Die DNA des Heilbronners entschlüsselt

Heilbronn  Die Chefin der Filmgesellschaft Degeto, Christine Strobl, glänzt mit einer ungewöhnlichen Hasenmahlrede im Heilbronner Ratskeller. Die 48-Jährige erklärt auf ihre ganz persönliche Art, wie der Heilbronner tickt.

Von Helmut Buchholz

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Als Christine Strobl um 19.30 Uhr am Freitagabend mit ihrer Hasenmahlrede beginnt, zündet sie gleich mal einen Knaller. Oberbürgermeister Harry Mergel, der in seiner Funktion das Privileg hat, den Redner auszuwählen, sei ja ein Frauenversteher und -förderer, setzt die Geschäftsführerin der ARD-Filmgesellschaft Degeto an. Dennoch sei Mergel zuerst zum Mann der 48-Jährigen gegangen, Landesinnenminister Thomas Strobl, um ihn zu fragen, ob die Ehefrau die Verantwortung übernehmen will. Zack, das hat gesessen. 150 geladene Gäste - darunter die Heilbronner Schauspielerin Sibel Kekilli ("Gegen die Wand", "Tatort") - lachen im Ratskeller laut los. Und Harry Mergel guckt etwas bedröppelt aus der Wäsche. So was nennt man wohl einen guten Einstieg für eine Rede.

 

 

Frisch verliebt zieht Christine Strobl vor 25 Jahren nach Heilbronn

Nach der 37 Minuten langen Rede, die generell wie keine andere in Heilbronn mit so vielen Erwartungen überladen ist, findet sich kaum jemand, der etwas Negatives darüber sagen konnte. Was "eine der einflussreichsten Frauen Deutschlands" (O-Ton Mergel) sagt, bezeichnen viele hinterher als grandios, Maßstab setzend, herausragend. Strobl verzichtet auf Effekthascherei, rhetorischen Zierrat, verzwungenen Humor - und das war gut so. Kein einziges Mal spielt sie mit dem Topos Hasen, auch das war gut, denn in der langen Hasenmalredengeschichte sind alle Hasen- und Häschenwitze schon zig mal gemacht worden und klingen deshalb fad. Christine Strobl verzichtet auch auf Spitzen gegen die Kommunalpolitik, ein Glatteis, auf dem so mancher vor ihr ausgerutscht ist. Stattdessen erzählt die "Reingeschmeckte" aus Südbaden, die der Liebe wegen 1993 nach Heilbronn kam, ihre persönliche Geschichte über die Käthchenstadt. Sie findet so einen ganz eigenen Ton für eine Liebeserklärung. Und indem sie all den rhetorischen Tand weglässt, wird in ihrer Hasenmahlrede plötzlich etwas anderes wichtig: der Inhalt. Später heißt es unisono, Christine Strobl hat die DNA der Stadt entschlüsselt.

Wie also tickt der Heilbronner nach Strobls Lesart? Als sie vor 25 Jahren "frisch verliebt" in die Neckarstadt zog, hat sie sich hier von Anfang an wohlgefühlt. Aufgefallen ist ihr jedoch das ständige "Bruddeln". Dass das Beste an Heilbronn die Autobahn und die Stadt hässlich sei... "Heilbronn wurde ständig schlechtgeredet." Stolz und Zufriedenheit "gönnte man sich nur im Verborgenen". Der Film "Freibadclique", der im Zweiten Weltkrieg spielt und für den die Degeto-Chefin 2017 die Redaktion übernahm, hat den Blick verändert. Denn dabei sei ihr erst die Bedeutung des Bombenangriffs am 4. Dezember 1944 klar geworden. "Die Seelen der Menschen wurden schwer verwundet."

Das Bruddeln gehört immer dazu

Der Aufschwung nach dem Krieg sei verbunden gewesen mit der Hoffnung, dass es besser wird. "Das war der Antrieb jedes Einzelnen. Doch es blieb das Bruddeln und eine seltsam geartete Unzufriedenheit mit der eigenen Stadt. Der Ton war moll, die Farbe grau." Dann kam die Buga 2019. Zum ersten Mal hätten sich die Heilbronner selbst beschenkt. "Sie gaben sich zurück, was Generationen vor ihnen erarbeitet haben." Das sei der größte Effekt gewesen, "dass die Heilbronner ihre Stadt lieb haben durften". Da entdeckten die Bürger im Müßiggang und glückseliger Zufriedenheit, wie schön doch ihre Stadt sein kann - "diesmal ganz ohne Bruddeln".

Für Christine Strobl kann die Buga ein Mutmacher sein, und zwar für die Demokratie, "die vor allem von der Gleichgültigkeit bedroht ist". Die Buga sei Vorbild für "gelebte Demokratie". Der Heilbronner hatte sich angewöhnt, bruddelnd abseits zu stehen. Doch die Bundesgartenschau habe gezeigt, was passieren kann, wenn "sich alle im großen Sog einbringen. Vielleicht gelingt es uns, damit auch andere anzustecken."

Das wäre schön.

 


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