Der Stickoxid-Fänger wirkt nur im direkten Umfeld

Heilbronn  Die Filteranlage an der durch Luftschadstoffe hochbelasteten Weinsberger Straße steht in der Kritik. An der offiziellen Messstation sei der Container wirkungslos, sagt ein Ingenieur aus Heilbronn. Auch die Herstellerfirma räumt das ein.

Von Carsten Friese
Email

Messtechnik und Filter, um den Luftschadstoff Stickstoffdioxid zu binden, sind im Container an der Weinsberger Straße integriert. 60 Meter weiter steht die offizielle Messstation für Luftschadstoffe.

Foto: Mario Berger

Es ist ein Projekt, das Ende Januar im Kampf gegen die Luftschadstoffe und mögliche drohende Fahrverbote in der Stadt Heilbronn mit großen Worten angekündigt wurde.

Doch was der hochtechnische Luftfänger-Container ("Air Capturing"), der in der Nähe der Luftschadstoffmessstation an der Weinsberger Straße steht, genau bewirken kann, blieb beim Auftakt unklar. Die Stadt Heilbronn und Audi sind Kooperationspartner bei dem Pilotprojekt.

Soll der Container mit den Filtereinheiten die seit Jahren zu hohen Stickoxidwerte an der Messstation durch ein Ansaugen von Luft drücken? Ist das machbar bei rund 60 Meter Entfernung? Und macht das Sinn, wenn die Luftbelastung an anderen Stellen in der Innenstadt dennoch gleich hoch bleibt, weil sich an den Verkehrszahlen und den ausgestoßenen Schadstoffmengen ja sonst nichts ändert?

Ingenieure meldeten sich bei der Stimme mit kritischen Aussagen zu dem Projekt. An der Messstation sei dieser Container "wirkungslos", sagte ein Heilbronner Ingenieur, der ungenannt bleiben will. Dies könne man mit veröffentlichten Daten zu dem Projekt ganz einfach berechnen. Was soll der Container dann an dieser Stelle bringen?

Erprobung der Technik im kleinen Maßstab

Auf Stimme-Anfrage hat Dr. Alexander Krajete, Chef der österreichischen Umwelttechnikfirma Krajete, nun Stellung bezogen. Seine Firma hat den Container entwickelt, mit Filter- und Messinstrumenten bestückt. Auf die Frage, ob der Container auch Luft von der offiziellen Messstation ansaugen kann, sagt Krajete, die Distanz sei relativ groß.

In dem Projekt gehe es "um die Erprobung einer neuen Technologie im kleinen Maßstab", nicht um das Verringern von Stickoxiden in mittlerer oder großer Entfernung. Und: "Die Auswirkungen des Containers sind lokal begrenzt, in der Zone rund um den Container zu erwarten." Es sei der erste Prototyp, den die Firma gebaut habe. Man wolle damit Erfahrungen im Permanentbetrieb sammeln mit dem Ziel, rund um den Container mit einer neuen Technologie Stickoxide zu reduzieren.

Werte an der Messstation werden nicht gedrückt

Das heißt im Umkehrschluss, dass dieser Container die Messwerte an der offiziellen Station nicht drücken wird. Daten aus der ersten Messwoche legten dies bereits nahe. Mit dem Tag der Inbetriebnahme des Containers fielen die Werte an der offiziellen Messstation nicht ab oder stiegen sogar leicht an.

Der Sinn der aufwendigen Filter- und Messtechnik in dem Container ist nach Angaben von Krajete etwas langfristiger angelegt. Wenn sich die Technologie als robust erweisen sollte, sei eine andere Skalierung durchaus denkbar. Krajete spricht von einer "Miniaturisierung", um zum Beispiel in einer Straße mehrere kleinere technische Einheiten zum Abscheiden von Stickoxiden aufzubauen. Dazu gebe es Konzepte und Pläne.

Ein Jahr wollen die Stadt und Audi als Finanzier Erfahrungen mit dem Pilotprojekt sammeln. Bürgermeister Wilfried Hajek hatte beim Start des Dauerbetriebs darauf verwiesen, dass es beim Kampf um saubere Luft "keine Denkverbote" geben dürfe. Auch unkonventionelle Vorschläge müssten erprobt werden. Der Technische Leiter von Audi hatte damals erklärt, der Container könne "mehr als 90 Prozent der Stickstoffoxide aus der Luft binden".

Werte an der Messstation sind entscheidend für die Bewertung durch die Richter

Die Schadstoffwerte an der Messstation Weinsberger Straße haben Relevanz. Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim prüft derzeit, ob und welche Maßnahmen das Land und die Stadt Heilbronn ergreifen müssen, um den Stickoxidgrenzwert von 40 Mikrogramm im Jahresmittel einzuhalten. Fahrverbote sind möglich.

Zuletzt hatte die EU in der hitzigen Debatte um das Thema angedeutet, dass bei Grenzwertüberschreitungen bis zu 50 Mikrogramm Fahrverbote nicht zwingend nötig seien. In Heilbronn lag der Jahresmittelwert 2018 bei 52 Mikrogramm - also knapp über der Schwelle.

Granulat soll Stickoxide binden

Die Air-Capturing-Anlage in dem Container an der Weinsberger Straße saugt Luft aus der direkten Umgebung an und leitet sie durch sogenannte Absorber. Darin befindet sich ein spezielles Granulat, das die in der Luft enthaltenen Stickoxide herausfiltern soll. Die gereinigte Luft wird in die Umwelt zurückgeführt. Die Stickoxide sollen in der Düngemittelproduktion wieder Verwendung finden. Nach Angaben der Linzer Umwelttechnikfirma Krajete arbeitet das Verfahren "an sehr kalten Wintertagen genauso wie bei Sommerhitze".

In Stuttgart gibt es ein ähnliches Projekt - zur Filterung von Feinstaub. Dort wurden mehrere Filteranlagen am hochbelasteten Neckartor installiert.

 


Kommentar hinzufügen