem neu entstandenen Bund Evangelischer Frauen an. Nach dem Krieg schufen die evangelischen Frauen Anlaufstellen für Hausmädchen, Erholungshäuser für Frauen und den Ausbildungsberuf der "Dorfhelferin".

2006 fusionierten Frauenarbeit und Frauenwerk der Evangelischen Landeskirche zu den "Evangelischen Frauen in Württemberg".

 

 

Kirsi-Fee Rexin

Kirsi-Fee Rexin

Autorin

Kirsi-Fee Rexin begann im Jahr 2014 ein Volontariat bei der Heilbronner Stimme. Seit 2016 ist sie als Redakteurin im Ressort Landkreis hauptsächlich für Kommunen im nördlichen Landkreis zuständig. 

Kommentar hinzufügen