Expertin: „Müssen lernen, mit Wölfen zu leben“

Interview  Die Expertin und Nabu-Botschafterin Christine Günther ist sicher, dass sich die Raubtiere auch in Baden-Württemberg niederlassen werden.

Von Reto Bosch
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Dieses Tier wurde vor wenigen Wochen im Odenwald fotografiert. Foto: Oppermann-Fotografie

Die Wölfe rücken näher an Baden-Württemberg heran. Bereits im Sommer und im Dezember 2015 waren zwei überfahrene Tiere entdeckt worden. Die Nabu-Wolfsbotschafterin Christine Günther war bereits damals davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Raubtiere auch im Land wieder niederlassen. Am Montag wurde bestätigt, dass ein Wolf drei Schafe bei Widdern-Unterkessach gerissen hat. 

 

Frau Günther, was fasziniert Sie an Wölfen besonders?

Christine Günther: Mich fasziniert vor allem das ausgeprägte Sozialverhalten eines Rudels. Die Strukturen einer Wolfsfamilie sind vergleichbar mit menschlichen Strukturen. Die Elterntiere kümmern sich um den Nachwuchs, bis er abwandert. Und die ein Jahr alten Wölfe helfen bei der Betreuung der ganz jungen Welpen. Es wurde auch beobachtet, dass ein Rudel über längere Zeit hinweg ein verletztes oder krankes Tier schützt und mit Nahrung versorgt.

 

Und das alles in einer strengen Rangordnung? 

Günther: Eben nicht. Diese strenge Rangordnung gibt es in der freien Natur nicht, sondern nur bei Wölfen, die in einem Gehege leben. Ihnen fehlt die Möglichkeit, abzuwandern. In Wildparks wird oft dieses falsche Bild vermittelt. Aber klar: Wenn fremde Tiere kommen, wird das eigene Revier – wenn es sein muss, vehement – verteidigt.

 

Viele Menschen bereitet der Gedanke Sorge, dass sich die Raubtiere weiter verbreiten. Warum ist es aus Ihrer Sicht trotzdem wünschenswert, dass Wölfe wieder heimisch werden?

Günther: Er wird sich ausbreiten, das steht fest. Und wir müssen lernen, mit ihm zu leben. Wölfe gehören zu Deutschland wie Rehe oder Wildschweine, sie holen sich Lebensraum um Lebensraum zurück. Es zeugt von einer fortschrittlichen Gesellschaft, wenn sie das zulässt.

 

Welche positiven Folgen hätte eine Rückkehr des Wolfes auf das Ökosystem?

Günther: Der Wildbestand, vor allem von Rotwild, würde gesünder werden. Die Raubtiere selektieren bei der Jagd natürlich schwächere oder kranke Beute aus. Vor allem gesunde Tiere geben dann ihr Erbgut weiter.

 

In welchen Gebieten?

Günther: In der Lausitz in Sachsen, von dort aus haben sie sich in nord-westlicher Richtung ausgebreitet. Sie kommen aber auch in den Süden, in Thüringen beispielsweise gibt es Beobachtungen, aber auch im Pfälzer Wald.

 

Welche Gebiete eignen sich besonders gut?

Günther: Der Wolf ist ein Kulturfolger. Er findet überall genug Nahrung, es gibt Wild genug. Nötig sind Rückzugsgebiete, wo er seine Jungen aufziehen kann. Die Raubtiere werden sich Gegenden aussuchen, die nicht so stark frequentiert sind. Schwäbische Alb, Schwarzwald, Odenwald. Denkbar wären auch der Kraichgau, der Stromberg oder die Löwensteiner Berge. Eine große Gefahr für ihn ist der Straßenverkehr.

 

Was kann man tun, um die Menschen auf die Rückkehr des Wolfes vorzubereiten?

Günther: Man muss die Leute aufklären. Der Nabu macht in diesem Bereich viel, etwa über die Wolfsbotschafter. Wissen vermitteln ist das Wichtigste, zeigen, dass an den Märchen nichts dran ist. Ich habe auch gute Erfahrungen mit Jägern gemacht, die sich sehr offen gezeigt haben. Ich konnte deutlich machen, dass Wölfe für sie keine wirkliche Konkurrenz sind. Angriffe auf Menschen sind mir nicht bekannt. Aber es gibt Konflikte mit Tierhaltern.

 

Wie sind die zu lösen?

Günther: Es gibt Wolfssichtungen, zum Beispiel von Spaziergängern. Das ist aber noch lange keine Gefahr. Das zentrale Thema sind tatsächlich die Konflikte mit den Nutztierhaltern. Und zu solchen wird es auch in Baden-Württemberg kommen. Wenn wir es gut machen wollen, müssen wir jetzt anfangen, unsere Schafherden zu schützen.

 

Wie?

Günther: In erster Linie sind Elektronetze gut geeignet. Eine andere Möglichkeit sind Herdenschutzhunde, die sich aber nicht für jeden Tierhalter eignen.

 

Hinweis: Unser Redakteur Reto Bosch hatte das Interview im Dezember 2015 geführt. 

 

Zur Person

Christine Günther (Foto: privat) ist Wolfsbotschafterin des Naturschutzbundes Deutschland. Außerdem arbeitet die 33-Jährige mit beim Wildtiermonitoring der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Christine Günther ist Maschinenbau-Ingenieurin und arbeitet bei einem Medizintechnik-Unternehmen. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Wer Wölfe beobachtet hat, kann sich an die Hotline der FVA wenden: 01736041117 oder 07614018274.

 

Steckbrief: Wolf 

  • Länge ein bis 1,40 Meter

  • Schulterhöhe 60 bis 90 cm

  • Gewicht 36 bis 46 kg

  • Lebenserwartung in der Natur 13 Jahre

  • Magenvolumen bis zu neun Liter

  • Hauptbeute Huftiere

 


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