Geschredderte Hecke: Nabu Obersulm beklagt Riesenwunde

Lehrensteinsfeld/Obersulm  Ein Hecken-Biotop am Galgenstein in Lehrensteinsfeld weicht einer Trockenmauer. Das Landratsamt argumentiert, dass die Hecke alt und verfilzt sei. Das neue Biotop bringt mehr Ökopunkte ein.

Von Sabine Friedrich

Nabu Obersulm beklagt Riesenwunde in Natur auf Gemarkung Lehrensteinsfeld
Ulrich Hartmann steht inmitten einer idyllischen Landschaft. Für den Vorsitzenden des Naturschutzbundes Obersulm ein wertvolles Biotop. Nun ist es zerstört. Foto: Sabine Friedrich

Hier wächst nichts mehr." Ulrich Hartmann steht inmitten einer idyllischen Landschaft. Zur Rechten die Weinlage Offelesberg, links der Föhrenberg, im Vorder- und Hintergrund Äcker und Wiesen mit vereinzelten Streuobstbäumen auf Obersulmer und Lehrensteinsfelder Gemarkung. Es blüht und gedeiht rundum.

Nur zu seinen Füßen - nichts. Reste von geschreddertem Gehölz bedecken den Boden der kleinen Böschung. Hier waren jahrzehntelang Weißdorn, Heckenrose und Schlehe Heimat seltener Vogelarten, Insekten und Amphibien.

Hier entsteht eine Ausgleichsmaßnahme fürs Gewerbegebiet

Nabu Obersulm beklagt Riesenwunde in Natur auf Gemarkung Lehrensteinsfeld

Auf den Dornen des Weißdorns spießt der Neuntöter seine Beute auf.

 

Für den Vorsitzenden des Naturschutzbundes Obersulm ein wertvolles Biotop. Nun ist es zerstört. Und was Hartmann noch mehr empört, ist der Hintergrund, den die Heilbronner Stimme recherchiert hat. Die Hecke weicht einer Trockenmauer, die das Landratsamt der Gemeinde Lehrensteinsfeld als eine der Ausgleichsmaßnahmen für das Gewerbegebiet "Neuwiesen" genehmigt hat.

"Eine wahnsinnige tolle Hecke wird wegrasiert mit der Maßgabe, noch etwas Tolleres hinzustellen?" Hartmann ist nur noch fassungslos. "Das schlägt dem Fass den Boden aus. Da fällt mir nichts mehr dazu ein." Dieser Vorgang sei der "Oberhammer" in seinen 28 Jahren als Nabu-Vorsitzender.

Seltene Vogelarten haben hier gebrütet

Der Polizeibeamte im Ruhestand schreitet das Gelände am Galgenstein, das er schon aus seiner Kindheit - mit dieser Hecke - kennt, ab. "Jetzt gucken Sie sich das an." 55 Meter Hecke auf einer Breite von drei bis vier Metern sind verschwunden, ein erbärmlicher Rest von 15 Metern steht noch. Anfang April hat ein Nabu-Mitglied die Rodung entdeckt.

"Uns stinkt das." Hartmann vermisst mancherorts immer noch die notwendige Sensibilität für die Natur. Viele Vogelarten und Insekten hätten die Hecke bevölkert, weiß er, nennt Mönchsgrasmücke oder die Heckenbraunelle. Er erzählt von seltener Vogelbrut, zum Beispiel des Neuntöters, der auf der Roten Liste steht, und der auf dem Weißdorn seine Beute aufspießt.

Landratsamt muss als Ausgleich 50 neue Sträucher setzen

Man müsse sich nicht über jeden Busch und Baum aufregen, der zurückgeschnitten werde, ist Hartmann klar. Aber bei solch einer "Riesenwunde in der Natur" könne er nicht tatenlos bleiben. So hat er den Sachverhalt der Umweltmeldestelle des Umweltministeriums in Stuttgart mitgeteilt.

Diese lässt den Vorgang von der zuständigen Behörde, dem Landratsamt, prüfen. Nur: Es war die Kreisbehörde selbst, die die Rodung genehmigt, sogar von der Ausnahmeregelung im Bundesnaturschutzgesetz Gebrauch gemacht hat, wie Sprecher Manfred Körner erläutert. Die sieht vor, dass Biotope verändert oder beseitigt werden können, wenn diese Beeinträchtigung wieder ausgeglichen wird. In diesem Fall müssen 50 neue Sträucher gesetzt werden.

"Wir haben die Maßnahme genehmigt, weil ein höherwertiges Biotop entsteht", begründet Körner den Vorgang. Und Lehrensteinsfelds Hauptamtsleiter Benjamin Krummhauer: "Für eine Trockenmauer gibt es die meisten Ökopunkte." Er ergänzt: "Wir hätten sie an diesem Standort nicht gemacht, wenn wir gewusst hätten, dass da seltene Vogelarten leben."

Landratsamt widerspricht Naturschützern

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"Die Feldhecke war nicht hochwertig", gibt Körner die Meinung der Kreis-Ökologen, die vor Ort gewesen seien, wieder. Die Hecke sei sehr alt gewesen und verfilzt, habe Vögeln kaum noch ermöglicht, zu brüten. "Das ist schlicht nicht richtig", kontert Ulrich Hartmann, der inzwischen den Nabu-Landesverband informiert hat. Je dichter eine Hecke sei, umso mehr Schutz biete sie Vögeln, sagt der 65-Jährige.

Fachgerechte Trockenmauern gebe es immer weniger, führt Körner zudem ins Feld. Sie seien jedoch für bedrohte Arten wichtig. Hier siedelten sich Eidechsen, Kröten, Salamander und auch Insekten an. Und hinter der Mauer werde es wieder sprießen. "Wenn die Hecke wieder steht, haben die Vögel vorne das Buffet", meint der Landratsamts-Sprecher.