Fernbeziehungen in Zeiten von Corona

Heilbronn  Grenzschließungen, Ausgangsbeschränkungen, Liebe auf noch mehr Distanz: Paare in binationalen Fernbeziehungen sind in der Corona-Krise mit großer Unsicherheit vor der Zukunft konfrontiert. Geschichten von vier Menschen in der Region, die jemanden aus einem benachbarten oder weit entfernten Land lieben.

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Santiago Bolivar und Stephany Diaz wollen in Eberstadt heiraten und sehen in der Region ihre Zukunft. Foto: privat

Zu viel und zu wenig Nähe: Die Corona-Krise ist für Partnerschaften eine Herausforderung. Während die einen noch nie so aufeinanderhockten wie zuvor, sind die anderen auf ungewisse Zeit voneinander getrennt. Paare in Fernbeziehungen mit mehreren hunderten bis tausenden Kilometern räumlicher Distanz sind gerade in der globalisierten Welt keine Seltenheit: Immerhin haben schon 43 Prozent der Deutschen laut einer repräsentativen Studie der Online-Partnervermittlung Elitepartner von 2019 einen Partner in einer anderen Stadt oder einem anderen Land geliebt.

Auch in den Regionen Heilbronn und Hohenlohe finden sich Paare, die zusammen, aber durch räumliche Entfernung getrennt sind. Hier erzählen vier Menschen ihre Geschichte:

 

Medellín - Eberstadt

Deutschland - Kolumbien: Santiago und Estephany
Santiago Bolivar und seine Freundin Estephany Diaz in Heilbronn: Das Paar hat sich beim Deutschlernen in Kolumbien kennengelernt. Foto: privat

Stephany Diaz wohnt noch in Medellín, der zweitgrößten kolumbianischen Stadt, mehr als 9000 Kilometer von Eberstadt und somit ihrem Verlobten Santiago Bolivar entfernt. Er ist seit April 2019 Auszubildender in der Altenpflege in Eberstadt. Eigentlich ist für Mitte Juni die Hochzeit der beiden in der Gemeinde geplant, bei Ausländern wie den zwei Kolumbianern heißt es Eheschließung. "Die Unterlagen sind alle eingereicht, aber wir wissen nicht, ob die Hochzeit stattfinden kann", erzählt der 26-Jährige am Telefon mit Blick auf den weiteren Verlauf der Corona-Krise. Flugtickets zu buchen, sei derzeit unmöglich.

Kennengelernt hat er seine Freundin in Medellín beim Deutschlernen. 2018 reisten beide im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres nach Deutschland und arbeiteten in einem hessischen Pflegeheim. So wurden sie ein Paar. Stephany Diaz ging zum Studium zurück nach Kolumbien. Die 32-Jährige wird im Juni voraussichtlich ihren Abschluss erhalten und möchte anschließend in der Region Heilbronn in der Sozialarbeit tätig werden. Das große Hochzeitsfest möchte das Paar bei den Eltern der Verlobten in der Domikanischen Republik feiern.

In Kolumbien gilt die Ausgangssperre

Doch seit dem 24. März gilt eine Ausgangssperre in ganz Kolumbien, auch wenn es in dem lateinamerikanischen Land noch verhältnismäßig wenig Infizierte gibt: "Die Regierung ist sehr vorsichtig. Das Gesundheitssystem dort hat bei weitem nicht so viele Ressourcen wie das deutsche", erläutert Bolivar. "Meine Freundin hat ziemlich Angst, dass ich als Altenpfleger Covid-19 kriege. Aber ich fühle mich gut, wir haben hier im Heim keine Fälle und Besuche sind verboten."

 

„Meine Freundin hat ziemlich Angst, dass ich als Altenpfleger Covid-19 kriege."

Santiago Bolivar

 

Bolivar erzählt, dass seine Verlobte alleine bei sich zu Hause schon sehr niedergeschlagen sei: "In Kolumbien sind soziale Kontakte extrem wichtig, einander umarmen, küssen, all das, was in unserer Kultur gelebt wird, ist verboten." Jeden Tag telefoniert das Paar per Video, chattet und schaut zusammen eine Netflix-Serie an.

"Wir haben Hoffnung, dass sich die Verbreitung des Virus in den nächsten Monaten durch die Wärme, den Temperaturanstieg, verlangsamt", sagt Santiago Bolivar, "und unsere Hochzeit im Sommer doch noch klappt."

 

Tegucigalpa - Heilbronn

Deutschland - Honduras: Jenny und Ariel
Jenny R. aus Heilbronn und Ariel M. aus Honduras wissen wegen der Corona-Krise nicht, wann sie sich wiedersehen können - und wann die Hochzeitsfeier stattfinden kann. Foto: privat

Die standesamtliche Hochzeit des deutsch-honduranischen Paares Jenny R. und Ariel M. wäre am 29. April gewesen, die Feier im engeren Familien- und Freundeskreis am 1. Mai. Im April startet eigentlich die Hochzeitssaison in Deutschland, wäre da nicht Corona. Wie viele andere Hochzeiten muss auch die von Jenny R. und Ariel M. verschoben werden.

"Bis Ende April fallen alle Flüge aus Honduras aus", sagt die 38-jährige Braut. Aus dem zentralamerikanischen Land wären auch die Mutter und die Schwester ihres Verlobten nach Deutschland zum Fest geflogen. Auch Hochzeitsgäste aus den USA dürfen nicht nach Europa reisen.

In Honduras gebe es bisher relativ wenige Covid-19-Fälle, sagt Jenny (219 Infizierte, Stand 3.April). Seit Mitte März gilt wegen Corona in dem Land der Ausnahmezustand. "Die Ausgangsbeschränkungen werden ja nach Bezirk unterschiedlich gehandhabt", erzählt Jenny von der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa, wo Ariel wohnt: "In den Armenvierteln dürfen die Menschen gar nicht raus, da gilt die Ausgangssperre, das Militär verteilt dort Lebensmittel." Ihr 28-jähriger Verlobter lebt in einem Bezirk, den er nicht verlassen, aber innerhalb dessen er einkaufen darf. "Wir wissen derzeit nicht, wie es weitergeht, und wann wir uns wiedersehen können." Jeden Tag telefonieren sie, haben viel über Video-Chat Kontakt.

Jenny und Ariel lernten sich vor vier Jahren über das Internet kennen: "Er ist Musiker, mir hat seine Musik gefallen und ich habe ihm auf Youtube geschrieben." Sie trafen sich in Honduras, lernten sich kennen und lieben und sehen sich seither zwei- bis dreimal im Jahr. Nun war endlich die kleine Familienzusammenführung und die gemeinsame Zukunft in Heilbronn geplant.

Wann ist Feiern wieder unbeschwert möglich?

Für die Hochzeit stand nach eineinhalb Jahren Planung alles schon fest: Die gravierten Trauringe, die Hotelbuchungen, und natürlich die Feier, "in meiner persönlichen Lieblings-Location, der Heuchelberger Warte", erzählt Jenny R. "Die meisten am Fest Beteiligten haben sich verständnisvoll und kulant gezeigt. Wir haben mit den Agenturen, dem Friseur, dem DJ  einen Zwischendeal für mögliche andere Termine vereinbart, dann war das kein Problem." Bei der Heuchelberger Warte in Leingarten sieht es momentan allerdings sehr schwierig aus, noch einen Ersatztermin bis in die nächsten zwei Jahre hinein zu finden.

Jenny befürchtet, dass auch in späteren Monaten, falls dann das Fest möglich ist, die Menschen verständlicherweise nicht in Feierlaune sind. "Tanzen und Feiern, dabei Abstand halten und Angst haben vor Ansteckungen, das passt nicht wirklich zusammen", findet Jenny. "Um sich als Hochzeitsgemeinschaft näherkommen zu können, müssen wir erst einmal wieder neues Vertrauen schöpfen. Wir lassen nun Gras über die Sache wachsen."

Jenny hält es für möglich, dass sich die Sache mit Corona noch sehr lange hinzieht. Sie möchte anderen Paaren in einer ähnlichen Situation Mut machen mit ihrer Haltung: Geduldig und zuversichtlich sein - und zusammenhalten.

 

Bregenz - Großbottwar

Deutschland - Österreich: Simonette und Wolfgang
Simonette Haager aus Großbottwar und Wolfgang Schedler aus Bregenz sind ein Paar. Er muss bald zurück nach Österreich. Seine Partnerin macht sich Sorgen, dass sie sich wegen der Corona-Krise lange nicht treffen können. Foto: privat

Bei Bregenz in Österreich wohnt Simonette Haagers Freund. Seit drei Wochen lebt der 62-jährige Wolfgang Schedler vorübergehend bei seiner Partnerin in Großbottwar. Simonette Haager ist viel in der Region Heilbronn unterwegs: Sie ist Dressurreiterin in Weinsberg-Gellmersbach und arbeitet im Erlebnispark Tripsdrill. Nach Bregenz, kurz hinter der deutschen Grenze, ist es nicht weit - vor der Corona-Krise hat sich das deutsch-österreichische Paar jedes Wochenende gesehen.

"Gott sei Dank ist er hier bei mir", ist die 48-Jährige froh. Doch ihr Partner müsse bald nach Hause fahren, um dort einiges zu erledigen, Termine wahrzunehmen. "Ob er wieder zurückkommen oder ich ihn besuchen kann, ist die große Frage", sagt Simonette Haager. Ende März hat sich das Virus in Österreich rasant ausgebreitet. Sie befürchtet: "Momentan habe ich wenig Hoffnung auf Besserung. Ich vermute, dass er dann nicht mehr aus Österreich rauskommt."

Simonette Haager versucht das Beste aus der Situation zu machen: "Ich habe Hunde, Pferde, einen Garten. Wir haben viele Möglichkeiten, uns zu bewegen." Auch die Stille genieße sie, weniger Autos auf den Straßen. Die Umwelt könne sich etwas regenerieren. "Aber als Paar ist die Lage für uns derzeit nicht so einfach."

 

Zürich - Heilbronn

Deutschland - Schweiz: Elena und Fabian
Elena Busarac aus Heilbronn und Fabian Zbinden aus Zürich haben Hoffnung, dass sie sich spätestens in einem Monat wiedersehen können. Foto: privat

Am letzten Tag vor der Grenzschließung, am 15. März, hat es Elena Busarac nach Heilbronn zu ihrer Familie geschafft. Zu ihr wollte die 23-Jährige in dieser Krisenzeit: "Um 24 Uhr war ich zu Hause." Normalerweise wohnt sie in Zürich, studiert dort BWL und Biologie. Auch ihr Schweizer Freund Fabian Zbinden wohnt in der Stadt, doch jetzt sind sie erst einmal für ungewisse Zeit voneinander räumlich getrennt. In Zürich gehe so gut wie niemand auf die Straße, die Bevölkerung soll möglichst zu Hause bleiben, lauten die Bestimmungen. "Die Schweizer halten sich daran", sagt die Studentin.

Helvetien rangierte in den letzten Wochen laut Zahlen der John Hopkins University bezüglich der Corona-Infizierten pro Kopf in Höhe von Italien, dem Land mit der schlimmsten Corona-Krise bisher. Allerdings führen die Schweizer verhältnismäßig viele Tests durch, und die Ausbreitungskurve flacht etwas ab, stärker als in Italien und Deutschland. 

Die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz ist für Elena Busarac nicht komplett dicht, da sie mit einem Wohnsitz in Zürich eine Aufenthaltserlaubnis hat. Die Studentin hat derzeit kein autobahntaugliches Auto, eine Reise mit der Bahn kommt ebenfalls nicht in Betracht: "Ich müsste etwa zehn Mal umsteigen, wäre etwa acht Stunden per Zug unterwegs, voller Corona-Gefahr." 

Seit dreieinhalb Jahren ist das deutsch-schweizerische Paar zusammen. Zwischenzeitlich war ihr heute 25-jähriger Freund ein halbes Jahr für ein Auslandssemester in Mexiko. "Wir sind also etwas geübt in einer Fernbeziehung", sagt Elena Busarac und fügt optimistisch hinzu: "Ich denke, dass ein Wiedersehen spätestens in einem Monat klappen müsste."

 


Was ein Paarberater Menschen in Fernbeziehungen empfiehlt

Während Zeiten von Corona sind Liierte mit grenzüberschreitenden Wohnorten auf ungewisse Zeit voneinander entfernt. Speziell in Krisenzeiten aber sehnen sich Menschen nach ihren Liebsten.  "Trotz räumlicher Entfernung innere Vertrautheit mit dem Partner pflegen", rät der Erlenbacher Psychologe Franz Sedlak Paaren in Fernbeziehungen. Die fehlende körperliche Nähe könne wenigstens ein Stück weit durch viel Blickkontakt etwa bei Videoanrufen und vor allem durch große Aufmerksamkeit dem Partner gegenüber kompensiert werden: "Wichtig ist, intensiv teilzuhaben an den Gedanken und Gefühlen des anderen und so zu verdeutlichen: Ich bin dir nah."

Besonders wenn ein Partner durch die Corona-Krise von Ängsten befangen ist, sei der regelmäßige, häufige Kontakt zwischen den Partnern in Fernbeziehungen elementar, sagt der Paarberater Sedlak. Er empfiehlt für Telefonate "feste Zeiten, ein bis zwei tägliche Anrufe".


Bigna Fink

Bigna Fink

Volontärin

Bigna Fink ist seit Februar 2019 Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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