Eine Schafherde auf dem Weg zur nächsten Weide

Bad Wimpfen  Mit immer mehr Mühe hält Schäfer Walter Geiger seine Schäfchen zusammen. Um die Täler von Neckar, Jagst und Kocher zu erreichen, treibt er die Herde quer durch die Region. Wenn ihm da nicht immer die B27 in die Quere kommen würde.

Von Alexander Klug

Mit Herde und Hütehund in der Boomregion

Wo kurz zuvor noch eine Bundesstraße war, ist kurz darauf vor lauter Schafen kein Quadratmeter Asphalt mehr zu sehen.

Flauschig und weich sieht er aus, der Boden im Stall von Walter Geiger. Doch gemütlich geht es in dem großen Gebäude nur einen Steinwurf von der noch größeren Baustelle der neuen Lidl-Verwaltung in Bad Wimpfen nicht zu. Nicht nur, dass Mitarbeiter eilig das flauschige Material zusammensammeln und in Säcken verschwinden lassen.

Das "Mäh" Hunderter Schafe kann nicht die Schermaschinen der acht Männer übertönen, die Schaf für Schaf vom Fellkleid befreien. Dabei hängen die Scherer wie Gleitschirmflieger in einer Schlaufe, um nicht nur mit den Beinen das Gleichgewicht halten zu müssen.

"Es gibt alle Arten von Schafen. Manche halten still, als würden sie schlafen. Andere können einem schon ganz schön eine verpassen", sagt einer der Schafscherer. "Da fällt einem schon mal der Rasierer aus der Hand." Einmal im Jahr kommen die Scherer auf den Hof von Walter Geiger. In der übrigen Zeit sind die Tiere nicht oft zu Hause: So mancher Autofahrer hat Schafe samt Schäfer und Schäferhunden bei der Straßenquerung oder auf Wiesen in der Region gesehen.

Immer mehr Verkehr auf den Straßen

Mit Herde und Hütehund in der Boomregion

Walter Geiger hat das Hüten im Kindesalter von seinem Vater gelernt.

Vor allem, um die Täler von Neckar, Jagst und Kocher zu erreichen, müssen Herde und Schäfer quer durch die Region. "Wir bewegen uns wie Figuren auf einem Schachbrett. Von Feld zu Feld", sagt Walter Geiger, während er kontrolliert, dass die Schafe ordentlich eins nach dem anderen die Scherer erreichen. Wichtig sei, dass das Feld abgeerntet und noch nichts frisch eingesät ist. Regelmäßig müssen die Tiere dabei auch die B 27 queren.

"Man merkt, dass der Verkehr über die letzten Jahre stark zugenommen hat", erzählt der Schäfer. Zum Beispiel werde die Querung der Brückenstraße zwischen Obereisesheim und Neckarsulm immer schwieriger. Gefreut habe er sich, als neulich zwei Polizistinnen zur Stelle waren, um ihm bei der Querung der Bundesstraße zu helfen. "Das ist nicht mehr selbstverständlich", sagt Walter Geiger.

Reaktion sehr unterschiedlich

Die Reaktionen der Menschen, die auf die Schafherde treffen, seien ganz verschieden. "Viele bekommen leuchtende Augen, wenn sie die vielen Schafe sehen, andere schimpfen, weil sie es eilig haben und warten müssen." Dabei gehe es um gerade mal 15 bis 20 Minuten. "Nicht nur die Menge des Verkehrs auf den Straßen hat sich über die Jahre verändert, auch die Gesellschaft selbst." Job ist wichtig, Freizeit ist wichtig - der Bezug zu naturverbundenen Berufen wie dem seinen nur noch schwach ausgeprägt.

Die Herde nur noch in der Region weiden zu lassen, sei heutzutage unvorstellbar. "Das würde viel zu viele Konflikte geben. Nicht nur im Straßenverkehr. Auch mit Radfahrern." Deswegen verlädt Walter Geiger seine Herde im Frühjahr und im Winter auf Laster und zieht mit ihnen auf Übungsgelände der Bundeswehr um - eines liegt bei Bruchsal, das andere bei Stetten am kalten Markt auf der Schwäbischen Alb.

Ohne Überraschungen geht es nicht

Schäfer mit Schafherde
Auf dem Weg zur nächsten Weide muss Schäfer Geiger seine Tiere öfter auch sicher über die Straße bringen. Foto: Ralf Seidel

Planung ist sehr wichtig: "Eine Route, die beim letzten Mal noch prima funktioniert hat, kann jetzt durch eine Baustelle, eine Leitplanke oder einen Zaun blockiert sein. Ich fahre den geplanten Weg immer morgens nochmal ab." Ohne Überraschungen geht es trotzdem nicht. "Wenn sich doch mal ein Schaf auf die andere Seite eine Leitplanke verirrt, sieht man ganz schön alt aus. Und neulich hat ein Bauer angerufen, der ein einzelnes Schaf gefunden hat. Es war in den Graben gerutscht und konnte sich nicht selbst befreien. Ich habe es dann abgeholt."

Hundeausbildung läuft so nebenher

Unverzichtbare Helfer sind seine fünf Hütehunde. "Die Schafe laufen tagsüber frei herum. Wenn die Hunde die Herde nicht zusammenhalten würden, könnte ich sie alleine nicht halten." Vor allem, wenn auf beiden Seiten der Herde bepflanzte Felder sind, wäre die Kontrolle ohne Hunde unmöglich. Dann ist auf jeder Seite der Herde ein Hund postiert und achtet darauf, dass kein Tier in die falsche Richtung läuft. Walter Geiger hat Altdeutsche Schäferhunde im Einsatz. "Die habe ich alle selbst ausgebildet und trainiert. Das läuft so nebenher", sagt der Schäfer und scheucht ein fertig geschorenes Schaf zurück zu den anderen, das sich in die falsche Richtung aufmacht.

Das ist die Ausnahme, die meisten stehen erst brav in der Reihe bis zu den Schermaschinen und laufen dann zu den anderen fertig geschorenen. "Die Schafe haben Übung in dem Prozedere, sich anstellen zu müssen. Das machen wir bei Untersuchungen oder wenn wir sie zählen, auch so."

Mit Herde und Hütehund in der Boomregion

Wenn die Schafscherer kommen, ist Hochbetrieb im Stall im Westen von Bad Wimpfen. Im Minutentakt verlieren die Tiere die Wolle.

Der Preis für Wolle ist über die Jahre gesunken

Ungefähr vier Kilogramm Wolle rasieren die Scherer von einem Schaf, Mitarbeiter von Geiger sammeln das weiche Material zusammen und füllen es in 60 große Säcke. "Manchmal meint auch jemand, es sei nicht in Ordnung, den Schafen die Wolle wegzunehmen. Aber das stimmt nicht. Gerade jetzt, wenn es wärmer wird, ist es wichtig, die Schafe zu scheren", sagt der Schäfer.

Durch die Konkurrenz von Baumwolle und synthetischen Fasern sei der Preis für Wolle jedoch über die Jahre gesunken - selbst für die qualitativ hochwertige Wolle, die Geigers Merinoschafe produzieren. In den nächsten Tagen wird er Angebote von Händlern einholen, der Käufer holt die Wolle dann in Bad Wimpfen ab. "Was genau am Ende daraus wird, kann ich gar nicht sagen", sagt der Schäfer. "Die Wolle wird zu Textilien verarbeitet."

Schon sein Vater war Schäfer

Sich um die Zukunft zu sorgen, ist Walter Schäfers Sache trotz niedrigem Preisniveau und gesellschaftlichem Wandel nicht. Er selbst lebe von klein auf mit den Tieren, schon sein Vater war Schäfer. "Ich bin mit Schafen und der Arbeit mit ihnen aufgewachsen und hüte Schafe, seit ich acht Jahre alt bin", sagt der 58-Jährige. Etwas anderes kommt nicht infrage. "Mein Neffe arbeitet im Betrieb schon kräftig mit. Wer weiß, vielleicht übernimmt er das Geschäft ja irgendwann einmal."

Am Ende der Schur sitzen alle zusammen. Schäferfamilie, Mitarbeiter, Schafscherer. Zur Stärkung kommen Nudeln, Salat und Lammfleisch auf den Tisch. Selbstverständlich von eigenen Tieren.

 

 

 

 

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