Für Hering macht der Zirkus-Seelöwe fast alles

Heilbronn  Ganz schön anstrengend: Mensch und Tier müssen für ihren Auftritt in der Manege hart arbeiten. Bei der Artistenprobe des Heilbronner Weihnachtszirkus bekamen Stimme-Leser an Silvester Einblicke in die Zirkuswelt.

Von Bärbel Kistner
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Hinter den Kulissen ist Zirkus vor allem eins: Training, Training und nochmal Training. Für die Perfektion und Leichtigkeit in der Manege bedarf es fast täglich harter Arbeit für Mensch und Tier. Rund 50 Stimme-Leser hatten an Silvester die Gelegenheit, bei einer extra angesetzten Artistenprobe im Heilbronner Weihnachtszirkus auf der Theresienwiese dabei zu sein. Auch während des Gastspiels werden einzelne Szenen geprobt.

Für Charly ist es ein besonderer Vormittag. Er darf heute im Zirkuszelt frühstücken. Zwei Kilo Hering hat Tierlehrer Roland Duss dabei. Und dafür macht der 15 Jahre alte kalifornische Seelöwe fast alles. "So lange ich Fisch habe, ist unser Verhältnis bestens", scherzt Duss. Unglaubliche Kunststücke hat Charly eingeübt. Geschickt lässt der Seelöwe einen Wasserball auf der Nase tanzen. "Ball, Nase, Fisch": Würde der Ball auf den Boden fallen, bliebe die Belohnung aus.

Seelöwen wollen Neues lernen

"Seelöwen sind prädestiniert, immer wieder etwas Neues zu lernen und wollen das auch", erklärt der Tierlehrer. An spielfreien Tagen muss er sogar aufpassen, dass Charly nicht aus Langweile ausbüxt.

Sich einen Eimer über den Kopf stülpen, mit einem Besen im Maul den Boden fegen, einen Ball auf einer Saugglocke balancieren, das alles beherrscht das schwere Tier mit verblüffender Eleganz. Damit nicht genug: Charly kann den Kopf schütteln, heftig nicken, mit der Flosse winken. Die Gruppe auf den Logenplätzen ist fasziniert vom Verhältnis zwischen Mensch und Tier.

Wildtierverbot trifft auch Seelöwen

Allerdings: Seelöwen fallen unter das Wildtierverbot, das den Weihnachtszirkus ab der nächsten Spielzeit trifft. Greift die städtische Verordnung, dürften Roland und Petra Duss in Heilbronn nicht mehr auftreten. "Das Verbot ist für uns alle ein großes Drama, die Tiere sind mit uns groß geworden."

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Wie sehen es die Probenbesucher? Auf Tiger, Löwen und Elefanten könnten viele verzichten. Aber alle Wildtiere generell abzuschaffen? Das fänden die Brüder Simon (13) und Lukas (11) aus Auenstein überhaupt nicht gut. "Für mich gehören Tiere dazu. Ein Verbot wäre ein Verlust für den Zirkus", sagt Thomas Leers aus Heilbronn. "Ich habe hier kein schlechtes Gefühl, wenn ich den Tieren zuschaue."

Pferde brauchen Training

Loben und Leckerli, das steht beim Pferdetraining im Vordergrund. Peitsche und Stock von Tierlehrer Wiorris Erani vom Schweizer Nationalzirkus Knie erfüllen nur den Zweck, die Pferde auf Abstand zu halten, damit sie am Manegenrand traben. Für Pferde sind tägliche Routine und Wiederholungen besonders wichtig. Normalerweise ist Erani frühmorgens der Erste im Zelt. Die anmutigen Andalusier-Hengste drehen ihre Runden in einer festen Reihenfolge. "Jedes Tier kennt seinen Platz. Pferde sind sehr schlau. Bemerken sie, dass man nicht konsequent ist, schleichen sich schnell Fehler ein", erläutert Moderator Fabian Egli. "Aufpassen! Volti! Good boy!", ruft Erani seinen Tieren zu. Es ist der typische Sprachenmix der multikulturellen Zirkuswelt.

Alexander Lichner entstammt einer spanischen Artistenfamilie und parliert in fließendem Deutsch. Für seine Nummer am Washington-Trapez braucht der 22-Jährige eine Menge Kraft und gute Nerven. Eine diskrete Sicherung würde ihn bei einem Sturz halten. "Das ist beruhigend für die Zuschauer", sagt Weihnachtszirkusdirektor Sascha Melnjak. Bei nervenaufreibenden Szenen ohne Sicherungsmöglichkeit - sechs Motorradfahrer, die gleichzeitig durch eine Eisenkugel sausen - hat selbst der Zirkusprofi feuchte Hände und ist jedes Mal erleichtert, wenn die Nummer vorbei ist.

Von Heilbronn ins Moulin Rouge

Jahrelange Übung steckt hinter dem Können von Jongleuse Geraldine Philadelphia. Das gilt auch für Rich Metiku, die ihren Körper in alle Richtungen drehen und biegen kann. Direkt nach der letzten Vorstellung in Heilbronn am 6. Januar fährt die Äthiopierin nach Paris ins legendäre Moulin Rouge.

Artist zog sich Kreuzbandriss zu

Großes Pech für Robi Berousek aus Tschechien: Der 41-jährige Artist blieb der vierten Abendvorstellung vom Weihnachtszirkus am 22. Dezember in den Sprossen seiner freistehenden Leiter hängen, mit fatalen Folgen. Ein doppelter Kreuzband- und Meniskusriss beendeten sein Gastspiel in Heilbronn, auf das Sascha Melnjak schon seit Jahren gewartet hatte. "Der Unfall ist für Robi Berousek besonders bitter", berichtet Melnjak. Der Gleichgewichtskünstler hatte nämlich eine begehrte Einladung vom Internationalen Zirkusfestival in Monte Carlo, die er nun nicht wahrnehmen kann.

 

 

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