Evangelische Kirche stellt sich auf den Prüfstand

Heilbronn  Die Heilbronner Gesamtkirchengemeinde strebt wegen Mitgliederschwunds die Fusion von Gemeinden an. Ein Reizthema bleibt das Hans-Rießer-Haus. Nun lautet der Plan: Abriss und Neubau statt Verkauf.

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Evangelische Kirche stellt sich auf den Prüfstand

Im Hans-Rießer-Haus laufen die Fäden der Evangelischen Kirche in Heilbronn zusammen. Nach teils emotionalen Debatten wird es nun doch nicht verkauft, aber über kurz oder lang abgerissen und ganz neu gebaut.

Foto: Archiv/Mugler

Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde rechnet mit einem dramatischen Mitgliederschwund. Im Jahr 2053 werde sich die Zahl auf rund 9000 halbiert haben. Die Grenze von 10 000 Gliedern dürfte schon 2049 unterschritten sein. Jedes Jahr verliert man rund zwei Prozent. An Gemeindefusionen führt kein Weg vorbei. Sieben Teilgemeinden könnten sich auf "fünf, vier, drei oder zwei" reduzieren.

"Eine vorausschauende Politik darf die Augen nicht verschließen." Dies betonten jetzt im Gesamtkirchengemeinderat Dekan Christoph Baisch und Vorsitzender Dr. Michael Kannenberg. Gleichzeitig zeigten sie "Akzente und Perspektiven" auf. Das Strategiepapier dient auch als Grundlage für die neuen Kirchengemeinderäte, die am 1. Dezember - zusammen mit den Landessynodalen - überall in Württemberg gewählt werden.

Hans-Rießer-Haus wird "neu definiert"

Wie Baisch und Kannenberg ausführten, will die Kirche "nicht nur im Zentrum", sondern nach wie vor auch "in der Nachbarschaft, wo die Menschen wohnen", wahrnehmbar und ansprechbar sein. Gleichzeitig sei die Nachfrage nach sozialdiakonischen Angeboten wie Kitas und Beratungsstellen groß.


Vor diesem Hintergrund wird das Hans-Rießer-Haus bezüglich seiner "Bedeutung neu definiert". Nach einer jahrelang endlos anmutenden, oft emotionalen Debatte wurde der Verkauf im Frühjahr nach einer Initiative von Baisch auf Eis gelegt. Selbst ein Alternativstandort, wie die Wiese am Friedensgemeindehaus, steht nicht mehr zur Debatte.

Unter dem Motto "Erhalt und Renovierung statt Abriss und Neubau" ist laut Baisch zwischenzeitlich der Einzug der Diakonie geprüft worden, wozu das Gebäude hätten aufgestockt werden müssen - was aber statisch und finanziell nicht zu stemmen sei. Mittelfristig wolle man das Haus abbrechen und neu bauen, wozu Partner gesucht werden: aus der eigenen oder einer anderen Kirche, aus der Nachbarschaft oder aus der Stadtverwaltung. Im Blick habe man auch Investoren und Projektsteuerer.

Schon jetzt gibt es keine langfristigen Vermietungen mehr, repariert wird nur das Nötigste. Am Ende soll das "Hansi" als zentrale kirchliche Anlaufstelle gestärkt werden. Die genaue Nutzung muss laut Baisch und Kannenberg auch auf die Umstrukturierung der Gemeinden abgestimmt werden.

Klassisches Programm in Gemeinden erhalten

Was die einzelnen Gemeinden betrifft, soll das klassische Grundprogramm - also etwa Gottesdienste, Seelsorge, Kitas, Senioren- und Besuchsangebote - gewährleistet bleiben. "Aber nicht überall kann alles angeboten werden", so Baisch, weshalb man Schwerpunkte anstrebe, etwa Jugendkirche und Bildung, Kirche und Kultur oder Kirchenmusik, Diakonie und Cityarbeit. Eine "Zukunftsprojektion" für 2049 geht von drei Heilbronner Gemeinden mit jeweils 3000 Gliedern aus.

Als Standortsicherung interpretieren könnte man vor diesem Hintergrund drei Bauprojekte, die jeweils nach längeren Abstimmungsphasen 2020 angepackt werden sollen: Neubau von Süd-Gemeindehaus und -Kita (während der Bauzeit weichen die Kinder auf den Gaffenberg aus), Umbau der Nikolaikirche und in der Wartberggemeinde die Erweiterung von Büroräumen und vor allem der Kita.

Auch Kindergärten auf dem Prüfstand

Angesichts immer weniger evangelischer Kinder, knapper werdender Finanzen und des Fachkräftemangels stehen auch Kitas auf dem Prüfstand. Ob Schließungen drohen und Schwerpunkte gebildet werden oder alles bleibt, wie es ist, ist noch offen. Vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals gilt in Kita-Leitungen jetzt ein Vier-Augen-Prinzip, gleichzeitig folgt ein Handlungsleitfaden zum Schutz der Kinder.

Dass die vielen Baustellen nicht reibungslos über die Bühne gehen, zeigte in der Sitzung eine Änderung der Ortssatzung, durch die manche Räte eine Beschneidung ihrer Kompetenzen fürchteten. Nach lebhafter Diskussion fand die neue Ortssatzung aber eine große Mehrheit: mit 49 Ja- und zwölf Nein-Stimmen bei vier 4 Enthaltungen.


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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