Die Entwicklung ist kein Wettlauf

Interview  Bei Vorträgen in Neckarsulm gibt Kinderphysiotherapeutin und Autorin Birgit Kienzle-Müller Eltern Tipps zur richtigen Förderung. Wichtig sei, dass man manche Dinge einfach lässt, sagt die Expertin.

Von Tanja Ochs
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Krabbeln ist ein wichtiger Meilenstein, der auch dafür sorgt, dass sich im Gehirn Vernetzungen bilden.

Foto: stockadobe.com/Oksana Kuzmina

Wie Eltern Babys in ihrer motorischen Entwicklung unterstützen, erklärt Physiotherapeutin Birgit Kienzle-Müller bei Vorträgen in der Volkshochschule in Neckarsulm. Die 58-Jährige sagt im Interview, Bewegung mache Kinder schlau, betont aber: "Es kommt nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität an."

 

Sind manche Kinder motorisch begabter als andere?

Birgit Kienzle-Müller: Natürlich. Aber es kommt nicht darauf an, wer am schnellsten läuft, das ist kein Wettlauf. Nicht Quantität ist wichtig, sondern Qualität. Nur weil es schnell geht, muss es noch lange nicht richtig sein.

 

Wie erkennen Eltern, ob eine Bewegung richtig ist?

Kienzle-Müller: Eigentlich gar nicht, dafür muss ich die Meilensteine kennen. Ich orientiere mich an den Richtlinien von Professor Vojta, der Kinder genau beobachtet hat. Andererseits sind Eltern heute belesener als früher und beschäftigen sich mit dem Thema. Wichtig sind die U-Untersuchungen und Babykurse wie Pekip, Lefino oder Babyschwimmen. Die Kursleiterinnen sind sehr gut ausgebildet und bremsen die Eltern im Vergleich.

 

Was können Eltern tun, um die Entwicklung zu fördern?

Kienzle-Müller: Eltern müssen ihr Kind in dem Entwicklungsstadium abholen, in dem es gerade ist. Man kann Kinder spielerisch unterstützen, ihre Neugierde fördern. Aber die motorische Entwicklung kommt von allein. Wichtig ist nur, dass man manche Sachen nicht tut.

 

Welche zum Beispiel?

Kienzle-Müller: Kinder sollte man nicht in Hopsen oder Gehfrei setzen, auch nicht Sitzen und Stehen üben. Dadurch kann es zu Fehlhaltungen kommen. Das Gehirn lernt keine Verknüpfungen, das macht sich noch in der Schule bemerkbar. Das erste Lebensjahr hat Auswirkungen auf die spätere Entwicklung.

 

Was können Eltern tun?

Kienzle-Müller: Sie sollten offen sein für praktische Tipps und professionelle Ratschläge annehmen. Man muss nicht ängstlich an die Sache rangehen, aber wer sein Kind beobachtet und unsicher ist, sollte beim Kinderarzt nachfragen.

 

In Ihrer Praxis behandeln Sie hauptsächlich Säuglinge und Kleinkinder. Sehen Sie mehr motorische Defizite als früher?

Kienzle-Müller: In unserer Praxis sehen wir definitiv mehr Senkfüße bei Kindern, weil sie heute weniger laufen als früher. Aber es gibt weniger Wirbelsäulenverkrümmungen, weil Eltern mehr darauf achten.

 

An wen richten sich Ihre Vorträge bei der Volkshochschule?

Kienzle-Müller: Der erste "Babys in Bewegung" soll junge Eltern im ersten Lebensjahr ansprechen, die wissen wollen, worauf sie achten müssen. Wenn beispielsweise eine Asymmetrie entsteht, kann man im ersten Jahr noch etwas verändern und Blockaden lösen. Der zweite Vortrag richtet sich auch an Eltern von Kindergartenkindern, die ihr Kind fördern wollen.

 

Termine

Die Physiotherapeutin Birgit Kienzle-Müller aus Bad Friedrichshall bietet zwei Vorträge für Eltern in der Volkshochschule in Neckarsulm an.

Am Mittwoch, 5. Juni, spricht sie von 18.30 bis 19.30 Uhr im Forum über "Babys in Bewegung" und gibt Tipps für eine spielerische Förderung der Motorik. Am Mittwoch, 10. Juli, heißt das Thema "Bewegung macht schlau". Auch dabei erfahren Eltern, wie sie ihr Kind unterstützen können.

Gebühr jeweils acht Euro, Anmeldung erforderlich.

 

 


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