Drogen gehören zum Gefängnis-Alltag

Heilbronn  Der Fall eines Wärters, der Betäubungsmittel und Handys ins Gefängnis geschleust haben soll, überrascht Insider nicht. Im Knast floriert der Drogenhandel.

Von Heike Kinkopf

UPDATE: Mehr zum Thema: Schmuggel-Affäre in der JVA Heilbronn weitet sich aus

 

Drogen gehören zum Gefängnis-Alltag

Straftäter sitzen hinter Schloss und Riegel. Ihre illegalen Machenschaften lassen sie nicht bleiben. Der Drogenhandel spielt in Justizvollzugsanstalten keine kleine Rolle, wie das jüngste Beispiel in Heilbronn zeigt.

Foto: Archiv/Berger

Ein Begrüßungskuss, eine Umarmung und schon wechselt ein kleine Tablette den Besitzer. "Im Gefängnis sind Drogen gang und gäbe."

Diese Erfahrung macht eine Suchttherapeutin aus der Region, die in der Vergangenheit in einigen Justizvollzugsanstalten des Landes tätig gewesen ist. Peter Heck aus Schwaigern kümmert sich seit 25 Jahren um Gefängnisinsassen in Heilbronn. Sein Fazit zu Drogen: "Wer sie braucht, bekommt sie auch." Beide stellen fest: Beim illegalen Handel hinter Gittern geht es immer um Geld, und es geht um Macht.

Kein Einzelfall

Ein 37 Jahre alter Vollzugsbeamter und drei weitere Verdächtige sitzen seit mehr als einer Woche in Untersuchungshaft, weil sie Betäubungsmittel und Handys ins Heilbronner Gefängnis geschleust haben sollen. Der Fall sorgt für Wirbel. Landespolitiker fordern Aufklärung. Die Polizei ermittelt noch.

"Wenn man bedenkt, wie viel Geld man damit verdienen kann, glaube ich nicht, dass es ein Einzelfall ist", kommentiert Peter Heck die Vorkommnisse. "Ich kann mir keinen Knast vorstellen, in dem es keine Drogen gibt." Das ist im Justizministerium Baden-Württemberg bekannt. "Der Justizvollzug im Land unternimmt große Anstrengungen, um dem Drogenkonsum bei den Gefangenen entgegenzutreten", teilt ein Sprecher auf Stimme-Anfrage mit. Dazu gehörten Suchtberatung, Therapie und Drogensubstitution.

Drogen in Babywindeln

Heroin, Kokain, illegale Kräutermischungen, Drogenersatzstoffe sind in Vollzugsanstalten zu haben. "Jeder weiß es, keiner spricht darüber", so die Therapeutin. Dem Treiben Einhalt zu gebieten, sei schwierig. Die Täter seien "kreativ". Wird ein Drogenhandelsweg aufgedeckt, entstehe ein neuer.

Frauen schmuggelten allen Kontrollen zum Trotz Suchtmittel in der Windel des Babys zu ihren Männern ins Gefängnis, schildert Heck eine Möglichkeit. Drogen werden aufgelöst und mit Löschpapier aufgesaugt, nennt die Therapeutin eine andere Möglichkeit. Selbst unter Briefmarken auf Briefen fänden sich verbotene Substanzen. Unter Briefmarken? Für Außenstehende sind derart winzige Mengen kaum vorstellbar. "In einer JVA ist das viel Geld wert", erklärt die Therapeutin.

Häftlinge erpressen andere

Das Drogenproblem entsteht laut Justizministerium selten erst im Vollzug, sondern reicht bis in die Zeit vor der Gefangennahme zurück. "Es wird davon ausgegangen, dass der Anteil der Abhängigen in den deutschen Gefängnissen etwa zehnfach so hoch ist wie außerhalb der Gefängnismauern", so der Sprecher in Stuttgart.

Hinter Gittern "wird viel mit Erpressung gearbeitet", sagt die Therapeutin. "Es heißt: Entweder deine Frau bringt was mit, oder dir passiert etwas." In jedem Gefängnis gebe es Hierarchien. "Wer draußen das Sagen hatte, der hat es auch drinnen. Da gibt es kein Unrechtsbewusstsein", meint Heck.

Das Drogenproblem beschränkt sich für Inhaftierte nicht nur auf die Zeit in der Haft. Kommen sie raus, sollen sie in die Gesellschaft eingegliedert werden. Ein ohnehin schwieriges Unterfangen. "Integration in die Gesellschaft, ohne dass jemand clean ist, funktioniert nicht", sagt die Therapeutin. Wer Drogen im Gefängnis konsumiert, hört draußen nicht einfach damit auf.

Grenzen der Kontrollen

In den Justizvollzugsanstalten des Landes sind im Jahr 2017 insgesamt 734 Gramm der gängigsten Betäubungsmittel wie Haschisch, Marihuana und Subutex sichergestellt worden. Das Einbringen von Gegenständen und verbotenen Substanzen lasse sich nicht vollständig verhindern, sagt der Ministeriumssprecher. Es gilt das Gebot "eines verfassungskonformen und menschenwürdigen Vollzugs". Verdachtsunabhängigen und mit einer körperlichen Untersuchung verbundenen Kontrollen sind Grenzen gesetzt. "Der Kampf gegen Drogen im Justizvollzug stellt sich als eine schwierige Daueraufgabe dar."

 

Strafprozesse in der Vergangenheit

Im Jahr 2016 fiel das Urteil in einem der längsten und teuersten Prozesse in der Geschichte des Landgerichts Heilbronn. Zuvor ging es zweieinhalb Jahre lang in dem Verfahren gegen elf Männer aus der ehemaligen Sowjetunion um den Handel mit Subutex hinter den Mauern des Heilbronner Gefängnisses. Wegen Platzmangels am Landgericht und aus Sicherheitsgründen wurde der Prozess nach Stammheim verlegt.

Im Jahr 2014 verurteilte das Landgericht drei Dealer, weil sie in einem straff organisierten System Drogen ins Gefängnis schmuggelten und zu überhöhten Preisen verkauften. An den Taten beteiligt waren Familienangehörige. Neue Häftlinge brachten Drogen in ihrem Körper in den Knast. Ein inhaftierter Dialyse-Patient wurde ein Mal die Woche von Justiz-Personal in eine Praxis gefahren, er schaffte verplombte Drogen in seinem Körper hinter Gitter.

Im Jahr 2013 platzte ein Prozess gegen Dealer, weil einer der Angeklagten im Justiztransporter auf der A81 im Stau stand. Der Prozess gegen vier Männer wurde neu angesetzt.

Im Jahr 2000 verurteilten die Richter eine Mutter, die ihrem Sohn 18 Tabletten zusteckte.

 


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