Evangelische Kirche vertraut auf Pfiffigunde

Heilbronn  Die Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) beauftragen die Heilbronner Organisation Pfiffigunde mit einer bundesweiter Aufgabe: Sie ist ab 1. Juli als "Unabhängige Zentrale Anlaufstelle.help" für Opfer von sexueller und sexualisierter Gewalt da.

Von Ulrike Plapp-Schirmer

Bei der Beratung von Opfern sexueller Gewalt in der evangelischen Kirche spielt der Heilbronner Verein Pfiffigunde ab 1. Juli eine zentrale Rolle. Die Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) haben einen Drei-Jahres-Vertrag mit der Fachberatungsstelle unterzeichnet.

Hürden, die angesichts der dezentralen Strukturen der 20 evangelischen Landeskirchen vorhanden sind, sollen abgebaut werden. Man setze so ein Anliegen um, "dessen Dringlichkeit uns Betroffene immer wieder geschildert haben", sagt die Sprecherin des EKD-Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, Kirsten Fehrs.

Pfiffigunde firmiert bei der EKD künftig als "Unabhängige Zentrale Anlaufstelle.help" und ist vor allem offen für Menschen, die innerhalb der evangelischen Kirche oder einer diakonischen Einrichtung Opfer sexueller Gewalt geworden sind - oder von sexueller Gewalt erfahren haben. Doch abgewiesen wird niemand, der Hilfe braucht.

Auftrag wird als Anerkennung der Arbeit empfunden

In Heilbronn stoßen Opfer auf offene Ohren und Fachwissen. "Wir können an kirchliche und diakonische Anlaufstellen vermitteln", heißt es in einem Flyer, der bundesweit ausgelegt wird, "leiten bei Bedarf aber auch an weitere, unabhängige Angebote weiter."

Das Pfiffigunde-Team besteht aus vier männlichen und weiblichen, traumatherapeutisch geschulten Beratern und einer Verwaltungskraft. "Wir arbeiten unabhängig von kirchlichen oder kommunalen Stellen", sagt Pfiffigunde-Mitarbeiter André Ettl: "Das war bei den Verhandlungen mit der EKD ganz wichtig."

Den Auftrag empfindet er als Anerkennung der Arbeit, die bei Pfiffigunde seit Juni 1993 geleistet wird: "Für uns und für Heilbronn ist das eine tolle Sache." Durch die finanzielle Unterstützung der EKD habe man Personal aufstocken können. Die regionalen Angebote laufen uneingeschränkt weiter. Die Fachberatungsstelle finanziert sich bisher über einen Zuschuss der Stadt Heilbronn und Einnahmen, etwa aus Schulungen.

"Pfiffigunde hat einen sehr guten Ruf"

Die EKD hatte sich auf die Suche nach einer unabhängigen Stelle gemacht, "damit nicht der Eindruck entsteht, dass die Beratung doch wieder nur ein Ableger von uns ist", sagt der badische Landesbischof, Mitglied des Beauftragtenrats, Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh. In dem Bereich gebe es nicht allzu viele unabhängige Anbieter: "Pfiffigunde hat zudem einen sehr guten Ruf."

Allerdings steht die Organisation jetzt vor einer großen Herausforderung. Wie viele Anfragen aus dem Bundesgebiet auf die Mitarbeiter zukomme, könne man, so André Ettl, nicht einschätzen.

Schon in der normalen Beratungsarbeit wenden sich viele Hilfesuchende an Pfiffigunde. Gerate sexueller Missbrauch wie im Fall des verurteilten Leiters eines evangelischen Kindergartens in Heilbronn in die Medien, würden es mehr: Mit 130 vermuteten oder tatsächlichen Fällen schoss die Zahl der Anfragen 2018 "in bisher nicht dagewesener Weise in die Höhe", heißt es im Jahresbericht 2018.

Beeindruckt von der neuen Kooperation zeigt sich der Heilbronner Dekan Christoph Baisch. Er stellt der Beratungsstelle ein gutes Zeugnis aus. Gleichzeitig hoffe er, dass die finanziellen Mittel aus diesem Auftrag zur Stabilisierung der Einrichtung beitrage.


Wie sind die Helfer erreichbar?

Die Anlaufstelle.help ist Teil eines umfassenden Katalogs, mit dem die Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) Missbrauch in den eigenen Reihen aufklären und verhindern wollen. Die Kooperation der EKD mit der Anlaufstelle.help alias Pfiffigunde beginnt am Montag, 1. Juli. Sie ist erreichbar unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 5040112, per E-Mail: zentrale@anlaufstelle.help oder über die Webseite www.anlaufstelle.help.

 


Kommentar hinzufügen