Die Nacht, in der die Synagogen brannten

Heilbronn  Vor 80 Jahren, am 9. November 1938, riefen die Nazis zum "spontanen Volkszorn" gegen Juden auf. Überall in Deutschland brannten Synagogen. In Heilbronn aber erst am 10. November. Warum?

Von Kilian Krauth

Die Nacht, in der die Synagogen brannten

Eines von zwei bekannten Fotos vom Brand der Heilbronner Synagoge nahm Fritz Walderich auf. Vorne die Post, hinten die Villa, in der Martin Kahleyss "die Hölle erlebte". Fotos: Archiv/Fritz Walderich/privat, Stadtarchiv Heilbronn, Andreas Veigel (2)

Am 9. November 1938 stehen überall in Deutschland Synagogen in Flammen, jüdische Geschäfte werden geplündert, ihre Besitzer misshandelt. Auf dem Gedenkstein an der Heilbronner Allee 4 ist indes der Tag danach vermerkt, der 10.: Weil der Aufruf von NS-Propagandaminister Goebbels zum "spontanen Volkszorn" zu spät eingeht, brennt das Gotteshaus erst am Morgen des 10. November.

Zum eigentlichen Pogrom kommt es deshalb erst in den Abendstunden des 10. November, im Schutz der Dunkelheit.

Vieles ist bis heute im Unklaren

Bis heute liegt über diesen finsteren Stunden ein Schleier. Kernproblem: Zu lange wird nach dem Krieg vieles verdrängt, verlässliche Quellen gibt es kaum. Die wenigen Papiere - das propagandistische "Tagblatt", ein geschmackloses Gedicht eines Feuerwehrmannes und Prozessakten - lassen vieles im Unklaren: Um welche Uhrzeit wurde der Brand gelegt? Wie heißen die Brandstifter? Weiß die Feuerwehr Bescheid, tut sie zu wenig? Wo sind die Kultgegenstände geblieben?

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Stimme hat Einblick in neue Quellen

Seit wenigen Tagen liegen der Stimme zwei Quellen vor, die selbst für Historiker neu sind: Die Erinnerungen des damals sechsjährigen Nachbarn Dr. Martin Kahleyss; sie decken sich nicht exakt mit dem Stand der Forschung und zeigen ein Grundsatzproblem: Zeitzeugenberichte sind zwar faszinierend, aber oft durch spätere Infos überlagert.

Auf diesem Hintergrund gewährt der Direktor des Stadtarchivs, Professor Christhard Schrenk, der Stimme Einblicke ins Tagebuch des 1933 entmachteten Oberbürgermeisters Emil Beutinger. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes lag es lange unter Verschluss. Erstmals untermauert damit eine unabhängige zeitgenössische Quelle Schrenks aus vielen Details mühsam erstellte und bereits 1992 veröffentlichte Chronologie zum 9./10. November 1938.

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Die Chronologie des Schreckens

Martin Kahleyss´ Vater, Dr. Wilhelm Kahleyss, hört gegen 1 Uhr verdächtige Geräusche, "wie das Klappern von Benzinkanistern". Der Frauenarzt erkennt einen "Lichtschein" und ruft die Feuerwehr. Die winkt zunächst ab und beschränkt sich später auf die Sicherung der Nachbarhäuser. Gegen 4 Uhr sind zwei Explosionen zu hören. Gegen 6 Uhr ist das Feuer von der Allee aus zu sehen. Um 8.42 Uhr ist die Kuppel zerstört. So zeigt es ein Foto mit der Uhr des benachbarten Postamtes, heimlich aufgenommen von Fritz Walderich aus Stetten auf dem Weg zur Schule.

Die Nazi-Jahre gerade heutzutage nicht abhaken

Weitere Quellen zur Pogromnacht aus dem Jahr 1938 dürften laut Schrenk leider kaum noch auftauchen. "Nachdem wir untersucht haben, was damals geschah, wollen wir nun die Mechanismen, die Strukturen und das System analysieren - und daraus für die Gegenwart lernen." Solche Erkenntnisse erhoffe man sich nicht zuletzt durch eine von der Stadt initiierte Dissertation über den "Nationalsozialismus in Heilbronn", an der Daniela Johannes von der Uni Heidelberg arbeitet.

Eine der Kernfragen: Wie konnte es sein, dass sich eine von Sozialdemokraten und Liberalen geprägte Stadt in kurzer Zeit ins Gegenteil verkehrt? Gerade in Zeiten, da ein AfD-Politiker wie Gauland die NS-Zeit als "Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" abtue und der braune Mob in manchen Städten wieder durch die Straßen ziehe, dürfe man die NS-Zeit "nicht einfach abhaken", so Schrenk.

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Video: Spaziergang um die Heilbronner Synagoge

Wie klein muss sich gefühlt haben, wer vor der 30 Meter hohen Synagoge mit ihren mächtigen Kuppeln stand. Am frühen Morgen des 10. November 1938 wurde das imposante Gebäude an der Heilbronner Allee ein Raub der Flammen. Nationalsozialisten hatten das Feuer gelegt, Schaulustige und Anwohner verfolgten das Geschehen. Noch bis März 1940 mahnten unübersehbar die verkohlten Reste an die böse Tat.

Der Mosbacher 3D-Grafiker Bernd Pfoh hat das seinerzeit weithin berühmte, orientalisch anmutende jüdische Gotteshaus nach den Plänen des Architekten Adolf Wolff rekonstruiert. Im Stimme.tv-Video unternehmen wir einen virtuellen Spaziergang rund um die Synagoge von 1877.

 

 

Jüdische Spuren in der Region

Traditionen, Feste, Brauchtum - in der Region sind vielfältige Spuren jüdischen Lebens zu entdecken. Ein großer Teil dieses Überblickwerks befasst sich mit der Erinnerungskultur. Diese Geschichte wird mit vielen Bildern erzählt. Klicken Sie unten auf "Pageflow starten", um mehr zum Thema zu erfahren.