Für diese Familie ist der 3. Oktober ein Wunder

Sinsheim  Tag der deutschen Einheit: Familie Friedrich flüchtete im Trabi aus der DDR - wenige Wochen vor dem Mauerfall. Heute leben Friedrichs in Sinsheim und fragen sich, warum die Wiedervereinigung für viele kaum noch von Bedeutung ist.

Von Alexander Hettich

DDR-Flucht: Mit dem Trabi in die Freiheit

Christine und Holger Friedrich mit Theatermagazinen aus den 80er Jahren. Aufführungspläne für "Romeo und Julia" verschärfte für sie die Lage in der DDR.

Foto: Hettich

Auf Wie-der-se-hen. Amüsiert imitiert Holger Friedrich den DDR-Grenzer, der sie am Überweg zur Tschechoslowakei so süffisant verabschiedete, jede Silbe betonend. Ein Wiedersehen mit der DDR, das wusste wohl auch der Beamte, würde es für Holger Friedrich, seine Frau Christine und die beiden Kinder nach jenem Oktober 1989 nicht geben. Die Familie floh unter großer Gefahr. Heute lebt das Paar in Sinsheim. Dass der 3. Oktober für viele nurmehr ein arbeitsfreier Tag ist, finden beide bedenklich.

Der Antrag auf eine Urlaubsreise wurde bewilligt

Jetzt oder nie. Das wussten die Friedrichs, als in Dessau die Nachricht die Runde machte: Schießbefehl an der österreichisch-ungarischen Grenze aufgehoben. Sie stellten einen Antrag auf eine Urlaubsreise. Eine angebliche Hochzeit bei ungarischen Freunden diente als Vorwand. "Vor dem Reisebüro standen schwer bewaffnete Polizisten", erzählt Christine Friedrich.

Der Antrag wurde bewilligt. Der Rest war eine lange Trabifahrt, mit zwei Kindern, vier und sieben Jahre alt, über Prag und Ungarn nach Bayern. Die Flucht war vielleicht nicht so spektakulär wie jene, die der aktuelle Kinofilm "Ballon" schildert − aber nach damaligem Empfinden nicht minder riskant. Wären sie erwischt worden, "man hätte uns eingesperrt und die Kinder zur Adoption freigegeben", ist Christine Friedrich sicher. Wer konnte schon wissen, dass wenige Wochen später die Mauer fällt.

Dann war die DDR für Friedrichs gestorben

"Das Land lag in Agonie, überall graue Gesichter", erinnert sich Holger Friedrich an die Stimmung in der Endphase der DDR. "Überall diese Freudlosigkeit." Die Entfremdung hatte für beide schon viel früher begonnen. Die Weltfestspiele 1973, die Jugend zu Gast in Ost-Berlin. "Da hat man noch gedacht, das ist aber toll." Dann die Ernüchterung. Die junge Frau, die immer Malerin oder Journalistin werden wollte, durfte kein Abitur machen. "Von dem Moment an war die DDR für mich gestorben." Der Vater war Arzt. Der Tochter wurde erzählt: Sprösslinge der "Intelligenz" müssten nehmen, was für sie vorgesehen war. In Christine Friedrichs Fall hieß das: Finanzkauffrau mit Einblick in den Staatshaushalt. Schnell wurde ihr klar, "dass die DDR finanziell am Ende ist, völlig bankrott".

Holger Friedrich war Chemiefacharbeiter mit Abitur. Freiwillig drei Jahre zur Armee zu gehen, lehnte er ab. "Mein Leitspruch war immer: Ich muss abends noch in den Spiegel schauen können." Mit dem ersehnten Studienplatz wurde es erst einmal nichts.

Über Umwege landeten beide an einer Fachhochschule für Kulturmanagement in Meißen. Dort lernten sie sich kennen, im Rückblick schildern sie die Einrichtung als "Insel der Glückseligen". Von den Erfahrungen profitierten sie, als sie später in Sinsheim das Stadt- und Freiheitsmuseum aufbauten.

Die Stasi wusste, dass Friedrichs nicht linientreu waren

Die Schule war nicht dem gefürchteten Volksbildungsministerium von Margot Honecker unterstellt, fühlte sich dem "freien Denken" verpflichtet, so die Sinsheimer. Der Rektor lehrte deutsche Kulturgeschichte als gesamtdeutsche Geschichte. Doch bald war es damit vorbei. "Die Freidenker verschwanden", sagt Holger Friedrich. Es kam das, was er "Rotlicht-Unterricht" nennt. Streng linientreu − das waren die Friedrichs längst nicht mehr, und die Staatssicherheit wusste es.

Spätestens seit der Sache mit "Romeo und Julia". Christine Friedrich legt ein Programmheft des Anhaltinischen Theaters Dessau auf den Sinsheimer Wohnzimmertisch. Bei der Bühne war sie in den 80er Jahren Pressesprecherin. Der Regisseur wollte das Shakespeare-Liebesstück als Verbrüderungsdrama inszenieren. Verfeindete Familien reichen sich durch den Stacheldraht die Hand. "Das wurde abgelehnt", berichtet sie. Friedrich machte die Vorgänge öffentlich, wurde fortan auf Schritt und Tritt beschattet. Ihr Mann, an der pädagogischen Hochschule Köthen tätig, war der Stasi aufgefallen, weil er einer angehenden Lehrerin riet: "Zweifeln sie immer alles an." Bei den Friedrichs war längst alles Zweifel. Dann kam Ungarn. Das Jahr 1989.

Der 3. Oktober ist für viele ohne Bedeutung

Dass die Diktatur so friedlich überwunden wurde, ist für die beiden bis heute ein Wunder. "Wäre in Berlin nur ein Schuss gefallen, nicht auszudenken", sagt Holger Friedrich. Verwunderlich finden sie, dass der 3. Oktober für viele kaum noch Bedeutung hat.

Das Erinnern an die deutsch-deutsche Vergangenheit komme zu kurz. "Man müsste viel mehr Geschichte erzählen." Die beiden hätten es getan, wie jedes Jahr bei Führungen am 3. Oktober in "ihrem" Museum. Doch dort arbeiten sie nicht mehr. Die Friedrichs fühlen sich aus dem Projekt gedrängt, das sie seit Jahrzehnten aufgebaut haben. Die Stadt will sich mit Hinweis auf den Datenschutz nicht äußern. Das ist eine andere Geschichte, die für das Ehepaar dieses Jahr die eigentlich fröhliche Erinnerung am Einheitstag überschattet.

 


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