Der Rückbau des Kraftwerks in Neckarwestheim

Neckarwestheim  Die Demontage von GKN I in Neckarwestheim liegt im Zeitplan. Aktuell laufen im Maschinenhaus der Anlage die Arbeiten auf Hochtouren. Voraussichtlich 2032 wird das Kernkraftwerk vollständig zurückgebaut sein.

Von Joachim Friedl

Der Rückbau des Kraftwerks in Neckarwestheim
Blick in das Maschinenhaus von GKN I: In der orangefarbenen Metallhülle befand sich die Turbine, der Generator war im gelben Gehäuse montiert. Bei den beiden Anlagen im Vordergrund, die wie Raumkapseln aussehen, handelt es sich um Wasserabscheider. Foto: Andreas Veigel

Es riecht nach Öl und Metall. Präzise transportiert der zitronengelbe Deckenkran seine tonnenschweren Lasten. Die fast schon gespenstische Stille wird nur hin und wieder von monoton klingenden Hammerschlägen unterbrochen.

Unaufgeregt gehen ein gutes Dutzend Monteure, Techniker und Planer ihrem Job nach, das 30 Meter hohe, 117 Meter lange und 34 Meter breite Maschinenhaus von GKN I in Neckarwestheim Stück für Stück auszubeinen. Detailarbeit ist angesagt.

GKN I ging 1976 an Netz

Es ist ein weiterer Mosaikstein im Rückbau des 1976 von der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) in Betrieb genommenen Atomkraftwerks. 2021 werden im Maschinenhaus wohl sämtliche Systeme demontiert sein.

Erfahrungen mit dem Abbau von Kernkraftanlagen hat die Energiebranche hierzulande zuhauf. Seit 2008 wurden in Deutschland 20 Reaktoren stillgelegt und rückgebaut. Dazu gehört auch das AKW Obrigheim, das für die EnBW Rückbau-Pionier war. In Europa werden seit elf Jahren 23 Anlagen demontiert. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 war GKN I das erste Atomkraftwerk der Energie Baden-Württemberg AG, das außer Betrieb genommen wurde.

Statt Laufzeitverlängerung gab es Rückbaupläne

Der Rückbau des Kraftwerks in Neckarwestheim
Bei dieser Anlage handelt sich um das Innengehäuse von einer der drei Niederdruck-Turbinen der Drehstrom-Anlage im Maschinenhaus. Dieses Innengehäuse wiegt 22 Tonnen. Foto: Andreas Veigel

"Die nach Fukushima eingeleitete Energiewende hat alle Betreiber von Atomanlagen kalt erwischt", erinnert sich Jörg Michels, Vorsitzender der Geschäftsführung der EnBW Kraftwerk GmbH, an die damalige Zeit. Die Konsequenz beschreibt der 51-jährige Diplomingenieur wie folgt: "Aus einer angedachten Laufzeitverlängerung wurde nichts. Stattdessen mussten rasch Pläne für die Stilllegung und den Rückbau auf den Weg gebracht werden."

Als "größte Herausforderung" nennt Michels auch heute noch die Phasen für die Genehmigungs- und Aufsichtsverfahren auf der Basis des Atomgesetzes. Konzeptionell musste von A bis Z unsere gesamte Vorgehensweise dargestellt werden. Das dauerte etwa zwei Jahre. Anschließend prüften das Umweltministerium und unabhängige Gutachter weitere drei bis vier Jahre. "Das erklärt, weshalb wir mit dem staatlich überwachten Rückbau erst Anfang 2017 beginnen konnten", erklärt Michels vor Medienvertretern.

3300 Tonnen Abfall sind radioaktiv

Mit den Demontagearbeiten am GKN I liegt der Kraftwerksbetreiber im Zeitplan. Dauern kann der gesamte Rückbau bis zu 15 Jahre, also bis 2032. Entsorgt werden in diesem Zeitraum rund 331 000 Tonnen Material. Etwa 3300 Tonnen davon sind radioaktiver Abfall. Die Rest- und Abfallstoffe werden in einem Reststoff-Bearbeitungszentrum (RBZ) und in einem Standort-Abfalllager (SAL), die im vierten Quartal 2019 in Betrieb gehen werden, gelagert.

Dieser Gebäudekomplex gründet auf rund 650 Bohrpfählen, die bis zu 20 Meter in die Tiefe reichen und in das Felsgestein eingebunden wurden. Herzstück der Dachkonstruktion sind bis zu 30 Meter lange und 75 Tonnen schwere Trägerelemente.

Arbeitsplätze sind sicher

So funktioniert der Rückbau des Kraftwerks in Neckarwestheim
"Die größten Herausforderungen sind die Genehmigungs- und Aufsichtsverfahren", sagt Jörg Michels, seit 2012 Vorsitzender der Geschäftsführung der EnBW Kernkraft GmbH. Foto: Andreas Veigel

750 Mitarbeiter arbeiten derzeit noch am Kraftwerksstandort Neckarwestheim. Das Durchschnittsalter der Belegschaft liegt bei etwa 50 Jahren. Angesichts der langen Rückbauzeiten muss sich somit kein Mitarbeiter Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen.

Für den Rückbau ihrer fünf Kernkraftwerke - Obrigheim, GKN I und II sowie Philippsburg I und II - kalkuliert die EnBW mit sieben Milliarden Euro. "Zwei Milliarden Euro sind bis jetzt ausgegeben", gewährt Jörg Michels einen kleinen Blick in die Finanzwelt des Energieunternehmens. Gebildet wurden die Rückstellungen bereits während der Betriebsphase. Emotionslos betont Michels: "Zum Lebenszyklus eines Kraftwerks gehört auch der Rückbau."

Wie wird der Standort einmal genutzt?

Das GKN II, komplett von GKN I getrennt, wird noch bis 2022 Strom liefern. Dann wird auch dieses Kernkraftwerk vom Netz genommen und zurückgebaut. 2043 könnten dann große Teile des Standorts für andere Zwecke genutzt werden.

 

Obrigheim

Der Rückbau des Kraftwerks in Neckarwestheim
Standorte in Baden-Württemberg

Das Kernkraftwerk Obrigheim wird seit 2008 zurückgebaut. Die Abbauarbeiten im Maschinenhaus sind weitgehend abgeschlossen. Ebenfalls ist der Reaktordruckbehälter (RDB), das frühere Herzstück der Anlage, vollständig zerlegt. Die massiven Betonstrukturen, die den RDB umgeben haben, sind weitgehend abgetragen. Die vierte und letzte Abbaugenehmigung wurde im Frühjahr 2018 erteilt.

Die Demontage im atomrechtlichen Rahmen soll bis Mitte der 2020er Jahre abgeschlossen sein. Die Verlagerung der 342 abgebrannten Brennelemente, verpackt in 15 Castorbehältern, ins Zwischenlager Neckarwestheim wurde im Dezember 2017 beendet.

 

Neckarwestheim

 Im Februar 2017 erhielt die EnBW die Stilllegungs- und Abbaugenehmigung für GKN I. Im Dezember des gleichen Jahres wurde der Antrag zur zweiten beziehungsweise letzten Abbaugenehmigung gestellt. Die Beteiligung der Öffentlichkeit endete mit der Erörterung am 6. Februar 2019.

Bei der Planung des Rückbaus werden insbesondere die Anforderungen der nuklearen Sicherheit, des Strahlen- und Brandschutzes, der Arbeitssicherheit und des Umweltschutzes berücksichtigt. Weiterhin finden durch staatliche Messungen die radiologische Überwachung der Anlage, des Personals und der Umgebung statt.
Beim Rückbau von GKN I fallen rund 331 000 Tonnen Abfälle an. Etwa ein bis zwei Prozent davon können auf Deponien entsorgt werden. In den konventionellen Stoffkreislauf kommen zirka 97 bis 98 Prozent der Abfälle.

Wert- und Reststoffe werden verwertet beziehungsweise beseitigt. Radioaktiver Abfall, weniger als ein Prozent (3300 Tonnen), kommt ins Zwischenlager und später in die Endlagerung. Abgeschlossen ist zwischenzeitlich die fernbediente Demontage und Zerlegung der Einbauten des oberen und unteren Kerngerüsts. Die Arbeiten erfolgten unter Wasser. Beim Rückbau von GKN II fallen einmal 811 000 Tonnen Abfälle an.

Philippsburg

Der Rückbau von KKP I erfolgte am 2. Mai 2017. Die Beton-Abschirmriegel des Reaktordruckbehälters (RDB) sowie der RDB-Deckel sind zerlegt, die fernbediente Demontage und Zerlegung der Einbauten des Reaktordruckbehälters unter Wasser sind weit fortgeschritten. Im Maschinenhaus wurden die Abdeckhauben der Turbinen demontiert und der Generator ausgebaut – eine Komponente, deren Einzelteile zusammen mehr als 500 Tonnen wiegen. Die Abtragung des Sicherheitsbehälters, der früher den Reaktordruckbehälter umgeben hat, stellt aktuell einen Schwerpunkt der Arbeiten dar, ebenso die weitere Zerlegung der Einbauten im Reaktordruckbehälter.

 

 

 
 

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