Einzelhandel: Aufenthaltsqualität statt große Verkaufsfläche

Heilbronn  Der Leerstand in der Heilbronner Innenstadt nimmt zu. Der Heilbronner Einzelhandel reagiert: Er setzt nicht mehr auf möglichst große Verkaufsflächen, sondern auf ein besseres Einkaufserlebnis - mit ungewöhnlichen Ideen.

Von Bärbel Kistner
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Bei Leerständen gestaltet sich die Nachmietersuche zunehmend schwierig. Im Februar schloss das Modeunternehmen H&M den Laden an der Fleiner Straße und hat nur noch eine Filiale in Heilbronn.

Die Größe der Verkaufsfläche verliert im Handel an Bedeutung. Ein Maximum an Ware im Laden unterbringen zu müssen, gilt heute als überholt. "Entscheidend ist vielmehr, was man aus der Fläche macht", sagt Einzelhändler Thomas Gauß, der mit einer Überraschung aufwartet. In seinem Sporthaus an der Kaiserstraße gibt es jetzt eine Espressobar mit Tischen und Hockern - drinnen und draußen. Die Eistheke, die Gauß schon im Vorjahr angeschafft hatte, ist ebenfalls in die neue Bar integriert.

"Inszenierung der Ware ist die Zukunft im Handel"

Der Kölner Experte Kai Hudetz spricht über die Bedeutung von Preisen, über anspruchsvolle Kunden und Bequemlichkeit. Das Interview lesen Sie unter diesem Link (Premium)

Immerhin verzichtet der Händler damit auf 80 Quadratmeter Fläche. "Wir gewinnen dafür an Aufenthaltsqualität", ist Gauß überzeugt. Das Ziel soll sein, dass Kunden "lieber bei uns im Laden kaufen als im Internet bestellen". Oder auch mal nur auf einen Cappuccino oder eine Kugel Eis vorbeischauen.

Der Wandel in der Branche, weg vom reinen Verkaufsladen, ist durchaus eine Folge des wachsenden Online-Geschäfts. Jeder zehnte Euro geht inzwischen an Internet-Händler. "Wir stehen in einem völlig anderen Wettbewerb", sagt Gauß. "Kunden kommen nicht mehr von alleine, sie können sich die Ware ja überall besorgen."

Retro-Design und Bodenbelag aus gebrannten Ziegeln

Zeitgleich mit der neuen Café-Bar hat Gauß sein Geschäft völlig umgekrempelt: Der Name Intersport verschwindet - nicht nur von der Fassade. Am innerstädtischen Standort kann er nicht das komplette Sportsortiment bieten, das Kunden von einem Sporthaus erwarten. Skier oder große Fitnessgeräte ließen sich aber an der Kaiserstraße ohne Parkplätze vor der Türe nicht mehr verkaufen.

Verkaufsfläche im Handel nicht mehr das Maß der Dinge
Eisdiele und Café-Bar im Sportgeschäft Saemann an der Kaiserstraße: Adriana und Thomas Gauß (li.) verzichten dafür auf 80 Quadratmeter Verkaufsfläche für Sportmode. Fotos: Andreas Veigel

Retro-Design ist angesagt: Gauß hat das 1949 entworfene Saemann-Logo aus der Schublade geholt, das exakt dem heutigen Zeitgeist entspricht. Er hat es um den Schriftzug "Sportkultur" ergänzt. Dazu gehört trendige Mode, die im Sportfachhandel an Bedeutung gewonnen hat.

Viele Ideen, etwa der Bodenbelag aus gebrannten Ziegeln, hat Gauß aus Amsterdam mitgebracht: "eine der innovativsten Städte beim Handel der Zukunft". Für Heilbronn wolle man mit den Neuerungen "eine Duftmarke setzen, die es bisher in der Stadt nicht gab".

Als Stadtinitiative-Vorsitzender und Beobachter des innerstädtischen Einzelhandels ist Gauß zudem überzeugt: "Momentan findet vielerorts eine Marktbereinigung statt." Verkaufsflächen zu reduzieren, ist selbst für große Namen kein Tabu mehr. Der Modefilialist H&M hat unlängst eine seiner beiden Heilbronner Geschäfte - in bester 1-A-Lage an der Fleiner Straße - geschlossen und ist nur noch in der Stadtgalerie vertreten.

Kleiner, aber feiner lautet die Devise

Um 90 Quadratmeter verkleinert hat sich auch der neu gestaltete s.Oliver-Store, der innerhalb der Stadtgalerie umgezogen ist: Für Inhaber Steffen Häffner war es vor allem eine Kostenfrage. 340 Quadratmeter im Center genügen ihm, um sein Sortiment zu präsentieren: Dem Kunden dafür mehr Qualität und Erlebnis zu bieten, liege im Trend. Kleiner, aber feiner lautet die Devise.

Der Wandel in der Heilbronner Innenstadt zeigt sich vielerorts auch darin, dass bei Neuvermietungen oft Dienstleister und Gastronomen Einzelhandel ersetzen und in ehemalige Modeläden einziehen. Beispiele: Ein Handyladen folgt an der Allee 3 auf eine Damenboutique. Am Kiliansplatz hat ein Friseur auf der Fläche des früheren Schuh-Rebell eröffnet. Im Laden nebenan, ehemals Schmuckgeschäft Eigenart, befindet sich ein Nagelstudio. In der Kaiserstraße am Marktplatz hat ein türkischer Restaurantbetreiber das frühere Modehaus Gutmann gemietet.


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