Etwas weniger Abfall to go

Region  Mehrwegbecher sind noch immer die Ausnahme, aber ein Umdenken hat begonnen - Die Macher der Landkreis-Aktion können das erstmals mit Zahlen belegen.

Von Christian Gleichauf

Etwas weniger Abfall to go

Nicht nur bei Kaffeebechern sollen die Bürger an die Umwelt denken, findet das Landratsamt. Foto: Mario Berger

Laura B. fühlt sich ertappt. Die 42-Jährige hat in der Back-Filiale an der Allee gerade zwei warme Getränke für ihre Tochter und sich gekauft. Kaffee und Tee "to go" - im Einwegbecher. Sie wissen, dass sie damit zusätzlichen Müll produzieren. "Wir haben zu Hause auch Mehrwegbecher", sagt die Böckingerin. "Aber die haben wir jetzt nicht dabei. Und uns war so kalt."

Kampagnen mit mehr oder weniger Erfolg

So kommen zwei weitere Becher zu den mehr als zehn Millionen, die pro Jahr allein im Raum Heilbronn in der Müllverbrennung landen. Und das, obwohl die Menschen inzwischen sensibilisiert sind. Ob Mannheim-Becher oder Freiburg-Cup, überall im Land gibt es imageträchtige Kampagnen, die Kaffeetrinkern den Mehrwegbecher näherbringen wollen - mit mehr oder weniger Erfolg. Die Bewertung hängt davon ab, was man grundsätzlich erwartet.

Vor einem knappen Jahr haben sich in der Region zahlreiche Bäckereien zusammengetan, um ein Signal zu setzen. Sie verkauften Mehrwegbecher des Landkreises, die dann - zu Hause ausgespült - im Ladengeschäft immer wieder befüllt werden können. Wer trotzdem lieber einen Einwegbecher nehmen möchte, muss zehn Cent mehr bezahlen. Dieses Geld kommt einem Bürgerfonds zugute. Mehr als 30 000 Euro sind auf diese Weise schon zusammengekommen - Geld, das unter anderem für Klimaschutzprojekte verwendet wird.

Mit zu hohen Erwartungen gestartet

Nebeneffekt: Erstmals kann man so ganz lokal und regional nachvollziehen, wie sich das Verhalten der Kaffetrinker entwickelt. "Wir wussten vorher selbst nicht, dass so viele unserer Kunden den Kaffee direkt in der Filiale trinken", sagt Nicolas Härdtner, Geschäftsführer der gleichnamigen Neckarsulmer Großbäckerei. Nur jeder vierte Kaffee verlasse die Filiale - allerdings in der Regel nach wie vor im Einwegbecher. "Wir hatten uns schon mehr erhofft", gibt Härdtner zu. "Die Wiederbefüllung hält sich stark in Grenzen." Immerhin: Bei einigen wenigen Kunden habe es durch die Becher-Aktion wohl ein Umdenken gegeben.

Etwas weniger Abfall to go

Etwas Warmes auf den Weg: Wer spontan Lust auf Kaffee hat, kommt um Einweg-Becher nicht herum. Doch wann immer möglich, sollten Mehrweg-Becher genutzt werden. Das spart Rohstoffe − und in einigen Bäckereien auch ein paar Cent. Foto: Gleichauf

Ob man Erfolge beobachten kann oder nicht, das hänge allerdings stark von der Lage der Filialen ab. "Am Bahnhof wird man unter Umständen eine ganze Woche lang keinen Mehrwegbecher befüllen", sagt Härdtner. An der Allee in Heilbronn dagegen gebe es ein Stammpublikum, das regelmäßig mit den Porzellanbechern vorbeikomme. Wichtiger als die Zahlen sei aber, dass mehrere Bäcker aus der Region gemeinsame Sache machen.

Einwegbecher macht Imagewandel durch

Michael Groß und Norbert Raatz vom Landratsamt Heilbronn haben die Initiative angestoßen. Mit den 30 000 Euro im Bürgerfonds sind sie ebenso zufrieden wie mit der Entwicklung insgesamt. "Ziel ist doch, den To-go-Gedanken zu hinterfragen", sagt Klimaschutz-Projektleiter Groß. Und Norbert Raatz, Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebs, hofft auf den Imagewandel. "Früher war man doch wichtig, wenn man mit Anzug und Einwegbecher unterwegs war. Heute gilt das für Leute, die sich die Zeit für einen Kaffee nehmen können."

Die ersten Zahlen zeigten, dass es einen Trend zur Wiederbefüllung gibt. Zwar nur im kleinen Prozent-Bereich - aber immerhin, findet Raatz. Ihm ist bewusst, dass angesichts der gigantischen Mengen an Abfall, die im Landkreis jedes Jahr anfallen, die Pappbecher nicht das größte Problem sind. "Aber jeder Becher, der nicht im Straßengraben landet, ist es doch wert."

Heilbronn ziert sich

Auch wenn einige Bäckereifilialen, die sich dem Climatefair-2-go-Projekt angeschlossen haben, in Heilbronn zu finden sind, möchte sich die Stadt Heilbronn weiterhin nicht beteiligen. Seit mehr als einem Jahr reifen dort offenbar die Pläne, selbst etwas auf die Beine zu stellen.

Nicht nur mit Bechern Gutes tun

Einwegbecher sind allgegenwärtig auf und neben deutschen Straßen. Wohl auch deshalb bekommen Becher-Aktionen viel Aufmerksamkeit. Das Landratsamt versucht die Menschen aber auch auf anderen Gebieten zum Umdenken zu bewegen. So wurden in der Vergangenheit schon Plastiktüten gegen Jute-Taschen eingetauscht. Erstklässler bekamen zur Einschulung eine Vesperdose, um Alufolie als Verpackung aus dem Schulranzen zu verbannen. Ähnliche Ideen werden den Bürgern bei der jährlich veranstalteten Woche der Abfallvermeidung vermittelt. Und dann gibt"s jetzt den Bürgerfonds, der mit Zehn-Cent-Aufschlägen für Einwegbecher gespeist wird. Ein erster Nutznießer ist bekannt: Das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium in Bad Friedrichshall bekommt Geld für die Nachhaltigkeitsaktion "Fair Lessons". cgl

 

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