"Die Partei" gründet den dritten Ortsverband in der Region

Brackenheim  Die Satirepartei wählt den 16-Jährigen Moritz Schmidt einstimmig zum Vorsitzenden des neuen Brackenheimer Ortsverbands. Auch EU-Parlamentarier Martin Sonneborn äußert sich.

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Die PARTEI gründet dritten Ortsverband

Unisono in Uniform: Kreisverbands-Chef Wertli (mitte) gratuliert dem ersten Vorsitzenden Schmidt (3. v. r.) und Vize Feder (3. v. l.) zur Gründung des Ortsverbandes Brackenheim. Mit von der Partie ist der Rappenauer OV-Chef Wachno (rechts).

Foto: Privat

Einstmals unverrückbare politische Konventionen stehen mittlerweile Kopf. Im Weißen Haus sitzt ein Star des Reality TV. Eine 16-jährige Schwedin dominiert die weltpolitischen Schlagzeilen und ein Satiriker gilt als einer der bekanntesten EU-Parlamentarier Deutschlands.

Die Rede ist von Martin Sonneborn. Der Ex-Chefredakteur des Satiremagazins Titanic hob die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (kurz: PARTEI) 2004 aus der Taufe. Der Brackenheimer Moritz Schmidt war damals noch ein Säugling. Am Montag wurde der mittlerweile 16-Jährige in der Bar L'Osteria einhellig zum ersten Vorsitzenden des frisch gegründeten Ortsverbandes Brackenheim gewählt. Bisher zählt er nur zwei Mitstreiter. Lars Feder (16) und Hannes Randecker (17) besetzen die Posten des stellvertretenden Vorsitzenden und Schatzmeisters.

Zwischen Olympia-Bewerbung und ÖPNV-Förderung

Die drei Schüler der Heilbronner Wilhelm-Maybach-Schule geben an, sich während der Proteste gegen den Artikel 13 politisiert zu haben. Zehntausende Jugendliche waren im Frühjahr gegen die Einführung der EU-Richtlinien um den umstrittenen Upload-Filter auf die Straße gegangen. "Unsere zentralen Ziele sind Olympia 2032 und die kommende Bürgermeisterwahl", erklärt Schmidt. Hier schimmert die Handschrift Sonneborns durch.

Auch er verbindet ironischen Größenwahn mit relativ bodenständigen Absichten. Schmidt moniert die "schlechte Verkehrsanbindung von Brackenheim" und fordert eine Stärkung des ÖPNV. Die "chronische Unterelektrifizierung" der städtischen Schulen sei ein hausgemachtes Problem, "es wurde zuviel in den Ausbau des Gymnasiums gesteckt, jetzt fehlen Lehrmittel". Außerdem sollen soziale Projekte die "tote Innenstadt" beleben. OV-Vize Feder plädiert für das "Entflammen eines Brackenheim-Feelings".

Humoristische Seitenhiebe

Nebenbei soll der Spaß an der Politik nicht verloren gehen. Mit Forderungen wie "Neipperg in einen Staudamm mit Wasserkraftanlage und Bademöglichkeit verwandeln", will das Triumvirat Jugendliche zur politischen Teilnahme ermutigen. Unterstützt wurde die Gründungsveranstaltung von der Vertretern aus der Region. Neben dem Rappenauer OV-Chef Thomas Wachno bekundet Joel Wertli, Vorsitzender des Kreisverbandes Heilbronn, seine Glückwünsche. Nach den bestehenden Sektionen Bad Rappenau und Lauffen sollen weitere Abteilungen in Eppingen und Neckarsulm folgen. "Wir brauchen Menschen, die unsere Propaganda auch in kleineren Orten verbreiten", sagt Wertli.

Hauptziele des Kreisverbandes seien die Umbenennung von Heilbronn in Dieter-Schwarz-Stadt ("die Ehre steht im zu!") sowie die Sprengung des Heilbronner Wollhauses. Gegen den Vorwurf eine reine Spaßpartei zu sein, verwehrt er sich, "wo doch der Gründer der Spaßpartei FDP aus Brackenheim stammt." Gemeint ist Theodor Heuss, Deutschlands erster Bundespräsident.

Besorgnis über türkische Militäroffensive

Wertli scheut ernste Themen nicht. Mit Blick auf die türkische Militäroffensive im syrischen Kurdengebiet warnt er davor, "durch den Bündnisfall in einen Angriffskrieg gezogen zu werden. Insofern nutzen wir die Parteienfinanzierung, um Spenden für die Kurden zu akquirieren." Auch Partei-Chef Sonneborn ließ seine Glückwünsche aus Brüssel übermitteln. Er wolle vom Weinbau langfristig zum Hopfen wechseln, "weil 'die Partei' eher am Bier interessiert ist." Außerdem wolle er den Industriestandort Brackenheim zur Rüstungshochburg umwandeln, weil "der Irre vom Bosporus (Recep Erdogan, Anmerkung d. Redaktion) wieder Menschen überfällt".

Obwohl erst drei Mitglieder gelistet sind, kann sich der Ortsverband einem baldigen Zuwachs sicher sein. Vier weitere Teenager nahmen bereits an der Sitzung teil und warten laut eigener Aussage nur noch auf die Zusendung des Mitgliedsausweises.


Komiker, die in die Politik drängen 

Zwar existiert "die Partei" bereits seit fünfzehn Jahren, dennoch gelang ihr erst bei Europawahl 2014 der Schritt ins Scheinwerferlicht. Bei der Wahl 2018 gesellte sich Kabarettist Nico Semsrott zu Sonneborn in Brüssel. Dass wesentlich gewichtigere politische Ämter durch Satiriker und Komiker errungen werden können, beweisen diese fünf Grenzgänger. Im Guten, wie im Schlechten.

Beppe Grillo

Italian Parties final campaign events ahead of elections
Beppe Grillo beim Wahlkampf seiner Fünf-Sterne-Bewegung. Foto: dpa

Der Kabarettist aus Genua gilt als Strippenzieher hinter MoVimento 5 Stelle (zu Deutsch: Fünf-Sterne-Bewegung). Die von ihm gegründete Partei schaffte es bei der italienischen Parlamentswahl 2018 zu einem überraschenden Wahlsieg. Grillo brachte es mit derben Beleidigungen zu zweifelhaftem Ruhm und gilt bei seinen Gegnern als Brunnenvergifter. 

Marjan Šarec

Bundespräsident Steinmeier in Slowenien
Marjan Šarec mit Frank-Walter Steinmeier. Foto: dpa

Seit einem Jahr ist der ehemalige TV-Satiriker slowenischer Premierminister. Bevor er die Regierungsgeschäfte übernahm, machte er sich als Imitator bedeutender politischer Akteure einen Namen. Er persiflierte etwa zwei seiner Amtsvorgänger, schreckte aber auch vor Fidel Castro und Osama bin Laden er nicht zurück. Er gilt als sozialliberal und weltoffen.

 

Wolodymyr Selenskyj

Ukrainischer Präsident Selenskyjj in Berlin
Wolodymyr Selenskyi mit Angela Merkel. Foto: dpa

Als der Ukrainer im April seinen ungeliebten Vorgänger Poroshenko in der Stichwahl schlug, brauchte er keine lange Einarbeitungszeit. Schließlich räumte der 41-Jährige als Staatspräsident bereits mehrere Jahre in einer Comedy-Serie die korrupte Kiewer Polit-Szene auf. Aktuell könnte er sich im Zuge des amerikanischen Amtsenthebungsverfahrens als Donald Trumps Stolperstein erweisen.

Jimmy Morales

73. Sitzung der UN-Vollversammlung
Jimmy Morales bei der UN. Foto: dpa

Mit dem Slogan „Weder korrupt noch ein Dieb“ gelang dem ehemaligen Komiker 2016 ein Erdrutschsieg bei den Wahlen in Guatemala. Dem Wahlversprechen konnte er allerdings nicht gerecht werden. Im Zuge von Korruptionsermittlungen wurden bereits ein Sohn sowie sein älterer Bruder verhaftet. Morales sieht sich mit heftigen Protesten konfrontiert.

Jón Gnarr

The mayor of Reykjavik Jon Gnarr
Jón Gnarr bezeichnet sich als Anarchist. Foto: dpa

Der Wahlspruch „Wir können mehr versprechen als alle anderen Parteien, weil wir jedes Wahlversprechen brechen werden“ katapultierte den isländischen Komiker 2010 ins Rathaus von Reykjavik. Seine Wahl gilt als Antwort des isländischen Volkes auf die Finanzkrise von 2008, bei dem der gesamte nationale Bankensektor kollabierte.


Kohler

Sebastian Kohler

Volontär

Sebastian Kohler arbeitet seit Oktober 2019 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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