Ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt

Brackenheim  Landtagspräsidentin Muhterem Aras spricht in Brackenheim vor rund 500 Menschen zum deutschen Nationalfeiertag über Einheit und Heimat und ruft zum Dialog auf.

Von Wolfgang Müller

Vielfalt auf Sockel gemeinsamer Werte stellen
Bürgermeister Rolf Kieser (links), Landtagspräsidentin Muhterem Aras und der Heilbronner Landrat Detlef Piepenburg feiern gemeinsam mit 500 Gästen im Brackenheimer Bürgerzentrum den Tag der Deutschen Einheit. Foto: Matthias Heibel  

Ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt hat die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, Muhterem Aras, am Montagabend bei der vorgezogenen Feierstunde zum Nationalfeiertag in Brackenheim gehalten.

Vor rund 500 Zuhörern im Brackenheimer Bürgerzentrum gab die Grünen-Politikerin Antworten auf die Frage nach gemeinsamer Identität und deren Beitrag für die Integration. "Das Credo der Vielfalt, die sich in der Einheit gemeinsamer Werte bewährt, gibt uns gerade auch heute die richtige Haltung, um die Herausforderungen in Deutschland anzugehen", sagte Muhterem Aras.

Die Angst wachse bei den Menschen

Zum 29. Mal hatte die Stadt Brackenheim zur Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit eingeladen. "Wir sind stolz darauf, eine der wenigen Kommunen in Deutschland zu sein, bei der der 3. Oktober einen so hohen Stellenwert hat", sagte Bürgermeister Rolf Kieser in seiner Begrüßung. Dabei legt der Verwaltungschef Wert auf hochkarätige Festredner, die nicht nur an die Geschichte rund um den Nationalfeiertag erinnern, sondern auch einen Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen und Diskussionen leisten.

Nie zuvor in ihrer Geschichte weise die Bundesrepublik so gute Zahlen auf und biete so große Chancen wie derzeit. Und doch wachse die Angst bei den Menschen. Angst vor der Zukunft, vor dem Unbekannten, vor dem Fremden. In Deutschland habe sich seit Jahrzehnten vieles gewandelt, so die 52-jährige Politikerin. Nicht erst seit der Wiedervereinigung 1990.

Eine Veränderung sei bereits mit der Zuwanderung in den 60er und 70er Jahren eingetreten. "Die sich vergleichsweise homogen fühlende Gesellschaft der Bundesrepublik der 70er und 80er gibt es so schon lange nicht mehr", sagte die Politikerin mit anatolischen Wurzeln.

Was also ist Deutschland? Was Heimat?

Muhterem Aras
Muhterem Aras ist seit Mai 2011 Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg für den Wahlkreis Stuttgart. Seit Mai 2016 ist sie Landtagspräsidentin. Foto: dpa  

Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen aus den neuen Bundesländern bilden laut Aras etwa zwei gleich große Gruppen. Aktuell machten sie zusammen rund 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus. Was also ist Deutschland? Was Heimat? "Nicht mehr die Herkunft macht den vollwertigen Staatsbürger aus, sondern der Glaube an unsere Grundwerte und die Bereitschaft, sich für sie einzusetzen", sagte Aras. Darauf fuße die gemeinsame Identität.

Das Grundgesetz biete hierfür das Fundament. "Es ist auf Vielfalt angelegt und bietet gleichzeitig einen festen Sockel gemeinsamer Werte." Das hier im Augenblick viel schief laufe, sehe man am Verlauf von Debatten über Gewalttaten, so Aras.

Ostdeutsche und Migranten wiesen Parallelen auf

Mit Blick auf die Ausschreitungen in Chemnitz und dem Auftrieb von Rechtsextremen vor allem in Sachsen rief die Landtagspräsidentin zum Dialog auf. Denn Ostdeutsche und Migranten wiesen viele Parallelen auf: Die Erfahrung, aufgrund der Herkunft mit Vorurteilen konfrontiert zu sein oder sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Zu den Gemeinsamkeiten gehöre auch der Verlust der ersten Heimat: "Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen." Die Erfahrung von Abwertung und das Gefühl, Mensch zweiter Klasse zu sein und wegen seiner Herkunft benachteiligt zu werden. "Ostdeutsche sind auch Migranten", zitiert Aras eine Überschrift aus einem Artikel in der Tageszeitung Taz. "Clans und Extremisten nutzen solche Minderwertigkeitsgefühle gezielt für ihre Anwerbung. Und bietet als Reiz die Aufwertung in einer Kampfgemeinschaft: Wir gegen die", so Aras.