Gibt es wirklich Mentalitätsunterschiede zwischen Ossis und Wessis?

Region  Menschen, die in beiden Teilen Deutschlands zu Hause waren, sagen: Es gab und gibt Mentalitätsunterschiede zwischen den Menschen in Ost und West. Welche das sind, beantworten uns vier "Wossis" 30 Jahre nach dem Mauerfall.

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Wossis – so werden Menschen genannt, die in beiden Teilen Deutschlands gelebt haben. Wir haben vier Wossis gefragt: Stimmt das Klischee, dass es fundamentale Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen aus Ost und West gibt und dass diese sich hartnäckig halten? Sind Ossis wirklich so ängstlich, mürrisch und unzufrieden, wie im Westen oft vermutet wird? Und wie sehr trifft umgekehrt das Vorurteil vom arroganten „Besser-Wessi“ zu? Hier ihre Antworten:

In der DDR war Leistung gefragt

Dass es grundsätzliche Mentalitätsunterschiede zwischen den Deutschen im Osten und im Westen gibt, glauben Antje und Marco Sieber aus Leingarten nicht. Die Trennlinie verläuft ihrer Meinung nach eher zwischen den Menschen, die sich nach dem Mauerfall auf die neuen Gegebenheiten eingestellt haben und denen, die das nicht geschafft haben. In der DDR sei schon alles "sehr abgesichert" gewesen, sagt Antje Sieber: "Man hat früh Kinder bekommen, dann eine Wohnung, hatte die Arbeitsstelle sicher." Wie ihr Mann Marco ist sie in Leipzig aufgewachsen. In einem "Elternhaus ohne Westfernsehen und ohne Kontakt zu den Kirchen", wie sie erzählt: "Ich hab' alles mitgemacht: Jungpioniere, Thälmann-Pioniere, das war für mich ganz selbstverständlich."

Marco Sieber wollte als Heranwachsender nicht zur Jugendorganisation FDJ, erzählt er. Er habe sich schließlich nur gefügt, weil der politische Druck auf ihn zu groß geworden sei. Nach der Wende zogen seine Eltern schnell um in den Westen, wohnen heute in Leingarten, wie die jungen Siebers auch.

Es habe ihnen beiden in der DDR an nichts gefehlt, sagen sie: "Wir haben gelernt, mit dem Wenigen klarzukommen, was wir hatten, das hat unsere Kreativität und den Zusammenhalt gefördert." Auch im Westen hätten sie sich dann rasch zurechtgefunden.

Ein Unterschied ist Marco Sieber aufgefallen, als er begonnen hat, in der Region als Mechatroniker zu arbeiten: "Das Vorurteil, dass in der DDR im Vergleich zum Westen nichts geschafft wurde, stimmt nicht. Wir sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass wir nur etwas erreichen, wenn wir etwas leisten."

Antje (42) und Marco (44) Sieber stammen aus Leipzig und wohnen heute mit ihren zwei Kindern in Leingarten. Sie arbeitet in der Verwaltung eines Handelsunternehmens in Neckarsulm, er als Mechatroniker in Brackenheim.

Höheres Niveau im Sport

"Was, du bist eine West-Tante?" Mit diesem Satz ihrer Mannschaftskollegin wurde Katrin Math erst konfrontiert, nachdem sie schon ein Jahr lang in Leipzig Handball gespielt hatte.

Für sie habe ihre West-Herkunft in ihren fünf Jahren in der Stadt nie eine Rolle gespielt, sagt die 48-Jährige. Aus Cuxhaven kommend zog sie 1995 nach Leipzig zu ihrem damaligen Partner − es war ihre erste Job-Station nach dem Studium. Warum sie so lange nicht als "Wessi" aufgefallen ist? Auf die Frage überlegt sie kurz und sagt dann: "Wahrscheinlich war ich nie der ,Besser-Wessi', sondern Berufsanfänger, wie viele andere auch. Und ich habe permanent in der Stadt gelebt und war kein Wochenend-Pendler. Ich war eben ,die Norddeutsche', aber ob aus Ost oder West, das war nie Thema."

Einen wesentlichen Unterschied gab es für sie im Sport. "In Cuxhaven hätte ich nie auf diesem Niveau Handball spielen können." Ihr Leipziger Team schafft es bis zum Aufstieg in die Oberliga. In der Mannschaft sind Ex-DDR-Profispielerinnen − "zum abtrainieren". Das Leistungsniveau und der Umgang mit dem eigenen Körper sei ein ganz anderer gewesen als in ihrer westdeutsche Heimat. Und der Mannschaftsarzt war immer dabei, ob bei Heim- oder Auswärtsspielen: "im Westen sicher in dieser Liga nicht üblich."

Katrin Math (48) arbeitet heute als Personalleiterin in Heilbronn.

Frauen waren unabhängiger

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Anke Fleßner ist Mutter von zwei Schulkindern und Anwältin. Für sie war es lange selbstverständlich, dass Frauen arbeiten gehen: "In der DDR waren die Kinder in der Krippe gut versorgt. Und einmal pro Monat hatten Mütter einen Haushaltstag, an dem sie alles erledigen konnten, was im Alltag so nicht möglich war." Das hat sie bei ihrer eigenen Mutter, einer Kinderärztin, erlebt und als Heranwachsende nie als Problem empfunden.

Als sie in Heilbronn selbst Mutter wird, macht sie andere Erfahrungen: "Mir war nicht klar, dass es die Möglichkeit, Kinder und Beruf zu vereinbaren, so im Westen nicht gibt." Fleßner erlebt regelrechte Anfeindungen von anderen Müttern, als sie trotzdem schnell wieder in ihren Beruf einsteigt: "Ich habe Vorwürfe gehört wie: ,Bist du dir selbst so wichtig, dass du dein Kind schon mit einem Jahr in den Kindergarten gibst'?" Solche und ähnliche Aussagen machen ihr lange zu schaffen.

Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West sieht sie heute kaum noch. Dass die Berufstätigkeit der Frau im vereinigten Deutschland "noch immer nicht honoriert wird", das System auf den Mann als Hauptverdiener ausgerichtet ist, bleibt für sie aber unverständlich. Sie kritisiert: Von Frauen werde damit letztlich erwartet, dass sie ihre Unabhängigkeit aufgeben.

Anke Fleßner (42), Anwältin, stammt aus der Stadt Brandenburg

 


Valerie Blass

Valerie Blass

Autorin

Valerie Blass ist Autorin im Politikressort. Ihr besonderes Interesse gilt Themen aus dem Bereich Gesundheit.

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