Erste Bilanz mit neuen Regionalzügen fällt durchwachsen aus

Nahverkehr  Beschwerden über Ausfälle, Verspätungen oder überfüllte Züge gibt es nach wie vor, aber auch zufriedene Kunden. Knapp vier Wochen nach dem Betreiberwechsel im regionalen Schienenverkehr fällt das Bild differenziert aus.

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Regionalbahnen: Erste Bilanz fällt durchwachsen aus
Ein Zug von Go-Ahead fährt in den Hauptbahnhof Bad Friedrichshall ein: Zum Start haben die neuen Betreiber in der Region mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Foto: Archiv/Seidel

Der Regionalexpress 8, der Bad Friedrichshall um 7.03 Uhr Richtung Heilbronn und Stuttgart verlässt, wird in Sozialen Medien als Kummerzug gehandelt. Chronisch überfüllt sei die Verbindung, die Go-Ahead mit modernen Zügen bedient. An diesem Freitagmorgen ist RE 8 pünktlich, voll, aber nicht überfüllt. Schülergruppen stehen im Gang, Sitzplätze gibt es trotzdem. In Heilbronn steigen mehr Fahrgäste aus, als neue hinzukommen. "Es läuft ganz gut", sagt ein Pendler, der jeden Tag fährt.

Neue Bahnanbieter sehen sich auf Kurs

Dicht gedrängt standen die Passagiere zuvor aber in der von Abellio bedienten Regionalbahn 18, die aus Osterburken kommend um 6.52 Uhr die Endstation Bad Friedrichshall erreichte. Über diesen Abschnitt gibt es immer wieder Beschwerden wegen übervoller Züge. Man gebe die Hinweise an die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW) weiter, sagt Abellio-Sprecherin Hannelore Schuster. In der Regel fahre man zwischen Osterburken und Heilbronn das, was das Land bestellt habe.

Ein Ausnahmetag war laut Schuster der Dienstag dieser Woche. Demnach fielen einige der Ersatzfahrzeuge aus, die Abellio wegen Lieferschwierigkeiten seines Zugherstellers Bombardier einsetzt, und der Platz wurde knapp. Auch seien einzelne Verbindungen ganz ausgefallen. Grund laut Abellio: Fahrzeugstörungen und viele kranke Mitarbeiter. Unter dem Strich betrachtet Schuster den Start als gelungen: "Wir ziehen ein durchaus positives Fazit."

Es laufe "insgesamt gut", sagt auch Erik Bethkenhagen, Sprecher von Go-Ahead, der die Pünktlichkeit in der Region Heilbronn mit "90 Prozent plus" beziffert. Abellio kommt auf den Strecken von Mannheim und Osterburken nach Stuttgart auf 86 Prozent, wobei auch hier gilt wie bei der Deutschen Bahn: Pünktlich ist ein Zug, wenn er weniger als sechs Minuten Verspätung hat.

Land: Noch nicht die bestellte Kapazität

Die Pünktlichkeit bei Go-Ahead sei nach schlechtem Start mittlerweile "recht passabel", urteilt Edgar Neumann, Sprecher von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). In Stuttgart seien spürbar mehr Züge verspätet als in Heilbronn. Auch Abellio fahre pünktlicher als zu Beginn.

In Abellio-Zügen der RB 18 zwischen Osterburken und Heilbronn könne es in Einzelfällen eng zugehen, räumt das Ministerium ein. Das sei aber ein „Interimszustand“ und werde sich legen, wenn die neuen Züge da sind. Bei Go-Ahead sieht Neumann hingegen das Unternehmen in der Pflicht, weil „die Kapazitäten noch nicht dem entsprechen, was vom Land bestellt wurde.

Go-Ahead-Sprecher Bethkenhagen verweist darauf, eine interne Analyse zu den Kapazitäten stehe noch aus. Im kritisierten 7.03-Uhr-Zug ab Bad Friedrichshall sei das Unternehmen aber meist sogar mit mehr Platz unterwegs als vertraglich vereinbart.

Von "Dilettantismus hoch 10" spricht Hans-Martin Sauter, Regionalvorstand des ökologisch ausgerichteten Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Ihn erreichten überwiegend negative Reaktionen.

Stichprobe im Berufsverkehr eher positiv

Am Heilbronner Hauptbahnhof ergibt sich am Freitagmorgen ein eher positives Bild. Pendler Hans-Dieter Kloth hat bisher auf dem Weg nach Mosbach keine Zugausfälle erlebt. In den ersten Tagen mit dem neuen System sei es problematisch gewesen. "Seitdem läuft es", sagt der Heilbronner. Auch am Freitag ist sein Zug um 7 Uhr pünktlich.

Student Lennard Hermann aus Wüstenhausen fährt immer mit dem 7.15er-Zug nach Stuttgart. Er findet die neuen gelben Züge besser als vorher, weil sie Steckdose und WLAN haben. Seine Züge seien bis auf einen Tag mit einem Oberleitungsschaden immer pünktlich gewesen. In der App habe er aber bei anderen Zügen auch Verspätungen gesehen. Nach Ludwigsburg pendelt Alexandra Helwich. Es laufe "eigentlich ganz gut". Nur der Zug zurück am Nachmittag sei etwas dreckig und oft sehr voll. Kommentar "Keine Werbung"


Hettich

Alexander Hettich

Autor

Alexander Hettich ist stellvertretender Leiter der Regionalredaktion. Er arbeitet seit 2003 bei der Heilbronner Stimme, berichtet über Kommunalpolitik, Verkehr und den Kraichgau.

Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.   

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