Entschuldungsberater soll Freunde um 1,3 Millionen Euro betrogen haben

Region  Ein 61-Jähriger aus dem Zabergäu soll 44 Personen um 1,3 Millionen Euro geprellt haben. Die guten Beziehungen zu seinen Opfern nutzte der Mann aus. Er war in mehreren Vereinen engagiert.

Von Helmut Buchholz

Prozess in Heilbronn: Rolf H. hat Freunde dreist abgezockt

Wundersames Geldvermehrungssystem: Ein Zabergäuer sitzt auf der Anklagebank des Heilbronner Landgerichts. Er soll unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Freunde und Bekannte über den Tisch gezogen haben.

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Rolf H., früher Vorsitzender des Fördervereins des Tennisclubs Lauffen, steht wegen Betrug vor dem Landgericht Heilbronn. Beim Prozessauftakt gestern räumte der 61-Jährige alle Vorwürfe ein, die ihm die Staatsanwaltschaft zur Last legt. Der gelernte Bankkaufmann soll als selbstständiger Entschuldungsberater zwischen Mai 2014 und April 2018 rund 44 Personen um 1,3 Millionen Euro betrogen haben. Die Opfer waren zu großen Teilen Freunde und Bekannte.

Dabei soll er seine guten Beziehungen, die er über den Tennisverein, aber auch über einen Fußballverein im Zabergäu und aus seiner Zeit als Bankangestellter hatte, ausgenutzt haben. Rolf H. sei zwar selbst mit 400.000 Euro verschuldet und zahlungsunfähig gewesen, dennoch habe er sich unter Ausnutzung der freundschaftlichen Verhältnisse Geld von Freunden und Bekannten geliehen, mit dem Versprechen, die Beträge mit Verzinsung zurückzuzahlen. Dabei wollte er laut Anklage die Privatkredite von Anfang an für sich behalten. Von den 1,3 Millionen Euro seien bis jetzt 169.420 Euro zurückgezahlt worden.

Der Mann versprach, das geliehene Geld mit Verzinsung zurückzuzahlen

Der 61-Jährige machte sich im Jahr 2000 als Entschuldungsberater selbstständig mit folgender Geschäftsidee: Er lieh sich Beträge zwischen 1.500 und 200.000 Euro, die Zinsversprechen lagen zwischen zwischen sechs und zwölf Prozent pro Jahr, teilweise drastisch darüber. Einem Geldgeber, der dem Angeklagten 200.000 gab, versprach Rolf H. eine Rendite von 26 Prozent pro Jahr. Wobei das Geld plus Zinsgewinn innerhalb eines halben Jahres zurückgezahlt werden sollte.

Wie funktionierte das wundersame Geldvermehrungssystem? In dem ersten Geschäftsmodell des Zabergäuers ging es meist um Immobilien, die von Zwangsversteigerungen bedroht waren, weil ihre Eigentümer die Kredite nicht mehr bedienen konnten. Rolf H. gab gegenüber der Bank vor, einen Käufer zu haben, der die Immobilie zu einem viel niedrigeren Preis kaufen wollte. Die Bank ging oft auf dieses Angebot ein, um wenigstens noch etwas Geld einzunehmen. Die Geldinstitute schrieben bei diesem Geschäft einige Beträge ab. Nun aber kaufte der insolvente Eigentümer seine Immobilie wieder mit einem gewissen Aufschlag zurück. Rolf H. erhielt eine Provision und eine Bearbeitungsgebühr. Seine mit ihm bekannten Geldgeber erhielten ihre Privatkredite plus Verzinsung zurück und der Eigentümer hatte seine Schulden los und seine Immobilie wieder.

"Harakiri" mit unseriösem Schneeballsystem

Rolf H. ließ über seine Anwältin erklären, dass er nicht die Absicht gehabt habe, die Leute zu betrügen. Sein Geschäftsmodell sei nur völlig aus dem Ruder gelaufen. Das begann, als er selbst eine Wohnung in Düsseldorf für 170.000 Euro kaufte. Doch der Eigentümer kaufte sie nicht wie versprochen zurück, der 61-Jährige blieb auf den Schulden sitzen. Was dann passierte, nannte Vorsitzender Richter Roland Kleinschroth "Harakiri" und ein "unseriöses Schneeballsystem". Der Angeklagte versuchte, für eine Monatsmiete von 595 Euro pro Monat Lehrvideos im Internet zu verkaufen. Jeder Kunde sollte eine Provision für drei weitere Kunden erhalten. "Das müsste doch ein Bankkaufmann wissen, dass das nicht funktioniert", so Richter Kleinmschroth. Doch Rolf H. ist offenbar bis heute von dem Modell überzeugt: "Es gab ja eine Gegenleistung. Ich dachte immer, das funktioniert." Auf den Videos wurde den Kunden erklärt, wie sie Preisvorteile bei den Banken erreichen können.

Rolf H.: "Ich habe mir einen Strick gekauft, hatte Suizidgedanken."

Doch auch dieses Geschäft ging schief. Rolf H. flüchtete, tauchte in Mannheim unter. In Wettbüros versuchte er sein Glück, um finanziell wieder Land zu sehen. Vergeblich. "Ich habe mir einen Strick gekauft, hatte Suizidgedanken", erklärte er vor Gericht. Zu den Opfern, die zahlreich als Zuhörer im Gerichtssaal saßen, sagte er: "Ich möchte mich entschuldigen. Die Sache macht mich dermaßen fertig." Suizidgedanken habe er aber keine mehr. Kleinschroths Einschätzung lautete: "Es gibt manche, die sind richtig geschädigt. Es gibt aber auch welche, die sind ein bisschen mitschuld."

Wohin floss das Geld?

Rolf H. gab vor Gericht an, dass er das erbeutete Geld in Rück- und Zinszahlungen für andere Geldgeber fließen ließ. Auch in den Tennisclub Lauffen habe er Geld gesteckt. Zudem habe er die Summen auch "privat genutzt". Wobei der 61-Jährige betonte, spartanisch gelebt zu haben. "Ich fuhr nur einmal im Jahr in Urlaub, leistete mir nur ein Sky-Abo." Die Ehefrau habe nichts von alledem gewusst. Sie habe jetzt die Scheidung eingereicht. Am Schluss hatte er offenbar versucht, das gemeinsame Haus seiner Frau zu überschreiben. Rolf H. hat nach der Haft vor, aus dem Zabergäu wegzuziehen. "Ich kann in mein Umfeld nicht mehr zurück." Er sitzt seit Juli 2018 in Untersuchungshaft.