Frühstart für Mähdrescher wegen Trockenheit

Trockenheit  Die Getreideernte hat drei Wochen früher begonnen als in anderen Jahren. Verantwortlich dafür ist das trockene Wetter. Während die Landwirte einigermaßen optimistisch auf die Ernte blicken, bereitet ihnen ein anderes Problem Kopfzerbrechen.

Von Reto Bosch

Frühstart für Mähdrescher
Thomas Denz steuert den mit moderner Technik ausgerüsteten Mähdrescher über die Äcker in Bad Friedrichshall-Kochendorf.

Jetzt rumpeln die stählernen Dinosaurier wieder über die Äcker der Region. Sie schneiden Halme ab, trennen die Spreu vom Weizen, stopfen sich die Mägen voll mit Gerste, Hafer, Raps. Die Getreideernte hat begonnen. Viel früher als in anderen Jahren. Ein Problem bereitet allerdings vielen Landwirten zunehmend Bauchgrimmen: Es fehlt an Erntehelfern. Vor allem im Wein-, Obst- oder Gemüsebau brauchen die Bauern Unterstützung.

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Helmut Eberle, Vize-Chef des Kreisbauernverbands Heilbronn, ist Kummer gewohnt. Wie alle Landwirte, die mit den Unwägbarkeiten des Wetters zurechtkommen müssen. Dieses Jahr allerdings blickt er alles in allem zuversichtlich auf die Ernte. "Die Weinberge stehen gigantisch da." Ende August - als extrem früh - werde nach jetzigem Stand die Lese beginnen. Qualität und Menge seien sehr gut. Mit Blick auf das Getreide will sich Eberle nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

Aber so viel lässt sich sagen: "Wir sind auch beim Getreide rund drei Wochen früher dran." Braugerste vertrage Hitze und Trockenheit am besten, es sei eine zufriedenstellende Qualität zu erwarten. Die Weizenbestände sehen zwar gut aus, was wirklich in den Ähren steckt, lässt sich allerdings erst bei der Ernte genau sagen. Generell habe Wasser gefehlt. Wie sich das auswirkt: unklar. Optimistisch blickt Eberle auf die Äcker mit Zuckerrüben oder Mais.

Große regionale Unterschiede in der Wasserversorgung

Frühstart für Mähdrescher

Auf dem Acker von Ulrich Seidel in Bad Friedrichshall-Kochendorf ist Gerste gewachsen. Die Ackerbauern müssen teures Gerät einsetzen, um konkurrenzfähig zu sein. Aber dafür brauchen sie keine Erntehelfer. Fotos: Mario Berger

Dieter Schleihauf vom Kraichgau-Raiffeisenzentrum arbeitet mit rund 500 Landwirten zusammen, die rund 180.000 Tonnen Getreide und Ölsaaten abliefern. Bisher sei die Qualität durchschnittlich. Schleihauf macht große Unterschiede aus: je nach Niederschlag und Bodenverhältnissen. Die entscheidende Frage sei: Wie viel Wasser können die Ackerböden speichern? Gerade in Jahren, in denen zu wenig Regenwolken über das Heilbronner Land ziehen.

Fällt zu wenig Niederschlag, müssen die Bauern nachhelfen. Im Weinberg zum Beispiel. Helmut Eberle fährt seit Tagen Wasser zu den großen Tanks, die die Bewässerungsleitungen speisen. Bei einigen Anlagen hat Eberle sogar einen eigenen Brunnen gebohrt. Der Landwirt und Funktionär rechnet damit, dass der Klimawandel die Situation weiter verschärft. Und da müsse man gerüstet sein.

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So sieht das auch Reiner Reuss aus Oedheim. Er baut auf rund 100 Hektar Gemüse und Salat an. "Ohne Bewässerung geht bei uns schon lange nichts mehr." Das allerdings erhöhe den Aufwand und treibe die Kosten. In durchschnittlichen Jahren gebe er 30 000 bis 35 000 Euro aus - nur für das Wasser.

Im Ackerbau setzen die Landwirte auf hochmoderne Maschinen. In Sonderkulturen wie Wein, Obst oder Gemüse sind dagegen Hände gefragt. Möglichst viele, möglichst kräftige, möglichst fleißige. Ein Problem, das schon bei der Erdbeerernte manchen Erzeugern zu schaffen gemacht hat (wir berichteten). "Es wird immer schwieriger, gute Leute zu bekommen", sagt Eberle. Die wirtschaftliche Situation in Osteuropa habe sich verbessert, die Saisonarbeit in Deutschland sei nicht mehr so beliebt.

Der - jetzt erhöhte - Mindestlohn mache die Jobs zwar etwas attraktiver, belaste die Betriebe aber weiter, argumentiert Eberle. Deutsche Helfer seien in vielen Betrieben Mangelware, mit Flüchtlingen, das zeigten die bisherigen Erfahrungen, sei das Problem ebenfalls nicht zu lösen.

Reiner Reuss braucht knapp 30 zuverlässige Helfer. Er bestätigt die Beobachtung Eberles, dass die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen fast leichter ist als jene nach guten Arbeitskräften. "Das macht uns Landwirten große Sorgen." Reuss fordert gesetzliche Änderungen, dass Helfer auch aus Nicht-EU-Ländern zupacken dürfen. Schließlich kann er keinen hungrigen Mähdrescher über die Zucchini-Äcker rumpeln lassen.

 

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