Der ICE hält in Heilbronn: Wie die Bahn letztlich doch einlenkte

Region  Heilbronn bekommt 2020 eine Direktverbindung nach Berlin. Viele haben dafür gekämpft. Doch damit ist die Region noch nicht am Ziel.

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ICE bei der Einfahrt in den Heilbronner Hauptbahnhof: Ab 10. April 2020 wird dieses Bild für einige Monate wieder zum Alltag gehören.

Foto: Andreas Veigel

Für wenige Monate rückt Heilbronn im nächsten Jahr näher an die Bundeshauptstadt. Vom 10. April bis zum 31. Oktober gibt es eine Direktverbindung nach Berlin und zurück. Es ist eine "unschlagbare Fahrzeit von weniger als fünfeinhalb Stunden", hält Hans-Martin Sauter, Vorstand im Regionalverband Hall-Heilbronn-Hohenlohe des Verkehrsclubs VCD, fest. "Jetzt müssen die Leute mit den Füßen abstimmen", so sein Appell.

Der Erfolg hat viele Väter

Der ICE-Halt ist ein Erfolg, der viele Väter hat. Denn anfangs schien die Situation ziemlich aussichtslos. Im Juli stellte die Bahn ihre Pläne für die Sanierung der Schnellfahrstrecke Stuttgart-Mannheim im kommenden Jahr vor. Temporär sollten Verbindungen auf neue Trassen umgeleitet und zusätzliche Direktverbindungen eingerichtet werden. So auch ein ICE von Stuttgart nach Berlin und zurück. Wie die Heilbronner Stimme berichtete, sollte dieser Zug zwar über Heilbronn geleitet werden, hier allerdings nicht anhalten.

Das Unverständnis in der Region war groß. Nicht zuletzt, weil die eigens für die Zeit der Bundesgartenschau eingerichtete ICE-Verbindung Köln-Stuttgart über Heilbronn über Wochen ausgefallen war. Doch die Bahn teilte mit: Einen Halt in Heilbronn könne es nicht geben.

Reger Briefverkehr mit Berlin und Stuttgart

Nicht gemeinsam, aber doch mit dem gleichen Ziel wurden zahlreiche Akteure aus der Region aktiv. Unbefriedigend nannte der VCD-Landesverband die Pläne der Bahn. Heilbronns OB Harry Mergel wandte sich in einem Brief an Bahnvorstand Ronald Pofalla. Die Heilbronner Stadträte und Bundestagsabgeordneten Michael Link (FDP) und Alexander Throm (CDU) verschickten ebenfalls Schreiben an zuständige Stellen.

Link bekam eine Antwort mit wenig Interpretationsspielraum: Das ICE-Zugpaar "wird nach Angaben der DB AG keinen Halt in Heilbronn anbieten", schrieb das Verkehrsministerium in Berlin zurück. Throm, der seinen Brief an die Bahn in Berlin geschickt hatte, bekam dann allerdings Bescheid aus Stuttgart. Der Konzernbevollmächtigte der Bahn für Baden-Württemberg, Thorsten Krenz, hatte sich der Sache offenbar noch einmal angenommen. Innenminister Thomas Strobl (CDU) kam ins Spiel.

In mehreren Gesprächsrunden mit den Staatssekretären im Bundesverkehrsministerium und mit dem Bahn-Bevollmächtigten Krenz in Stuttgart wirkte er darauf hin, dass der Halt doch noch möglich gemacht wurde. Hier waren Nachverhandlungen mit Nahverkehrs- und Güterverkehrsunternehmen notwendig, ohne die der dreiminütige Halt in Heilbronn um 6.32 Uhr am Morgen und der zweiminütige um 21.02 am Abend nicht möglich gewesen wäre. Entsprechend groß ist nun die Freude bei Thomas Strobl: "Ich hätte es schwer ertragen, wenn der ICE in Heilbronn nur durchbraust. Unsere Stadt hat es bei der Anbindung an den Bahn-Fernverkehr ohnehin nicht einfach."

Mit dem ICE wird es eng im Neckartal

Hans-Martin Sauter warnt allerdings auch: "Es gibt durch die Sperrung der Strecke Mannheim-Stuttgart bei uns wohl 30 bis 40 umgeleitete Güterzüge pro Tag zusätzlich. Zwischen Jagstfeld und Neckarsulm wird es dann richtig spannend." So könne unter Umständen auch der Nahverkehr unter dem ICE leiden, das müsse man abwarten.

Wie es nach der Episode ICE weitergeht, ist offen. Für den SPD-Bundestagsabgeordneten Josip Juratovic, der sich seit langem für den Ausbau der Frankenbahnlinie stark macht, ist nun ein abgestimmtes Vorgehen mit anderen Landkreisen "von Zürich bis Würzburg" notwendig, um irgendwann eine gut ausgebaute Schnellstrecke hinzubekommen. Im Landratsamt prüft man offenbar, ob Geld aus dem milliardenschweren Klimapaket für die Region beantragt werden könnten. Michael Link ist überzeugt: "Und jetzt muss auch die Wirtschaft mit ins Boot."

Und der Nahverkehr?

Neue Probleme zeichneten sich bei der Fahrplankonferenz der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg am Freitagvormittag ab, wie Hans-Martin Sauter vom VCD berichtet. Der neue Fahrplan liege im Grundgerüst vor. Schülerverbindungen funktionierten nach den Plänen nicht wie in der Vergangenheit. Zudem gebe es "riesige Kapazitätsprobleme", weil auf der Frankenbahn statt eines Doppelstockzugs ein Zug mit halb so vielen Plätzen fahre.

Zwischen Osterburken und Heilbronn gebe es in den Morgenstunden zudem einen Zug weniger, zwei Verbindungen sollen in Bad Friedrichshall enden. "Der Umstieg auf die Stadtbahn dürfte dort in vielen Fällen nicht möglich sein", sagt Sauter. Noch sind Veränderungen möglich. Sauter: "Auch hier dürften sich die Politiker gerne mal für Verbesserungen einsetzen."

 


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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