Ferkelkastration: Die Suche nach dem richtigen Weg

Region  Der Bundestag hat entschieden, die betäubungslose Kastration von Ferkeln zwei weitere Jahre zu erlauben. Betroffen sind jedes Jahr rund 20 Millionen Tiere. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu diesem umstrittenen Thema.

Von Reto Bosch

Ferkel dürfen bis zu einem Alter von sieben Tagen kastriert werden.  

Warum werden Ferkel kastriert?

Ein kleiner Anteil der Eber zählt zu den sogenannten „Stinkern“. Deren Fleisch riecht beim Erhitzen unangenehm.

 

Wie sieht die gegenwärtige Praxis aus?

Rund 20 Millionen Ferkel werden in Deutschland jedes Jahr ohne Betäubung kastriert. Dieses Verfahren wird schon lange angewendet. Die Tiere erhalten vor dem Eingriff ein Schmerzmittel. Die Schweinehalter dürfen die Kastration selbst vornehmen. Die Ferkel dürfen höchstens sieben Tage alt sein, früher waren es drei Wochen. „Das ist ein wichtiger Fortschritt“, sagt zum Beispiel der Siegelsbacher Ferkelerzeuger Volker Hofmann.

 

Erleiden die Ferkel Schmerzen?

Laut Professor Volker Stefanski von der Uni Hohenheim eindeutig ja. „Anhand der Stressreaktionen lässt sich deutlich feststellen, dass eine erhebliche Belastung vorliegt.“ Das sehen Kollegen aus der Wissenschaft oder die Bundestierärztekammer genauso. Auch Landwirt Volker Hofmann geht davon aus, dass die Tiere einen gewissen Schmerz spüren.

 

Warum ist das Verfahren noch nicht verboten?

Im Jahr 2013 wurde das Tierschutzgesetz geändert. Nach Ablauf einer fünfjährigen Übergangsfrist sollte ab 2019 eine betäubungslose Kastration nicht mehr möglich sein. Der Bauernverband kämpfte für eine Fristverlängerung, da es aus seiner Sicht noch keine praktikable Alternative gibt. Beschlossen wurde nun eine Verlängerung um weitere zwei Jahre.

 

Der Kastenstand soll verhindern, dass die Mütter ihre Ferkel erdrücken.  

Welche Alternativen gibt es?

Die Ebermast: Dabei werden auch die männlichen Ferkel aufgezogen. Das birgt das Risiko, dass Verbraucher unter Umständen streng riechendes Fleisch bekommen. Die Ebermast ist eine Herausforderung an die Haltung, da die Tiere aggressiv sein können oder sich gegenseitig beißen.

Die Kastration unter Vollnarkose: Ganz aktuell ist das Inhalationsnarkosemittel Isofluran in Deutschland zugelassen worden. Damit können die Ferkel betäubt werden. Laut Tierärztekammer hat das Mittel aber kaum schmerzausschaltende Wirkung. Vollnarkose ist derzeit nur Tierärzten erlaubt.

Die lokale Betäubung: Der Deutsche Bauernverband fordert den sogenannten vierten Weg. Dabei dürften die Landwirte selbst eine lokale Betäubung vornehmen. Dies stößt bei Tierärzten und Wissenschaft auf Skepsis. Die Spritzen richtig zu setzen, ist schwierig. Es könne sein, dass den Ferkeln bei der Injektion Schmerzen zugefügt würden oder die Wirkung ausbleibt.

Die Immunokastration: Die Ferkel erhalten zwei Injektionen mit Improvac. Das ist kein Hormon, sondern ein Wirkstoff, der das Wachstum der Hoden blockiert. Die Impf-Lösung ist nach Ansicht von vielen Wissenschaftlern, Verbraucherschützern und Tierärzten die beste Wahl. Allerdings sehen Landwirte und Handel noch großen Aufklärungsbedarf auf Verbraucherseite, um eine ausreichende Akzeptanz zu erzeugen. Zudem entstehen Mehrkosten. Landwirt Hofmann beziffert diese insgesamt pro Eber auf rund 5,50 Euro.

 

Wie geht es jetzt weiter?

Die kommenden zwei Jahre sollen genutzt werden, um ein den besten Weg zu finden. Kritiker der Fristverlängerung bis Ende 2022 wenden allerdings ein, dass diese gegen Tierschutzrecht und Verfassung verstößt. Für die Landwirte ist wichtig, dass sie etwaige Mehrkosten weitergeben können. Die derzeitige Ertragslage ist nicht gut.

 

Wie viele Zuchtbetriebe gibt es in der Region?

Im Landkreis Heilbronn gab es 2016 rund 20 Betriebe mit Zuchtsauen, im Hohenlohekreis waren es 115.

 

Mehr zum Thema: Eine Diskussion zur Ferkelkastration an der Uni Hohenheim zeigt: Die Positionen liegen noch weit auseinander. Aus tierschutzfachlicher Sicht gilt die Impfung als bester Weg. Aber es gibt Vorbehalte