Die Schule als handyfreie Zone?

Region  Seit 1954 wird der Weltkindertag gefeiert, seither hat sich die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen stark verändert. Fast jeder hat beispielsweise ein Smartphone im Ranzen - darauf müssen Schulen reagieren.

Von Tanja Ochs

Handyzone auf dem Schulhof

Die Zehntklässler Hichem Aloui, Jennifer Werle, Hasret Kocabey und Beyzanur Süer (von links) auf dem Schulhof der Albrecht-Dürer-Schule in Heilbronn. Hier ist das Handy in den großen Pausen erlaubt, allerdings nur lautlos. Musikhören geht nur mit Kopfhörern.

Foto: Tanja Ochs

 

In mehr als 145 Staaten wird heute Weltkindertag gefeiert. Auf der ganzen Welt gibt es am 20. September Aktionen, um die Rechte der Kinder zu stärken und Freundschaften zu fördern. 1954 haben die Vereinten Nationen empfohlen, den "Universal Children's Day" einzuführen. Damit begann eine Erfolgsgeschichte, die den Nachwuchs in den Mittelpunkt stellt. Die Lebenswelt der Mädchen und Jungen hat sich allerdings seither stark verändert.

Soziale Medien und digitale Kommunikation gehören längst selbstverständlich zum Alltag. "Ein Leben ohne mein Handy kann ich mir nicht vorstellen", sagt die 16-jährige Jennifer Werle. Ohne das Gerät hätte man nichts mehr, meint die Schülerin der Heilbronner Albrecht-Dürer-Schule. Dort sind die mobilen Telefone in den Pausen erlaubt. Zum Glück, findet Hasret Kocabey.

Die Zehntklässlerin will für ihre Eltern erreichbar sein und bei Bedarf Nachrichten checken: "Man weiß nie, was passiert." Im Unterricht jedoch sind die Geräte aus: "Lernen und Handy gleichzeitig, das schließt sich aus", sagt Schulleiterin Julia Meister. Die Zehntklässler finden die Regel gut: "Sonst wird man abgelenkt", sagt Hasret Kocabey. Für den Unterricht gibt es einen PC-Raum, erklärt Beyzanur Süer: "Das reicht."

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Leistungsfähige Computer im Ranzen

95 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen haben heute ein Smartphone. "Die Schüler haben leistungsfähigere Computer im Ranzen, als die Männer bei der Mondlandung zur Verfügung hatten", sagt Harald Schröder, Rektor der Heilbronner Elly-Heuss-Knapp-Gemeinschaftsschule. Damit eröffnet sich ein Zugang zu Informationen, von dem frühere Generationen nur träumen konnten. Dieses Potenzial könne man sinnvoll nutzen, sagt der Schulleiter, zum Beispiel zu Recherchezwecken.

Aber man müsse auch auf Gefahren hinweisen. Cybermobbing oder Beleidigungen in sozialen Medien gebe es durchaus. Prävention und Medienerziehung sind deshalb an allen Schulen ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Der Basiskurs Mediennutzung ist neu im Bildungsplan, der Informatikunterricht wurde erweitert. "Kinder brauchen Erziehung, Erfahrung und ständige Weiterbildung", sagt Jürgen Kovács, Schulleiter am Justinus-Kerner-Gymnasium in Weinsberg. Dort wird derzeit eine neue Schulordnung erarbeitet, die zu einem "weisen Umgang mit den Geräten" führen soll. "Wir suchen einen guten Mittelweg", erklärt der Direktor.

Bislang seien Geräte draußen erlaubt, was dazu führt, dass Schüler "mit dem Handy an der Tischtennisplatte stehen, statt drumherumzulaufen", sagt Kovács. Deshalb erarbeitet eine Arbeitsgruppe an der Weltethosschule neuen Regeln, um die Balance zwischen den Bedürfnissen der Schüler und einer sinnvollen Handynutzung zu finden.

Kompromiss an der Heinrich-von-Kleist-Realschule

Der Heilbronner Heinrich-von-Kleist-Realschule (HvK) ist das bereits gelungen. Dort wurde eine Handyzone eingerichtet. Vor der Schule zwischen Gehweg und Schulhof können die Kinder vor und nach dem Unterricht ihre Geräte einschalten. "Das ist Teil des Lebens", weiß Rektorin Melanie Haußmann. Deswegen habe man einen Kompromiss gefunden: Die Zone ist gut einsehbar, trotzdem von Spielgeräten entfernt und werde immer nur kurz genutzt. Gleichzeitig setzt die HvK als "bewegte Schule" auf Spiel- und Sportangebote für die Pausen. "Die sind besser besucht als die Handyzone", sagt die Rektorin.

Seitdem es den erlaubten Bereich gibt, gebe es viel weniger Ärger mit dem Thema, so Haußmann. Denn Verbote müssen kontrolliert werden. Das sei nie hundertprozentig möglich, weiß Felix Gaida, Konrektor an der Otto-Klenert-Schule in Bad Friedrichshall. Trotzdem setzt die Werkreal- und Realschule auf ein Verbot, das mit Eltern und der SMV abgestimmt ist. Allerdings arbeite man an einem WLAN-Netz, um Smartphones im Unterricht sinnvoll zu nutzen, Mediennutzung sei eine Realität: "Der muss sich die Schule stellen", sagt Felix Gaida.

Wer erwischt wird, gibt das Handy ab

Auch auf dem Gelände der Elly-Heuss-Knapp-Gemeinschaftsschule sind Handys nicht erlaubt. Wer damit erwischt wird, muss das Gerät abgeben. Die Erziehungsberechtigten können es dann später im Sekretariat abholen. Das passiere etwa einmal pro Woche, erzählt Schulleiter Harald Schröder. Das generelle Verbot sei trotzdem nötig, damit aus der Schule keine Bilder unerlaubt ins Netz gelangen, findet Schröder.

Für eine liberale Lösung haben sich das Eppinger Hartmanni-Gymnasium und die Heilbronner Dammrealschule entschieden. In den Pausen sind Handys erlaubt, das werde vor allem in den unteren Klassen stark genutzt, sagt Sven Hertner, Schulleiter der Dammrealschule. Ähnliche Probleme gibt es in Eppingen, auch dort diskutieren Eltern, Lehrer und Schülervertreter derzeit neue Regeln.

Denn das Handy ist für manchen nicht lebenswichtig. "Ich könnte auch ohne auskommen", ist sich Hichem Aloui sicher. Der 16-Jährige hat erst seit einem Jahr ein eigenes Gerät. Unbedingt nötig sei das eigentlich nicht. Wer kein Handy habe, sei noch lange kein Außenseiter, sagt auch Jennifer Werle.