Der Tragweite des Pershing-Unfalls wurden sich die Heilbronner spät bewusst

Heilbronn  Friedensrat und OB Mergel erinnern an den Tag, als vor 35 Jahren das Pershing-Triebwerk auf der Waldheide explodierte. Es brauchte damals eine Monitor-Sendung, dass die Menschen die Gefahr verstanden.

Email
Der Tragweite des Pershing-Unfalls wurden sich die Heilbronner spät bewusst

Mit einem Transparent mahnte der Friedensrat auch 2020 zur Abrüstung im Rahmen der Gedenkfeier zum 35. Jahrestag des Pershing-Unfalls auf der Waldheide.

Foto: Dennis Mugler

Drei Soldaten starben, als am 11. Januar 1985 das Triebwerk einer Pershing-Rakete auf der Heilbronner Waldheide explodierte. 16 Menschen wurden teils schwer verletzt. Beinahe hätte es ausgerechnet zum 35. Jahrestag dieses denkwürdigen Unfalls auf der Heilbronner Waldheide keine Gedenkveranstaltung gegeben.

OB klinkt sich ein

Die Veteranen der US-Streitkräfte wollten sich in diesem Jahr auf die zentrale Gedenkfeier am US-Stützpunkt in Ramstein konzentrieren. Damit strich auch die Stadt Heilbronn den Termin für dieses Jahr aus dem Kalender. Doch nachdem der Friedensrat eine Ersatzveranstaltung an der Gedenkstele angekündigt hatte, klinkte sich OB Harry Mergel wieder ein.

"Ich bin den Friedensfreunden in Heilbronn dafür außerordentlich dankbar", erklärte Mergel in seiner Ansprache vor rund 50 Zuhörern. Kurzfristig hatte er die Veranstaltung auch wieder an den altbekannten Ort beim Gedenkstein für die drei Soldaten verlegt.

Komplexe geschichtliche Hintergründe

Mergel zählte vor allem auf, was er nicht in den Mittelpunkt seiner Rede stellen wolle: die weltpolitische Lage zur damaligen Zeit etwa. Den Fakt, dass Heilbronn in einem Dritten Weltkrieg eines von den drei ersten Zielen gewesen wäre, die zerstört werden sollten. Oder wie sich das Verhältnis zu den Amerikanern seit dem Zweiten Weltkrieg verändert hatte, von einer Besatzungsmacht zum Bündnispartner.

Nein, er wolle sich auf die drei Soldaten konzentrieren, "die Träume hatten, für die der Militärdienst vielleicht die einzige Möglichkeit gewesen war, die finanzielle Grundlage für die Gründung einer Familie zu schaffen". Trotzdem betonte er auch, wie wichtig es ist, in einer Demokratie über Dinge diskutieren zu dürfen, über die man unterschiedlicher Meinung ist.

Friedensaktivisten riskierten Nachteile im Job

Marianne Keller vom Friedensrat erinnerte daran, dass der Einsatz für Frieden und Freiheit in aller Welt bis heute häufig mit dem Leben bezahlt wird. So weit war es bei den Demonstrationen in Heilbronn in den 80er Jahren nicht gekommen. Aber viele Aktivisten hätten damals beruflich durchaus Nachteile in Kauf nehmen müssen, erinnerte Linken-Stadtrat Dr. Erhard Jöst an die damalige Friedensbewegung. Ihr Einsatz habe die Stationierung der Atomraketen dennoch nicht verhindert. "Erst der Unfall hat die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht."

Nicht verstanden, was da oben vor sich geht

Konrad Wanner, ebenfalls für die Linke im Gemeinderat, erinnerte sich an die Tage danach. Am Freitag, 11. Januar, war der Unfall, am Samstag gab es eine kleinere Demonstration in Heilbronn. Die Tragweite des Unfalls hätten die Menschen aber erst verstanden, als Klaus Bednarz im ARD-Politmagazin "Monitor" die Zusammenhänge erläuterte. "Das hat die Heilbronner am 1. Februar 1985 auf die Straße getrieben - von den Linken bis zu den CDU-Anhängern."

Unvorstellbar ist für Jöst allerdings, dass 35 Jahre später wieder ein Rüstungswettlauf gestartet wird, wieder neue Atomwaffen produziert werden.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen