Die Antibabypille wird nicht bezahlt, die Abtreibung schon

Region  Wer arm ist, spart an Verhütungsmitteln. Das zeigt eine Studie. Anders als in der Region haben einige Kommunen in Baden-Württemberg bereits Lösungen erarbeitet, um Frauen mit wenig Geld zu unterstützen.

Von Heike Kinkopf
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Foto: Africa Studio/stock.adobe.com

Frauen mit wenig Geld sparen an Verhütungsmitteln. Diese Erfahrung machen Schwangerenberatungsstellen in der Region. Sie unterstützen Forderungen, Verhütungsmittel all jenen kostenlos zur Verfügung zu stellen, die nur ein geringes Einkommen haben. Konkret: Der Staat soll Pille, Spirale und Kondome bezahlen.

"Wenn alle Zugang zu den für sie passenden Verhütungsmitteln haben, ließen sich ungewollte Schwangerschaften auf jeden Fall verhindern", sagt Andrea Specht von der Pro-Familia-Beratungsstelle in Heilbronn. Immer wieder komme bei Beratungsgesprächen die Frage auf, ob es möglich sei, finanzielle Hilfe zu erhalten. Nein, lautet die Antwort. Specht weiß von Frauen, die die Kosten für das Einsetzen einer Spirale bei einer Frauenärztin in kleinen Raten abstottern dürfen. "Aber das gilt eben nicht für alle", betont Specht. Ihnen sollte durch eine bundesweit geregelte Kostenübernahme geholfen werden.

Diakonie: "Wir wünschen uns eine Veränderung"

"Es gibt Fälle, bei denen Frauen, die wenig Geld haben, sich entscheiden, das Geld nicht für Verhütungsmittel auszugeben", bestätigt Astrid Tschürtz von der Beratungsstelle für Schwangere im Heilbronner Landratsamt. Zu Erika Kulmus-Dietrich von der Beratungsstelle der Diakonie in Heilbronn kommen Frauen häufig auch nach der Geburt eines Kindes und fragen nach einer sicheren Verhütung. Das Problem der Frauen: Sie können die Mittel nicht bezahlen.

"Wir wünschen uns eine Veränderung, damit jede Frau sicher verhüten kann und dass das nicht am Geld scheitert", unterstreicht Kulmus-Dietrich. Es sei zu platt, Beziehern von Sozialleistungen vorzuhalten, sie sollten ihre Prioritäten beim Geldausgeben anders setzen, sagt Kulmus-Dietrich. Wer wenig habe, der müsse sein Geld einfach oft für anderes aufbringen als für die Pille, eine Spirale oder auch Kondome. "Das Geld, das zur Verfügung steht, wird für das Wichtigste verwendet", sagt auch Astrid Tschürtz. Es reiche manchmal nicht für die Packung Antibabypille. Erhielten diese Betroffenen die Kosten für Verhütungsmittel erstattet, "könnte der eine oder andere Schwangerschaftsabbruch möglicherweise verhindert werden".

Studie zeigt Zusammenhang zwischen finanzieller Not und Verzicht auf Verhütungsmittel

Was die Beratungsstellen aus der Praxis wissen, belegt unter anderem die Studie "Frauenleben" von 2016 im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Sie zeigt eindeutig, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen finanzieller Not, dem Verzicht auf Pille oder Spirale aus Kostengründen und der Häufigkeit ungewollter Schwangerschaften", fasst Studienleiterin Cornelia Helfferich von der Evangelische Hochschule Freiburg zusammen. Einer US-Studie zufolge sinke die Zahl ungewollter Schwangerschaften nach Übernahme der Verhütungskosten.

Eine Packung Antibabypille kostet im Monat etwa 20 Euro, das Einsetzen einer Spirale zwischen 100 und 300 Euro. Einen Anspruch auf Kostenübernahme haben Frauen mit wenig Geld nicht. Wohl aber im Fall einer Abtreibung. Diese Ausgaben werden etwa bei Hartz-IV-Empfängerinnen übernommen. Bei der Krankenkasse AOK Baden-Württemberg beispielsweise beliefen sich die Ausgaben in den vergangenen beiden Jahren auf jeweils rund zwei Millionen Euro. Ein Abbruch in einem Krankenhaus kostet im Schnitt rund 1000 Euro.

Kondome
Ungewöhliche Beute: In Las Vegas haben zwei Männer rund 30.000 Kondome geklaut. Foto: Oliver Berg

Freier Zugang zu Verhütungsmitteln ist ein Grundrecht

Der freie Zugang zu Verhütungsmitteln ist ein Grundrecht. Das beschloss die UN-Menschenrechtskonferenz vor 40 Jahren. Dieses Recht sei eingeschränkt, sagt Cornelia Helfferich, "wenn Verhütungsmittel nicht bezahlt werden können". Mehrere Länder haben die Bundesregierung Ende 2017 aufgefordert, die Kosten für einkommensschwache Frauen unbürokratisch zu übernehmen. Das Bundesfamilienministerium kennt die Not: "Eine selbstbestimmte Familienplanung setzt den Zugang zu einer selbstbestimmten Verhütung voraus. Studien zeigen, dass Frauen ihr Verhütungsverhalten ändern, wenn das Geld knapp ist", teilt ein Sprecher mit. Das international anerkannte Recht auf Familienplanung schließe das Recht auf Verhütung ein.

Dem trägt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Ausland Rechnung. Es fördert Projekte, die den Zugang zu Methoden der Familienplanung verbessern. "Sie sollen dazu beitragen, dass in unseren Partnerländern jede Schwangerschaft erwünscht und professionell begleitet wird", teilt eine Sprecherin des Ministeriums mit. Diese Projekte sind in den meisten Fällen in umfassendere Programme zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit eingebettet, so die Sprecherin. Zwischen 2011 und 2016 beliefen sich die entsprechenden Mittel des Bundes auf mehr als 2,5 Milliarden Euro. Davon flossen rund 57 Millionen Euro in Projekte, die sich ausschließlich auf Familienplanung konzentrierten.

Landratsamt: Finanzierung sei Aufgabe des Bundes

In Deutschland stehen Frauen mit wenig Geld im Portemonnaie im Regen. Die Finanzierung von Verhütungsmitteln sei Aufgabe des Bundes, teilen die Stadt Heilbronn und das Landratsamt auf Stimme-Anfrage mit. Sofern "im besonderen Einzelfall" der Wunsch nach Finanzierung von Verhütungsmitteln an Mitarbeiter herangetragen werde, bestehe lediglich die Möglichkeit, dies über Spendenmittel abzudecken, sagt Achim Bocher, Leiter des städtischen Amts für Familie, Jugend und Senioren.

Ähnlich handhabt es das Heilbronner Landratsamt. "Die Kostenübernahme ist eine Freiwilligkeitsleistung", so Sprecherin Tamara Waidmann. In Einzelfällen werden die Ausgaben nach eingehender Prüfung übernommen; eine generelle Kostenübernahme für alle Leistungsempfänger im Landkreis gebe es nicht. "Es gibt keinen Mitteltopf", sagt Waidmann. Die Beratungsstellen wüssten um die rechtliche Situation und berieten auch dahingehend. Konkret: Wenn eine Frau mit wenig Geld nach einer Kostenübernahme fragt, geht sie mit leeren Händen nach Hause.

Einige Kommunen übernehmen die Kosten

Anders als in der Region haben dagegen eine ganze Reihe von Kommunen in Baden-Württemberg eigene Lösungen erarbeitet, um Menschen mit geringem Einkommen zu helfen. Von allein 23 kommunalen Regelungen weiß Gudrun Christ, Geschäftsführerin des Pro-Familia-Landesverbands Baden-Württemberg. "Es ist aber ein Flickenteppich", sagt sie.

Die eine Kommune übernehme die Kosten nur für die Antibabypille, die andere bezahle auch die Spirale. Die einen helfen ausschließlich Hartz-IV-Empfängerinnen, die andere Kommune auch Asylbewerberinnen. Die einen richteten einen Fonds ein, die anderen stellten Geld aus einer Stiftung oder aus dem Topf des Sozialamts bereit. "Umso wichtiger ist es, dass es eine bundesweit einheitliche Regelung gibt, sonst haben Betroffene keinen rechtlichen Anspruch", sagt Christ.

Bundesfamilienministerium hat Modellprojekt gestartet

Um eine bundesweite Lösung zu finden, wartet das Bundesfamilienministerium die Ergebnisse des Modellprojekts Biko ab. Biko steht für Beratung, Information und Kostenübernahme bei Verhütung. Am Projekt beteiligen sich sieben Städte, darunter Saarbrücken, Halle und Lübeck. Dort müssen Frauen nachweisen, dass sie nicht viel Geld haben, und sie brauchen ein Rezept von einem Gynäkologen.

"Die Resonanz auf das Angebot in den Modellstädten ist sehr groß", sagt Regine Wlassitschau, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Pro-Familia-Bundesverband, der am Modellprojekt beteiligt ist. Konkrete Ergebnisse erwartet das Bundesfamilienministerium in der zweiten Hälfte 2019. "Erst danach können weitere Schritte in Angriff genommen werden."

Bundestagsdebatte

Die Grünen fordern von der Bundesregierung einen Gesetzentwurf, demnach Menschen mit geringem Einkommen Verhütungsmittel kostenlos erhalten. Das Gesetz soll sicherstellen, dass die Kostenübernahme „möglichst unbürokratisch und niedrigschwellig“ gestaltet ist. In der Sitzung am Donnerstag, 28. Juni, soll der Antrag der Grünen im Bundestag beraten werden, teilt die Pressestelle des Deutschen Bundestags mit. Der Antrag werde anschließend an den Ausschuss für Gesundheit überwiesen. 

 

 

 


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