Der Weg zum Abitur muss offen bleiben

Interview  Journalist Christian Füller plädiert für eine Oberstufe an Gemeinschaftsschulen. Warum das in anderen Bundesländern ein erfolgreicher Weg sei und in Baden-Württemberg an der Politik scheitere, erklärt Füller im Stimme-Interview.

Von Tanja Ochs
Email
Der Weg zum Abitur muss offen bleiben

Spätestens im März müssen sich Eltern von Viertklässlern entscheiden, wohin es geht: Die Mehrzahl meldet den Nachwuchs in der Regel am Gymnasium an.

Foto: dpa

 

Derzeit geben Grundschullehrer den Eltern von Viertklässlern eine Empfehlung für die weitere Schullaufbahn der Kinder. Bis März muss die Entscheidung fallen, welche Schule der Nachwuchs ab September besucht. "Muss mein Kind aufs Gymnasium?" fragt sich Autor Christian Füller im gleichnamigen Buch. Und seine Antwort lautet: "Nein." Aber der Weg zum Abitur sollte dem Nachwuchs trotzdem offen stehen. Im Interview erklärt der 55-Jährige, wie beides zusammengeht und fordert das Slow Abi.

 

Hat das Abitur seinen Wert verloren?

Christian Füller: Das Abitur ist der Goldstandard aller Schulabschlüsse, deswegen wollen es alle haben. Aber wenn viele dasselbe wollen, setzt Inflation ein, also Abwertung.

 

Können Sie verstehen, wenn Eltern Kinder aufs Gymnasium schicken?

Füller: Natürlich. Nur kann man sich inzwischen andere Wege zum Abitur offen halten. Wir erleben eine regelrechte Explosion von Schularten mit Oberstufe in allen Bundesländern - ein Plus von 300 Prozent.

 

Sie behaupten, die Gemeinschaftsschule sei die eigentliche Leistungsschmiede. Trotzdem kämpft sie hierzulande mit einem schlechten Ruf.

Füller: Das ist nur in Baden-Württemberg so, im Rest der Republik ist ihr Ruf ausgezeichnet. In Berlin ist sie die am meisten nachgefragte Schule. Der Trick heißt individuelles Lernen. Ich nenne das Slow Abi. Wenn das gelingt, kann man das Maximale aus jedem Kind herausholen. Das heißt nicht, dass jeder ein Einser-Abitur macht, aber jeder Schüler hat dabei die Möglichkeit, sich zu entwickeln.

 

Gilt das auch für diejenigen, die bislang auf der Hauptschule blieben?

Füller: Den typischen Hauptschüler gibt es quasi nicht. Jeder Schüler sollte seine Talente frei entwickeln können.

 

In Baden-Württemberg führt nur das Gymnasium auf direktem Weg zur Hochschulreife. Kultusministerin Susanne Eisenmann will "nur vereinzelt" Oberstufen an Gemeinschaftsschulen einrichten. Was bedeutet das für diese Schulen?

Der Weg zum Abitur muss offen bleiben
Christian Füller

Füller: Es ist ihr Kernproblem, ein fieser Trick. Genau so ruiniert Eisenmann den Ruf der Gemeinschaftsschulen: Wo kein Abi möglich ist, gehen die Eltern nicht hin. Die öffentliche Diskussion hat prompt dazu geführt, dass an manchen Gemeinschaftsschulen die Nachfrage sinkt. In anderen Bundesländern ist das ganz anders. Dort wählen Eltern diese Schulart, weil sie genug haben von der Press- und Paukschule - und trotzdem das Abi wollen. In Baden-Württemberg bleiben weiter die Gymnasien im Vorteil. Klüger von der Politik wäre es, auch in anderen Schulen eine Oberstufe anzubieten.

 

Also muss mein Kind eigentlich nicht aufs Gymnasium?

Füller: Kinder müssen nicht mehr aufs Gymnasium, um Abitur zu machen. Andere Schulformen haben sich in allen Bundesländern ausgebreitet - aber sie brauchen eine Oberstufe, um Erfolg zu haben. Daraus kann dann eine gute Konkurrenz entstehen, indem die Schulformen mit Abitur voneinander lernen.

 

Brauchen wir das Gymnasium noch?

Füller: Das Gymnasium stirbt nicht aus. Aber es muss sich verändern. Die Vorbereitung auf die Berufswelt ist heute wichtig, die Hochnäsigkeit der Studienräte ist vorbei.

 

Fehlt insgesamt Geld für Bildung?

Füller: In den Schulen fehlt Personal, um Herausforderungen wie Inklusion und Digitalisierung zu meistern und die - glücklicherweise - zugewanderten schulpflichtigen Kinder zu integrieren. Mit Geld allein lässt sich das Problem nicht lösen. Schulentwicklung dauert Jahre.

 

Die Entwicklung geht manchmal rückwärts. In Baden-Württemberg fordern Eltern die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium.

Füller: Die Einführung von G8 war eine Sturzgeburt. Seitdem wird diskutiert. Die Rückkehr zu G9 bedeutet 25 Jahre sinnloser Vor- und Zurückreform, eher eine Deform. Die Aufteilung wie in Berlin ist der beste Weg: G8 am Gymnasium und G9 an Gemeinschaftsschulen - so werden beide Abiturpfade attraktiv.

 

Eltern wollen heute mehr Einfluss nehmen. Was treibt sie an?

Füller: Sie haben den Anspruch, dass erfolgreiches Lernen auch Spaß machen soll. Gleichzeitig sind sie die Treiber des Abiturbooms. Sie wissen eben, in welcher Zeit wir leben. Deswegen sind Kinder am besten auf Schulen aufgehoben, die den Weg zum Abitur offen lassen - auch wenn sie ihn am Ende nicht beschreiten.

 
 

Kommentar hinzufügen