Gegen personelle Unterversorgung in Psychiatrien

Weinsberg  Das Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg beteiligt sich am bundesweitem Aktionstag. Dass Pfleger, Ärzte und Ergotherapeuten zur Demonstration nach Berlin fahren, um sich gegen Personalkürzungen einzusetzen, wird von der Geschäftsführung unterstützt.

Zentrum für Psychiatrie beteiligt sich an bundesweitem Aktionstag

Mitarbeiter des Zentrums für Psychiatrie Weinsberg beteiligen sich an einem Aktionstag. Ziel ist es, die Personalsituation in diesen Krankenhäusern bundesweit zu verbessern.

Foto: Mario Berger

Pfleger, Ärzte oder Ergotherapeuten: Mitarbeiter des Zentrums für Psychiatrie Weinsberg haben sich gestern an einem bundesweiten Aktionstag für eine gute Patientenversorgung und mehr Personal in den Psychiatrien beteiligt. Anlass dafür ist die bevorstehende Sitzung des sogenannten Gemeinsamen Bundesausschusses, in der die Weichen für die künftige Personalausstattung gestellt werden sollen. Geschäftsführung und Gewerkschaft sind sich einig, dass der vorgestellte Entwurf nicht tragbar ist. Befürchtet wird, dass Personal wegfällt.

Geschäftsführerin erinnert an die eigentlichen Vorschläge

Wenn eine Geschäftsführung es unterstützt, dass Arbeitnehmer zu einer Demonstration nach Berlin fahren, lässt das aufhorchen. Anett Rose-Losert hat genau das in ihrer Rede vor mehreren Dutzend Beschäftigten der Weinsberger Einrichtung getan. In der Kritik steht der Vorschlag aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss, der sich mit den stationären Einrichtungen befasst.

"Die Richtlinie sollte evidenzbasiert und leitliniengerecht sein, also eine Qualitätssicherungsrichtlinie und kein Finanzierungsinstrument", sagte die Geschäftsführerin vor den Mitarbeitern. Doch genau auf letzteres könnte es hinauslaufen. Die aktuellen Vorgaben der Psychiatrie-Personalverordnung stammen aus dem Jahr 1991. Und eigentlich sollte alles weiterentwickelt werden. Jetzt laute der Vorschlag, das Personal auf zirka 80 Prozent zu senken.

Anett Rose-Losert fordert mehr Personal

"Wir wollen keine Unterversorgung", betonte Anett Rose-Losert gegenüber unserer Redaktion. "Wir wollen Personal." Sie wünscht sich eine praxistaugliche Ausstattung mit Mitarbeitern, die der Versorgung gerecht wird. Dabei sollte die Mischung der Patienten berücksichtigt werden. Die Kostenträger wie Krankenkassen schlagen zudem vor, dass die Häuser monatliche Nachweise zur Personalbesetzung bringen müssten. Anett Rose-Losert fürchtet deshalb eine Abwärtsspirale beim Personal.

Personalratsvorsitzende spricht von erbärmlichem Entwurf

Das sieht die Personalratsvorsitzende Lilian Kilian genauso. Als "erbärmlich" charakterisierte sie den Entwurf. Der Gemeinsame Bundesausschuss habe es in drei Jahren nicht geschafft, den Auftrag des Gesetzgebers zur Verbesserung der Versorgungssituation zu erfüllen. Der Entwurf orientiere sich nicht am Bedarf der Patienten. Stattdessen habe man es geschafft, die alte Psychiatrie-Personalverordnung zu verschlechtern.

Lilian Kilian fordert mehr Personal, beispielsweise um die sogenannte Eins-zu-Eins-Betreuung beibehalten zu können. Mit dem Personal könnte man auch Zwang und Gewalt verhindern, sagte sie. "Wir sind die sprechende Medizin." Doch schon jetzt fielen Gruppen und Gespräche aus, weil das Personal dafür fehle.

Eine Verwahrpsychiatrie darf es nie wieder geben

Lilian Kilian gab dafür auch Beispiel: Manchmal kämen Patienten in einem "psychischen Ausnahmezustand" in die Klinik. Nicht jeder könne es dann verkraften, wenn kein Ansprechpartner zur Verfügung stehe - Gewalt sei möglich. Um die Qualität zu sichern und gewaltarme Stationen zu schaffen, sollten sich die Größen der Abteilungen an der Patientenzahl orientieren Es dürfe nie wieder eine Verwahrpsychiatrie geben. Schon jetzt gebe es unter den 1500 Mitarbeitern des Zentrums Überstunden. Bei 80 Kollegen in der Pflege sei allein ein Berg von 10.000 Überstunden zusammengekommen, berichtete Lilian Kilian.

Für Aufsehen bei Klinikmitarbeitern sorgt eine bundesweite Umfrage der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi unter Beschäftigten der psychiatrischen Krankenhäuser: So hätten fast 50 Prozent der Befragten im Monat vor der Umfrage einen körperlichen Übergriff erlebt. Fast 77 Prozent können sich nicht vorstellen, den Beruf mit der derzeitigen Personalausstattung bis zur Rente auszuüben.

 


Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen in Neckarsulm, Ilsfeld, Untereisesheim und Weinsberg.

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