Falsche Polizistin mit knallbunten Fingernägeln verurteilt

Heilbronn  Das Amtsgericht verhängt fast vier Jahre Haft gegen eine Frau, die bei Senioren in Heilbronn mehr als 100.000 Euro ergaunert hat. Ein Opfer starb kurz nach einer Tat, sein Hausarzt sieht einen Zusammenhang mit der kriminellen Attacke.

Von Carsten Friese

Betrügerin vor Gericht
Eine sogenannte Geldabholerin stand am Freitag wegen bandenmäßigen Betrugs vor dem Heilbronner Amtsgericht. Foto: Friese

Die vielen Tränen nutzten der Angeklagten am Ende nichts. "Wenn die Schwächsten der Gesellschaft um ihre Lebensleistung gebracht werden, dann muss der Rechtsstaat mit voller Härte zuschlagen."

Mit diesen Worten hat Richter Michael Reißer am Freitag im eine 37-jährige zweifache Mutter zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Die Frau hatte gestanden, in einer Bande mit Drahtziehern in der Türkei von Senioren als falsche Polizistin mehr als 100.000 Euro ergaunert und das Geld bei den alten Menschen abgeholt zu haben. Von "schwerstkriminellen" Handlungen sprach Reißer. Da solle die Strafe abschreckende Wirkung haben.

Mit dem Rollator kommt ein 90-jähriges Opfer ins Gericht

Mit dem Rollator kam ein Opfer, eine 90-jährige Frau, in den Gerichtssaal. Sie hatte auf den Anruf eines angeblichen Polizisten, dass bei ihr der nächste Einbruch geplant sei und sie nun ihre Wertsachen der Polizei anvertrauen solle, wie vereinbart 13.500 Euro auf ein Autodach vor ihrem Haus gelegt. Es war zu spüren, wie Tat die die schwerhörige Frau noch immer mitnimmt.

Tragisch ging der Fall des zweiten Opfers aus. Hier hatte die Bande einen 75-jährigen Rentner ausgewählt. Er übergab der Angeklagten 93.000 Euro - und beschrieb die Abholerin als Frau mit auffallend langen, rosa-violetten Fingernägeln. Dieser Mann starb rund zehn Wochen nach der Tat. Sein Hausarzt, der als Zeuge aussagte, sieht einen klaren Zusammenhang zu der kriminellen Attacke. Der herzkranke, aber stabile Mann, der sonst sehr wortkarg war, habe nur noch von dem Überfall berichtet und der Schmach, die ihm passiert sei. Er habe in kurzer Zeit sehr stark abgebaut, sei dann im Krankenhaus gestorben. "Ich denke, dass die Tat damit zusammenhängt und sein Leben verkürzt hat", sagte der Arzt.

Anrufer machten den Rentnern Angst mit hochbewaffneten Tätern, die bald zuschlagen

Ein Ermittler berichtete, wie die Anrufer die Senioren unter Druck setzten - mit Aussagen, die Einbrecher seien "mit Pistolen und Kalaschnikow" bewaffnet und könnten jederzeit kommen. Über eine zwielichtige Facebookgruppe war die Angeklagte in die Gruppe geraten - und hatte sich bereit erklärt, Geld abzuholen. Sie hatte anfangs von Erpressung mit Nacktbildern von ihr im Internet gesprochen. Auf überwachten Telefonaten aber, so ein Ermittler, habe sie "einigermaßen eiskalt" gewirkt. Nach der Verhaftung habe sie ihr Verhalten "radikal verändert", sei plötzlich weinerlich gewesen.

Zweifelhafter IQ-Test: Gutachter sieht bei Angeklagter Neigung zu Theatralik

Ärzten in U-Haft berichtete die 37-Jährige von Stimmen, die sie höre, von Suizidgedanken, Angst vor Männern, Depressionen. Dass sie psychisch angeschlagen sei und eine depressive Störung habe, könne er bestätigen, sagte der psychiatrische Gutachter. Aber: Sein Eindruck sei, die Frau neige zur Theatralik. Und dass ein IQ-Test im Justiz-Krankenhaus, den sie unmotiviert mitmachte, einer Wert von 55 ergab, "kann nicht sein". Dann sei ein Mensch nicht allein lebensfähig.

"Betrügen gehört zu ihrem Wesen", stellte der Richter mit Blick die Vorstrafen fest. Er lobte aber, dass die Angeklagte dem 90-jährigen Opfer im Gericht 7000 Euro als Teilwiedergutmachung übergab. "Danke", sagte die Seniorin leise, die es gar nicht richtig glauben konnte.

 

 


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