Ein bisschen Normalität in der tiefen Corona-Krise

Heilbronn  Der Heilbronner Wochenmarkt bleibt auch in Corona-Zeiten geöffnet. Händler und Kunden haben sich auf das Virus eingestellt. Der Marktplatz hat eine wichtige Funktion in diesen kontaktarmen Tagen.

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Ein bisschen Normalität in der tiefen Corona-Krise

Der Markt hat in den kontaktarmen Corona-Zeiten eine wichtige soziale Funktion. Er ist einer der letzten Orte, wo Leute Leute treffen, um einen Schwatz zu halten.

Die Stände auf dem Marktplatz stehen jetzt etwas weiter auseinander. Manche Händler haben Biertische vor ihre Waren gestellt, um die Kunden ein bisschen mehr auf Abstand zu halten. In den Warteschlangen gehen die Menschen auf Distanz. Weniger als 1,5 Meter sollten es nicht werden. So steht es auf vielen Hinweisschildern, die an den Ständen angebracht sind. Rose Rueff steht am Dienstagmorgen am Verkaufswagen von Fisch Seybold an. Es ist der erste Wochenmarkttag, nachdem die Landesregierung Ausgangsbeschränkungen erlassen hat. Die 79-Jährige ist "eigentlich noch optimistisch", dass sich die soziale Kontaktdiät lohnt und alles wieder gut wird. "Ich habe die Zeit kurz nach dem Krieg noch miterlebt", begründet sie ihre Zuversicht in diesen schweren Tagen. Für Rose Rueff ist der Wochenmarkt einer der letzten Orte, an dem man noch "etwas frische Luft" tanken kann. Fast so wie früher vor der Virus-Krise.

"Wichtig ist, Abstand zu halten."

Ein bisschen Normalität in der tiefen Corona-Krise

Hinweisschild am Stand von Fisch Seybold: Die meisten halten sich an die Abstandsregeln. Die Stimmung bei den Kunden gibt Händlerin Petra Seybold so wieder: "Die sind positiv optimistisch, dass wir das gut hinkriegen."

Fotos: Dennis Mugler

Alexandra Bussi kommt regelmäßig zum Wochenmarkt. Das lässt sich die 52-Jährige nicht nehmen. Auch wenn sie jetzt mit etwas anderen Gefühlen einkauft. "Wichtig ist, Abstand zu halten", sagt sie. Die Ausgehbeschränkungen der Landesregierung "finde ich in Ordnung". Die Regeln seien nicht zu streng. "Und in der Zwischenzeit funktionieren sie auch gut." Nur eine Gefahr sieht Alexandra Bussi aufkeimen: "Dass ältere Menschen jetzt psychische Probleme bekommen in der Einsamkeit, wenn man nicht mehr raus darf."

Ingeborg Jähne ist Stammkundin des Marktes. Die 76-Jährige ist froh, "dass das Angebot noch da ist". Ihr sei wichtig, frische Lebensmittel zu kaufen. "Ich esse viele Vitamine, damit ich gesund bleibe." Zu Hause hat sie sich einen gewissen Vorrat angelegt. "Aber Hamsterkäufe sind nicht notwendig." Die Seniorin ist Witwe, lebt in Heilbronn allein. Besuch ist zurzeit tabu. "Aber, wenn es sein muss, versorgt mich meine Familie in Lauffen." Hilfsangebote gibt es auch aus der Nachbarschaft. Bis jetzt gebe es noch keinen "Notstand", sagt Ingeborg Jähne.

Info

Der Wochenmarkt auf dem Heilbronner Marktplatz findet nach wie vor statt. Um Stoßzeiten zu verhindern, hat die Heilbronn Marketing GmbH den Beschickern ein größeres Zeitfenster geöffnet. Ab sofort dürfen die Händler ihre Produkte nicht nur zwischen 7 und 13 Uhr, sondern von 7 bis 17 Uhr auf dem Marktplatz verkaufen. Alle Infos unter www.heilbronner-wochenmarkt.de

Händler wie Helmut Jaudes vom Neckarwestheimer Geflügelhof rechnen mit weniger Umsatz. "Es kommt jetzt hauptsächlich die Stammkundschaft." Er hat Desinfektionsmittel dabei, verzichtet auf Warenauslagen vor der Verkaufstheke. Jaudes hat versucht, Handschuhe zu benutzen. "Das war schwierig." Es fehlt die Haptik beim Eierverpacken. Sein Betrieb hat jetzt nur noch auf dem Markt und beim Direktverkauf Einnahmen. Deshalb sei der Markt auch wichtig.

Händler machen weniger Umsatz

Jutta Böhringer schätzt, dass sich 95 Prozent der Kunden an ihrem Obst- und Gemüsestand "super" verhalten. Sprich: Sie halten Abstand. Den Rest muss sie auf die Regeln hinweisen. Juttas Böhringer Hof in Hohenlohe habe Glück im Unglück. "Wir sind ein reiner Erzeugerbetrieb. Die Ware ist da, daran fehlt es nicht." Auch die polnischen Erntehelfer stehen zur Verfügung. "Die sind gekommen, bevor das mit dem Corona richtig los ging." Manche andere Betriebe müssten sich da größere Sorgen machen. Die Händlerin denkt, dass Corona nicht die letzte Epidemie war. "In Zeiten der Globalisierung wird es noch ganz andere Krankheiten geben." Allerdings ließe sie sich nicht verrückt machen: "Ich fühle mich tiefenentspannt. Da müssen wir durch und gut ist. Ich bin eine Rossnatur."

Petra Seybold hat an ihrem Fischstand Handdesinfektionsmittel für ihre Kunden bereitgestellt, die sie lobt: "Die halten sich ohne Wenn und Aber an die Abstandsregeln." Für sie hat der Wochenmarkt gerade jetzt eine wichtige Funktion: "Es geht auch drum, einen Schwatz zu halten. Wir brauchen unser soziales Umfeld. Damit geht es besser." Wie die Stimmung bei den Kunden ist? "Die sind positiv optimistisch, dass wir das gut hinkriegen. Nicht leichtsinnig, aber auch nicht superängstlich." Petra Seybold meint: "So geht es uns doch allen."


Helmut Buchholz

Helmut Buchholz

Autor

Helmut Buchholz arbeitet seit 1999 bei der Heilbronner Stimme. Er kümmert sich im Stadtkreisressort um die Themen Gericht, Polizei und Soziales. Er leitet außerdem das Thementeam Migration.

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