Ein Wildschwein wütet im Wohngebiet

Lauffen  Bei einer Treibjagd im Kaywald macht sich eine Bache auf den Weg in eine Lauffener Siedlung. Dort hält sie Bewohner, Jäger und Polizei auf Trab. Doch am Ende wird sie erschossen.

Von Heike Kinkopf

Erika und Volker Luckert hatten sich am Samstag gegen 15 Uhr gerade für einen Mittagsschlaf hingelegt, als sie nicht wussten, wie ihnen geschah. "Das Haus schien zu wackeln, dann klirrte es", erzählte der 75 Jahre alte Volker Luckert am Sonntagmittag.

In Windeseile liefen die Eheleute zum Schlafzimmerfenster. Sie sahen nur noch, wie ein Wildschwein, das soeben gegen die Glasfront der Terrassentür geprallt war, quer durch ihren Garten davonstürmte. Die Wildsau verursachte auf ihrem unkontrollierten Ritt durch die Lauffener Siedlung in der Nähe des Kaywalds weitere Schäden. Menschen wurden laut Polizei nicht verletzt.

Wildschwein wütet im Wohngebiet

Erika Luckert (66) nimmt die Attacke der wild gewordenen Sau in Lauffen gelassen. Die äußere Scheibe der Doppelverglasung ist zersplittert, die innere Scheibe hat dem Schwein standgehalten.

Foto: Heike Kinkopf

Das Tier war nicht angeschossen

Vier Pächter des Jagdreviers Kaywald hatten am Samstag zur jährlichen Treibjagd geladen, sagt Hans-Martin Steinle, einer der vier Pächter. Steinle hatte die Leitung inne. Etwa 30 Jäger seien gekommen, Hunde und Treiber waren ebenfalls mit von der Partie. Warum die Bache den Wald verließ und sich in Richtung der Siedlung davonmachte, kann sich Steinle nicht erklären. Das Tier sei nicht angeschossen worden.

Nach übereinstimmenden Aussagen von Polizei und Bewohnern der Siedlung in der Nähe der Bahngleise in Richtung Meimsheim wütete das Wildschwein im Schlehenweg, Rosen-, Johannesbeerweg und in der Straße Am Kaywald. Demnach zerstörte das Tier nicht nur die Scheibe der Luckerts. Bei einem anderen Haus blieb es mit dem Kopf in einem stattlichen Gartentor aus Metallstäben stecken und kam nicht mehr heraus. Das kräftige Wildschein habe in seinem Kampf das gesamte Tor aus der Verankerung gerissen.

Anwohner ins Haus geschickt

Die Polizei forderte umstehende Anwohner auf, in ihre Häuser zu gehen, da die Gefahr bestand, dass die wild gewordene Sau sich befreit und unkontrolliert auf die Menschen losgeht. Das Tier einfach zu erschießen, kam nicht in Frage. Der Polizei zufolge waren vier ausgewachsene Männer nötig, um die Sau unter dem Tor zu fixieren. Schließlich sei sie nach längerem, kraftaufwendigen Kampf unter dem Eisentor festgehalten und fachmännisch getötet worden. Weitere Schäden sollen außerdem durch Tierblut an einer Hauswand entstanden sein.

"Bei einer Schussabgabe gilt höchste Sicherheit", erklärt Steinle, warum die Jäger nicht auf das Wild schossen, als es Richtung Häuser rannte. Mit einer Waffe in Richtung von Gebäuden und Straßen zu zielen, wo sich Menschen aufhalten - undenkbar. "Das geht gar nicht. Das ist viel zu gefährlich."

Nahrung in den Städten

Steinle nahm nach eigener Aussage noch am Samstag mit betroffenen Hausbesitzern Kontakt auf. Für die entstandenen Schäden werde die Versicherung der Jäger aufkommen. Dass ein Wildschwein in die Stadt kommt, "das habe ich noch nicht erlebt". Marder, ja, die ziehe es schon mal zu Menschen. Andere Tiere könnte das vorhandene Nahrungsangebot in Städten und Gemeinden anlocken. Dass ein Wildschwein die Nähe von Menschen und Häusern suche, sei nicht nachvollziehbar.

Wenngleich wilde Tiere unter Druck stehen, wie Steinle sagt. Wälder werden stark genutzt von Spaziergängern, Läufern und Mountainbike-Fahrern zum Beispiel. Auch Erika und Volker Luckert genießen die Nähe zum nahen Wald und dem Naturschutzgebiet. Das Paar lebt seit 1978 in ihrem Haus. Dass ein Wildschwein durch ihren Garten rennt, das ist allerdings für beide eine neue Erfahrung.

Ähnliche Vorfälle

Anfang Dezember meldete eine Passantin in Sachsenheim im Kreis Ludwigsburg der Polizei ein aggressives Wildschwein und flüchtete vor ihm in einen Bus. Danach griff das Schwein einen 74-Jährigen an und verletzte ihn so schwer, dass er ins Krankenhaus kam. Als die Polizei das Martinshorn einschaltete, rannte das Tier davon und rammte die Terrassentür eines Hauses.

Durch umherfliegende Glassplitter wurde ein 18 Monate altes Kind im Haus leicht verletzt. Auch in Sachsenheim fand laut Polizei an dem Tag eine Treibjagd statt. Im März verirrte sich ein Wildschwein in das Ostalb-Klinikum in Aalen und wurde von der Polizei erschossen. Kurz zuvor hatten fünf Tiere in Bretzfeld versucht, in einen Discounter einzudringen.

 

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