GKNII-Rohre heizen Sorgen der Atomkraftgegner an

Neckarwestheim  Atomkraftgegner fordern bei einer Protestaktion, dass GKN II endgültig abgeschaltet wird. Sie fürchten, dass korrossionsgeschädigte Heizrohre komplett abreißen und es zu ernsten Störfällen kommt. Sie sehen sich von einer Studie bestätigt.

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GKNII: Rohre heizen Sorgen an

Zur Protestaktion von mehreren atomkritischen Organisationen waren rund 50 Männer und Frauen nach Neckarwestheim gekommen. Im Hintergrund die Reaktorkuppel von GKN??II.

Foto: Mario Berger

"Eure Risse, unser Risiko": Rund 50 Atomkraftgegner haben vor dem GKN-Gelände in Neckarwestheim das Landesumweltministerium aufgefordert, den Reaktor endgültig abzuschalten. Sie verweisen auf die wiederholten Korrosionsschäden in den Dampferzeugern von GKN II und auf eine Studie der Materialprüfungsanstalt Stuttgart. Diese belege, dass die sicherheitsrelevanten Heizrohre ohne Vorwarnung abreißen und damit gefährliche Störfälle auftreten können. Die Atomaufsicht sieht das anders.

191 beschädigte Rohre wurden gefunden

Die Fakten: Nachdem die EnBW im vergangenen Jahr 101 beschädigte Heizrohre entdeckt hatte, waren es aktuell 191. Bei der Revision 2018 fanden die Prüfer Stellen, an denen Korrosion 90 Prozent der Wandstärke abgefressen hatte, dieses Mal lag die stärkste Schädigung bei 70 Prozent. In den als Wärmetauschern fungierenden Heizrohren fließt unter hohem Druck heißes, radioaktiv belastetes Wasser aus dem Reaktorkern und gibt in den Dampferzeugern Wärme, aber nicht Radioaktivität an den zweiten Kühlkreislauf ab.

Während EnBW und Atomaufsicht der Meinung sind, dass im vergangenen Jahr die richtigen Verbesserungen eingeleitet wurden, argumentieren Kernkraftgegner in die gegenteilige Richtung (wir berichteten). "Atomaufsicht und EnBW haben überhaupt nichts im Griff", sagte BUND-Regionalgeschäftsführer Gottfried May-Stürmer bei der Protestaktion vor dem GKN.

Atomkraftgegner berufen sich auf eine Studie der Materialprüfungsanstalt Stuttgart

In einem ganz wesentlichen Punkt gehen die Ansichten ebenfalls auseinander. Die Anti-Atom-Organisation "Ausgestrahlt" hat eine Studie der Materialprüfungsanstalt Stuttgart aus dem Jahr 2013 ausgegraben. Die Experten hatten solche Heizrohre getestet, die auch in GKN II verbaut sind. Ein Ergebnis: Waren die Rohre ringförmig geschwächt (was bei den aktuellen Befunden in GKN II der Fall ist), ist das Rohr auf dem Prüfstand spontan gebrochen.

Im Klartext würde das heißen: Ein wesentliches Prinzip der Sicherheitsarchitektur in den Dampferzeugern wäre außer Kraft gesetzt. Denn die EnBW geht davon aus, dass ein Heizrohr erst leckt, bevor es bricht. Hochsensible Messtechnik würde ein solches Loch anzeigen, der Reaktor könnte abgefahren, der Abriss eines Rohres verhindert werden. "Die Atomaufsicht darf sich nicht erneut auf ein angebliches Leck-vor-Bruch-Verhalten verlassen, von dem bekannt ist, dass es für die in Neckarwestheim vorkommenden Schäden nicht existiert", erklärt "Ausgestrahlt". Ein abgerissenes Rohr könne Störfälle bis zum Super-Gau auslösen - was die Reaktorsicherheitskommission allerdings bestreitet.

Ausgelegt ist GKN II durchaus für den kompletten Abriss eines Heizrohres - allerdings nur für eines. "Weitere Abrisse sind nach dem kerntechnischen Regelwerk praktisch ausgeschlossen", sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums unserer Redaktion.

Atomaufsicht hält Sicherheit des Reaktors für gewährleistet

Die Atomaufsicht kennt die Studienergebnisse der Materialprüfungsanstalt. "Sie wurden bei der GKN-spezifischen Nachweisführung berücksichtigt", versichert das Ministerium. Der Zustand der Anlage sei sehr genau bekannt. Wenn es zu wanddurchdringenden Rissen kommen sollte, sei nachgewiesen, dass diese sehr frühzeitig entdeckt werden. "Entsprechende Nachweise liegen für alle auftretenden betrieblichen Belastungen und auch für alle zu unterstellenden Störfälle vor." Die EnBW hat von der Atomaufsicht weitere Hausaufgaben bekommen. Die Dampferzeuger müssen im selben Maße gespült, gereinigt und konserviert werden, wie 2018 begonnen. Und: 2020 muss der Betreiber erneut alle 16.000 Heizrohre prüfen.

Das Atomkraftwerk GKN II ist wegen der Heizrohrschäden erneut länger in Revision als geplant. Grundsätzlich bedarf es der Genehmigung der Atomaufsicht. "Diese erteilen wir erst, wenn alle sicherheitstechnischen Arbeiten abgeschlossen und relevanten Anforderungen erfüllt sind", erklärt eine Sprecherin des Landesumweltministeriums. Beschädigte Heizrohre werden außer Betrieb genommen. Die EnBW hatte nach mehrmaligen Verschiebungen GKN II bei der Leipziger Strombörse für diesen Samstag, 6 Uhr, wieder angemeldet.


Kommentar: Zweifel

GKN II soll noch drei Jahre Strom produzieren und sich dann in den Ruhestand verabschieden. Auch wenn die von manchen Kernkraftgegnern gezeichneten Katastrophenszenarien zuweilen übertrieben klingen: Dass die Anlage Ende 2022 vom Netz geht, ist aus sicherheitstechnischen Erwägungen zu begrüßen. Zum einen wegen des allgemeinen Restrisikos, das auch in vergleichsweise modernen Reaktoren mitverbaut ist. Zum anderen, weil sich die technischen Probleme in den Dampferzeugern häufen.

Die Korrosion frisst sich seit 2017 nicht nur in eine erhebliche Zahl an Heizrohren, sondern auch in das Vertrauen in die 1989 in Betrieb gegangene Anlage. Schon 2018 musste die Revision verlängert werden, die Atomaufsicht hat die Vorgaben verschärft. Auch nächstes Jahr muss die EnBW alle Heizrohre prüfen. Das zeigt, dass das Landesumweltministerium die Sache ernst nimmt, das zeigt aber auch, dass sich der Reaktor mit schwindenden Kräften Richtung Ziellinie zu schleppen scheint.

Bevor ein Heizrohr reißt, wird es feststellbar undicht – dieses Prinzip spielt in der Sicherheitsarchitektur der Dampferzeuger eine wichtige Rolle. „Ausgestrahlt“ hat nun ein Gutachten der Materialprüfungsanstalt präsentiert, das infrage stellt, dass dieses Leck-vor-Bruch-Prinzip tatsächlich in jedem Fall greift. Die Atomaufsicht sieht kein Risiko, aber Zweifel bleiben. 


Reto Bosch

Reto Bosch

Stv. Regionalchef, Leiter Landkreis

Reto Bosch arbeitet seit 2000 für die Stimme. Gemeinsam mit seinem Team sucht er nach spannenden regionalen Themen. Kommunalpolitik, Agrarthemen, Atomkraft und Umweltschutz hat er besonders im Blick. 

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