Eine neue Leber ist wie ein neues Leben

Region  Wegen des Organmangels müssen Kranke jahrelang auf eine neue Leber oder Niere warten. Für einen 52-jährigen Schrozberger geht es nach erfolgreicher Transplantation aufwärts.

Von Christian Klose und Henrike Mielke
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Eine neue Leber ist wie ein neues Leben

Wegen des Organmangels müssen Kranke jahrelang auf eine neue Leber oder Niere warten. Selbsthilfegruppen wünschen sich, dass das Thema Organspende in den Kliniken stärker präsent wird.

Foto: Archiv

Viele in ihrem Umfeld wissen bis heute nicht, dass ihr Mann lange schwer krank war und seit wenigen Wochen ein gespendetes Organ in sich trägt. Eine neue Leber, gespendet von einem toten Menschen, der dem 52-jährigen Schrozberger die Chance gibt, weiterzuleben. "Seit knapp drei Wochen ist mein Mann aus der Reha zurück und wieder Zuhause", sagt seine Frau. Es kann weitergehen, das Leben, wenn auch schwierig. Aber ohne die Organspende wäre es nicht mehr gegangen.

2012 hatte ihr Mann die Diagnose bekommen, dass er an einer unheilbaren Autoimmunerkrankung leidet, die die Leber zerstört. "Wir hatten davor ein ganz normales Leben geführt, mit so etwas hätten wir nie gerechnet", sagt die 50-jährige Schrozbergerin. Durch die geschädigte, nicht mehr richtig funktionierende Leber entwickelte sich bei ihrem Mann auch eine Osteoporose an der Wirbelsäule − eine Begleiterscheinung, die den Alltag der Eheleute zusätzlich erschwerte.

Eineinhalb Jahre auf der Warteliste

Ihr Mann war lange krankgeschrieben. Eineinhalb Jahre war der 52-Jährige auf der Warteliste für eine neue Leber. Eine zermürbende Zeit zwischen Hoffen und Bangen. "Man will die Hoffnung nie aufgeben, aber keiner kann einem sagen, wann und ob noch zur rechten Zeit ein Spenderorgan kommt", erinnert sich die Schrozbergerin. Es gibt zu wenig Organe, die Wartelisten sind lang. Doch dann, Mitte August, kam der so sehnlich erwartete Anruf: Es gibt eine Leber! "Es ist ein wahnsinniger Kraftakt so eine große OP, eine Leber einzusetzen ist deutlich aufwendiger als beispielsweise eine Niere", betont die Schrozbergerin, die noch anonym bleiben möchte. Es sei alles einfach noch zu frisch. An der Uniklinik Heidelberg wurde ihr Mann schließlich erfolgreich transplantiert.

Natürlich ist dem Ehepaar aus Schrozberg bewusst, dass für die neue Leber ihres Mannes ein anderer Mensch vorher starb. "Wir sind wirklich sehr dankbar und denken sehr oft an diese Familie, die jemanden verloren hat und die Großzügigkeit hatte, der Organspende zuzustimmen", sagt die Schrozbergerin. Und sie ist überzeugt, dass sie und ihr Mann über die Organspende irgendwann öffentlich reden, wenn alles gut überstanden ist. Es gehe ja schließlich darum, in der Gesellschaft ein Bewusstsein für dieses wichtige Thema zu schaffen. "Wir möchten auch über die Selbsthilfegruppe etwas tun. Wir werden Mitglied bleiben und andere unterstützen. Denn die Selbsthilfegruppe war in dieser ganzen Zeit Gold wert", betont sie.

Optimierung der Spendererkennung 

Die Patientenorganisation Lebertransplantierte Deutschland e.V. gibt es inzwischen bundesweit mit vielen regionalen Gruppenschon seit 25 Jahren. Jutta Riemer aus Bretzfeld ist die Vorsitzende des Vereins. Vor mehr als 20 Jahren hatte sie ebenfalls eine Leber gespendet bekommen, seither engagiert sie sich für Leberkranke und Lebertransplantierte, aber auch für das Thema Organspende insgesamt. Sie ist unter anderem Mitglied in der ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer und verfolgt derzeit mit Spannung, ob die von Gesundheitsminister Jens Spahn geplante "doppelte Widerspruchslösung" kommen wird. Für ihr jahrelanges Engagement hat die Bretzfelderin am vergangenen Wochenende das Bundesverdienstkreuz überreicht bekommen.

"Eine in Deutschland gut akzeptierte Widerspruchslösung wäre möglicherweise förderlich für die Organspende. Die Optimierung der Spendererkennung und die dafür notwendigen ausreichenden Freistellungen der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken sowie eine bessere Vergütung der Entnahmekrankenhäuser sind mindestens ebenso dringliche Aufgaben", betont Riemer.

"Es gilt aber auch, die Motivation des medizinischen Personals zu stärken. Die Spendermeldungen sind gesetzliche Pflicht. Sie sollten auch von allen Beteiligten an den Krankenhäusern als Spektrum ihrer Tätigkeit gesehen werden. Und ein Krankenhaus sollte mit Stolz im Qualitätsbericht auf realisierte Organspenden hinweisen." Riemer hat gewisses Verständnis dafür, dass im hektischen Klinikalltag das Thema Organspende nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste stehe. "Aber dadurch werden zu wenige Organspender entdeckt, da wäre in den Kliniken noch mehr Potenzial da. Wir brauchen in den Häusern einen neuen Geist." Die positive Stimmung gegenüber der Organspende fehle in manchen Häusern noch ein bisschen. "Wir müssen dabei auch die beiden großen Kirchen weiter auf dem Weg mitnehmen. Diese hatten sich ja schon vor vielen Jahren in einer gemeinsamen Erklärung positiv zur Organspende positioniert", so Riemer.

Betroffenen müssen oft zu lange auf Spenderorgane warten

Der SLK-Transplantationsbeauftragte Dr. Wolfram Radunz hält die Organspende insgesamt für eine "gesellschaftliche Aufgabe". "Eine Organspende ist keine Spende, sondern ein Geschenk eines Menschen an einen anderen. Über den Tod denkt niemand gerne nach. Allerdings kann man ihm so noch eine positive Seite geben", sagt er. Dennoch räumt er ein, dass es am Gesundbrunnen und Plattenwald noch Optimierungsmöglichkeiten gebe. "Ich glaube, es ist im Klinik-Alltag nicht immer so präsent, wie es sein sollte", gibt Radunz zu. Dass es, wie beim neuen Gesetzentwurf vorgeschlagen, einen freigestellten Transplantationsbeauftragten geben soll, davon hält er nicht viel. "Das muss aus meiner Sicht schon ein Praktiker sein, der auch noch auf der Intensivstation arbeitet. Aber zeitliche Freiräume würden uns schon voranbringen."

Der Organmangel hat zur Folge, dass die Betroffenen lange auf Spenderorgane warten müssen und sie dann häufig schon schwer gesundheitlich angeschlagen sind. "Wegen der langen Wartezeiten können die Ärzte oftmals sehr spät oder manches Mal auch gar nicht mehr transplantieren", erklärt Jutta Riemer.

Der 52-Jährige Schrozberger hat es geschafft. "Wer zu Fuß zur Transplantation kommt, geht auch zu Fuß wieder nach Hause", heißt es. Für ihn geht es langsam aufwärts. Und mit dem Leben des Schrozberger Ehepaars ebenso. Dank neuer Leber.

 


 

Schwestern teilen sich ein Organ

Sie verbindet auch die gemeinsame Leber: Die Schwestern Heidi Nesper-Eckstein (li.) und Birgit Ehmer freuen sich acht Jahre nach der Transplantation über die gewonnene Lebensqualität.

Foto: Henrike Mielke

Schwestern teilen sich ein Organ

"Meine Leberschwester" nennt Heidi Nesper-Eckstein (54) aus Untergruppenbach ihre zwei Jahre ältere Schwester Birgit Ehmer. Die 56-jährige aus Ingersheim spendete ihr 2010 einen Teil ihrer gesunden Leber. Dieser Schritt verbindet die beiden bis heute zusätzlich.

Aufgrund einer Autoimmunerkrankung und der damit verbundenen schleichenden Zerstörung ihrer Leber wurde Heidi Nesper-Eckstein 2009 auf die Warteliste für ein Spendeorgan gesetzt. Ihre Aussichten, darauf zeitnah ein neues Organ zu bekommen, waren sehr gering. Ein Jahr später verschlechterte sich ihr Allgemeinzustand jedoch rapide, sie konnte sich immer weniger um Haushalt und Familie kümmern. "Ich hatte das Gefühl, mir läuft die Zeit davon", sagt sie rückblickend. Auf das Angebot der älteren Schwester wollte sie zunächst nicht eingehen.

"Was ist, wenn ich weiterlebe, und bei ihr gibt es schwere Komplikationen?", war ihre größte Sorge vor der Operation im Transplantationszentrum in Tübingen. Wundheilungsstörungen, temporäres Leberversagen und Infektionen sind mögliche Risiken für den Spender. In Ausnahmefällen kann die Operation lebensgefährlich sein. "Es hätte mich niemand davon abbringen können", sagt Birgit Ehmer. Als sie von der Möglichkeit einer Lebendspende erfuhr, war die Entscheidung sofort gefallen. Bereut hat sie es nie, auch weil es keinerlei medizinische Komplikationen gab. Nur die Narbe am Bauch erinnert noch an die Operation.

Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) beträgt der Anteil der Teilleber-Lebendspenden an der Lebertransplantation nur etwa 7,4 Prozent. ?Sie unterliegt strengen gesetzlichen Bestimmungen. Organhandel muss ausgeschlossen werden. Erlaubt ist die Lebendspende nur dann, wenn alle medizinischen Voraussetzungen erfüllt sind und auch keine ethischen Bedenken bestehen. Auch im Fall der Schwestern war zunächst unklar, ob alle Bedenken erfüllt sind. "Da hab ich schon gezittert", so Ehmer.

Neben der Nierenspende ist die Teilleber-Lebendspende damit die einzige Möglichkeit, als naher Angehöriger oder enger Freund ein Organ zu spenden. Bei der vierstündigen Operation wurde Birgit Ehmer ein Leberlappen entnommen und ihrer Schwester eingesetzt. Sowohl die verbleibende Leber des Spenders als auch das verpflanzte Leberteilstück wachsen wieder auf Normalgröße an.

Schon nach sechs Wochen war das Spenderorgan bei Heidi Nesper-Eckstein nachgewachsen. Sie nimmt weiterhin Medikamente, die eine Abstoßung verhindern. "Meine Schwester hat mir ein ganz neues Leben geschenkt", sagt sie über ihre Lebensqualität nach der Transplantation. Sie geht wieder arbeiten, macht sogar Sport und hat wieder Freude am Leben gewonnen. Jetzt, acht Jahre später, sind die Schwestern froh, diesen Weg gemeinsam gegangen zu sein.

 

 


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