Der Synagogen-Brand mit den Augen des Nachbarjungen

Heilbronn  Dr. Martin Kahleyss erlebt den Synagogenbrand als Nachbar im Alter von sechs Jahren. Auf Anfrage der Heilbronner Stimme schrieb er seine Erinnerungen handschriftlich nieder.

Von Martin Kahleyss

Der Synagogen-Brand mit den Augen des sechsjährigen Nachbarjungen

Dr. Martin Kahleyss (86) erlebt den Synagogenbrand als Nachbar im Alter von sechs Jahren. Heute wohnt er in München-Schwabing. Auf Anfrage der Heilbronner Stimme schrieb er seine Erinnerungen handschriftlich nieder. Hier eine leicht redigierte Fassung:

"Am Abend des 9. November 1938 machten sich mehrere Männer am Eingangsportal der Synagoge zu schaffen. Man sagte, dass einige von ihnen SA-Uniform getragen hätten. Sie brachen das Portal auf, schleppten große Benzinkanister in das Innere und legten Feuer.

Das Foto eines Nachbarn zeigt die lodernde, einstürzende Zentralkuppel der Heilbronner Synagoge am frühen Morgen des 10. November 1938.  

Die Flammen schlugen sehr rasch nach oben und steckten das gesamte Gebäude in Brand. Mein Vater, der auch in Sorge um seine Klinik war, meldete der Polizei, dass in der Synagoge ein Brand ausgebrochen sei.

Ihm wurde beschieden, alles sei unter Kontrolle. Die Feuerwehr, die tatsächlich ausgerückt war, besprühte unsere Hauswand mit Löschwasser. Hinter unserem Anwesen stand ein Fachwerkhaus. Auch es wurde mit Löschwasser besprüht, damit es durch den Funkenflug nicht in Flammen aufgehen würde.

Schaulustige vor der niedergebrannten Synagoge. Aufgenommen am 10. November 1938 gegen 8.40 Uhr von Fritz Walderich an der Kreuzung Allee Titotstraße.  

Am folgenden Morgen hat mich mein Vater geweckt und sagte: "Komm mit, ich muss dir was zeigen." Wir gingen auf den Balkon. Die Kuppel war eingestürzt. Auf ihrem Untersatz züngelten bläuliche Flammen. Ich bekam einen wahnsinnigen Schreck. "Das also war die Hölle", dachte ich. Ja, die Hölle, vor der ich furchtbare Angst hatte, gab es also tatsächlich.

Ich war vor wenigen Tagen sechs Jahre alt geworden und noch nicht eingeschult, konnte also weder lesen noch schreiben. Aber ich hatte eine untrügliche Beobachtungsgabe. Die brennende Kuppel verfolgte mich in meinen Träumen. Meine Eltern schwiegen, ich musste mit dem schrecklichen Eindruck eines brennenden Gotteshauses alleine fertig werden. In der Folgezeit wurde die Ruine geschleift, die Steine wurden abtransportiert."

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