Gewaltkriminalität erreicht einen neuen Höchststand

Region  Bilanz der Staatsanwaltschaft: Körperverletzungen nehmen weiter zu. Im Kampf gegen Autoschieberbanden bringt Kooperation mit litauischen Ermittlern einen großen Erfolg.

Von Carsten Friese
Gewaltkriminalität erreicht einen neuen Höchststand

Gegen Banden von Autodieben, die vor allem aus Osteuropa einreisen, will die Staatsanwaltschaft Heilbronn verstärkt vorgehen.

Foto: Jens Schierenbeck/dpa

Der Trend ist offenbar nicht aufzuhalten, und für den Chef der Heilbronner Staatsanwaltschaft, Frank Rebmann, ist die Entwicklung "besorgniserregend": Seit 2008 haben die Fallzahlen der Gewaltkriminalität im Einzugsgebiet der Staatsanwaltschaft um 61 Prozent zugenommen und im Vorjahr mit 1294 Fällen einen neuen Höchststand erreicht.

Mord und Totschlag haben sich um die Hälfte halbiert, von 61 auf 30 Fälle, doch gerade bei vorsätzlichen Körperverletzungen gibt es immer mehr Verfahren. Als "tragisch und dramatisch" stuft Rebmann diesen Trend ein, weil die Opfer oftmals schwer verletzt und auch traumatisiert würden. Eine Erklärung für die starke Zunahme hat er nicht. Zumal der Bundestrend in eine andere Richtung weist.

Eine Bilanz mit viel Licht und Schatten stellte der Behördenleiter gestern bei der Jahrespressekonferenz vor. Über zu wenig Arbeit können sich die 46 Staats- und Amtsanwälte nicht beklagen. In vielen Bereichen habe man Höchststände erreicht, zum Beispiel bei der Zahl der neuen Fälle. 57 398 Verfahren im Jahr 2018 bedeuten ein Plus von fast 2000 gegenüber dem Jahr zuvor. Neun Verfahren musste jeder Dezernent am Tag erledigen, um die Gesamtzahl zu bewältigen - Akkordarbeit. Und noch immer ist die Heilbronner Staatsanwaltschaft mit fast sechs Stellen unterbesetzt, hat in den Vorjahren aber schon sechs neue Kräfte dazubekommen. Jetzt hofft Rebmann darauf, dass die Regierungskoalition Wort hält und 2020 die noch unbesetzten Stellen füllt. Denn die Entwicklung im Jahr 2019 deute weiter steigende Ermittlungsverfahren an.

Lichtblick bei Wohnungseinbrüchen: Die Fallzahlen gingen um 60 Prozent zurück

Ein Lichtblick ist das Feld der Wohnungseinbrüche, da haben die Ermittler die Täter offenbar mit intensiven Maßnahmen und Festnahmen verdrängt. Von rund 1000 Einbrüchen im Jahr 2015 ging es auf 399 im Vorjahr zurück - minus 60 Prozent. Lange Haftstrafen für gefasste Täter, ist Rebmann überzeugt, "haben eine abschreckende Wirkung auf andere". In überwachten Gesprächen von Kriminellen habe man schon den Hinweis gehört, man solle die Region Heilbronn meiden.

Vom Bandenchef bis zur rechten Hand wurden im Fall von Autodieben in Litauen alle erwischt

Besonderes Augenmerk wollen die Ermittler auf Bandenkriminalität legen. Auf dem Feld gab es auffällige Zunahmen, beim Diebstahl hochwertiger Autos, beim Betrug per Enkeltrick oder der Masche, Polizist zu sein und Geld und Schmuck älterer Menschen angeblich in Sicherheit zu bringen. Die Herkunft der Täter ist oft Osteuropa und die Türkei. Mit litauischen Behörden, erklärt Rebmann, gebe es inzwischen eine sehr enge Zusammenarbeit. Ende 2018 habe man in einem Wohnhaus in Litauen "vom Bandenchef bis zur rechten Hand" alle verhaftet, da sei auch eine Staatsanwältin aus Heilbronn vor Ort gewesen. Die litauischen Behörden seien "unheimlich kooperationsbereit". Dieses Instrument "müssen wir mehr nutzen". Mit der Türkei gebe es bisher Rechtshilfeersuchen. Aber: Er wisse von anderen Staatsanwaltschaften, dass auch türkische Behörden Interesse hätten, gegen kriminelle Täter im eigenen Land vorzugehen.

Bei Rauschgiftdelikten geht der Trend auch wieder nach oben. Hier sieht Rebmann Erfolge durch das Zerschlagen von Drogenszenen am Heilbronner Marktplatz und im Landkreis Heilbronn. "Bei uns wird zugelangt", versichert er. Man werde weiter dran bleiben. Und auch bei internationalen Autobanden wolle man durch intensive Arbeit "draufhauen" und klare Signale setzen.


Großes Einzugsgebiet

Im Bereich der Staatsanwaltschaft Heilbronn leben rund 900.000 Menschen. Das Einzugsgebiet reicht über Stadt und Landkreis Heilbronn bis Besigheim, Marbach, Vaihingen, Künzelsau, Öhringen, Schwäbisch Hall. 2018 wurden Verfahren gegen 40.212 Beschuldigte abgeschlossen. In 23 Prozent der Fälle erging eine Anklage oder ein Strafbefehl. Bei den Anklagen gab es in 62 Prozent der Fälle Geldstrafen, in elf Prozent Haftstrafen mit und ohne Bewährung, in einem Prozent Freisprüche.

 


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