Die Neubau-Pläne fürs Wollhaus sind geplatzt

Heilbronn  Die große Lösung am Wollhaus liegt auf Eis. Strabag Real Estate und Projektentwickler ECE haben der Stadt eine Absage erteilt. Sie wollen die Neubau-Pläne vorerst nicht weiterentwickeln. Mit den Eigentümern der Flächen in dem Einkaufszentrum war offenbar keine Einigung möglich.

Von Bärbel Kistner
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Immobilien- und Projektentwickler Strabag und ECE sehen derzeit keine Möglichkeit, am Wollhaus ein neues Einkaufscenter zu realisieren.

Foto: Andreas Veigel

"Wir sehen zum heutigen Zeitpunkt keine Möglichkeit, das Projekt wirtschaftlich tragfähig zu realisieren", erklärt Uwe Jaggy, Strabag-Direktionsleiter in Stuttgart, auf Stimme-Anfrage.

Nachdem der Kaufhof 2013 die Schließung seiner Filiale im Wollhaus angekündigt hatte, gab es erste Pläne seitens der Strabag, Center und Turm abzureißen. Ein neues Shoppingcenter mit 22.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche sollte entstehen. Die Baukosten lagen in dreistelliger Millionenhöhe. In einer späteren Planung wurde das einzelhandelsorientierte Konzept um weitere Nutzungen wie Wohnen, Hotel oder Büros ergänzt.

Bis zuletzt herrschte bei der Stadtverwaltung Optimismus, dass sich Strabag und die diversen Eigentümer einig werden. Seit Jahren hatte die Baukonzern-Tochter um den Erwerb der Immobilie gerungen. Die städtischen Flächen im Turm und der Ladenpassage hatte Strabag 2017 gekauft. Für die weiteren Flächen im Turm, die Privatleuten gehören, hatte Strabag eine Kaufoption. Doch den Großteil der Fläche konnte Strabag offenbar nicht in ihren Besitz bringen. Rund 85 Prozent gehören einem dänischen Immobilienfonds und der Frankfurter Gruppe Lisker, Lisker & Weiß - und diese Flächen stehen unter Zwangsverwaltung.

Mieternachfrage gesunken

"Leider kam es zu unerwartet starken Planungsverzögerungen, die sich aus der schwierigen Miteigentumssituation des Wollhaus-Grundstücks ergaben", erläutert Strabag-Vertreter Jaggy. Mit dem langen Planungsvorlauf hätten sich die Rahmenbedingungen für das Projekt einschneidend verändert.

Die Nachfrage bei potentiellen Mietern habe ergeben, dass das Interesse nach einem neuen Standort in Heilbronn derzeit nicht ausreiche, um ein weiteres großes Einzelhandelsprojekt neben der Stadtgalerie weiterzuverfolgen. Zudem seien Baukosten in den vergangenen Jahren um bis zu 30 Prozent gestiegen.

Schockierte Einzelhändler

So hätte das neue Wollhauszentrum aussehen können. Illustration: ECE

Im Heilbronner Einzelhandel wurde die Nachricht mit Entsetzen aufgenommen. "Wir sind überrascht und schockiert", sagt der Stadtinitiative-Vorsitzende Thomas Gauß. "Wir hatten auf eine zeitnahe Lösung gehofft, das wirft uns im Handel um Jahre zurück." Man müsse jetzt schnellstmöglich zu einer anderen Lösung kommen.

"Ein weiterer Stillstand auf Jahre wäre eine Katastrophe für den Handel und das Allerschlimmste, was uns an dem Standort passieren kann", ergänzt die benachbarte Einzelhändlerin Eva Schnepf. Eine Lösung am Wollhaus sei existenziell für die Einkaufsstadt Heilbronn.

OB sieht Weg frei für andere Lösung

Oberbürgerbürgermeister Harry Mergel kann sich vorstellen, dass durch die Absage von Strabag Bewegung ins Wollhaus kommt. Bislang hätten sich die Parteien gegenseitig blockiert. "Möglicherweise ist der Weg jetzt frei für eine Lösung", so Mergel. Eine komplette Neuordnung des Wollhausareals - sprich Abriss der bestehenden Gebäude - habe weiterhin erste Priorität. "Aber wir sind auch für andere Lösungen aufgeschlossen, sofern diese uns städtebaulich und von den Nutzungen her zusagen", erklärt der OB. Ein Erwerb der Flächen durch die Stadt komme dabei nicht in Frage. Es sei zuallererst Sache des Marktes, eine Lösung zu finden.

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Leerstand

Das 1975 eröffnete Wollhaus hat seit Jahren als Einzelhandelsstandort an Bedeutung verloren. Die Ladenpassage, früher mit 30 Geschäften bestückt, hat seit Langem Probleme mit dem Besatz. Immer mehr Fachhändler und Filialisten haben zugemacht. Anfang 2016 hat Galeria Kaufhof den Standort geschlossen. Abgesehen von einer kurzen Übergangsnutzung durch den Media Markt herrscht Leerstand.

Neben den Abriss-Plänen von Strabag und ECE hat auch Projektentwickler JLL (vormals Acrest) 2015 im Auftrag der Haupteigentümer ein Sanierungskonzept mit dem Erhalt des Gebäudes präsentiert. Davon war danach nichts mehr zu hören.

 

 

Kommentar: Neue Zeiten

Von Bärbel Kistner

Neue Zeiten

Dass sich Strabag und ECE von ihren Einkaufscenterplänen am Heilbronner Wollhaus verabschieden, ist nur auf den ersten Blick eine Überraschung. Denn der stationäre Einzelhandel tritt bei Expansionsplänen allerorten auf die Bremse mit Blick auf die weiter wachsende Onlinegeschäft.

Seit den ersten Plänen für ein neues Wollhaus hat sich die Welt im Handel mächtig gedreht. Die Nachfrage nach Flächen ist in nur wenigen Jahren rapide gesunken. Stattdessen schließen mancherorts Filialen, weil sie nicht mehr rentabel sind. Mit der Stadtgalerie hat die ECE ja bereits einen Standort in Heilbronn. Und das Center hatte zuletzt Mühe, Leerstände zu belegen. Auch deshalb will sich der Centerbetreiber vermutlich keine Konkurrenz aus dem eigenen Haus direkt vor die Nase setzen.

Einen Handelsschwerpunkt hatte auch der zweite Projektentwickler, der das Gebäude sanieren wollte statt abzureißen. Doch von ihm ist seit Jahren nichts mehr zu hören.

Die Heilbronner Händler wünschen sich nach wie vor einen Handelsmagneten am Wollhaus. Doch derzeit ist es wenig wahrscheinlich, dass klassischer Einzelhandel dort künftig noch dominiert. Das Wichtigste ist, den Standort wieder zum Leben zu erwecken. Denkbar sind ganz neue Nutzungen. Vielleicht eine Außenstelle vom Bildungscampus? Wenn einem Investor von außen keine Lösung gelungen ist, schafft es vielleicht ein regionaler.

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baerbel.kistner@stimme.de

 


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