Der Brandstifter hat keine Erklärung für seine Tat

Heilbronn  Eine unfassbare Tat wird vor dem Landgericht aufgerollt: Mitten zur Einkaufszeit hat ein Täter im Kaufland an zwei Stellen Feuer gelegt. Wegen versuchtem Mord ist ein 51-Jähriger aus Heilbronn angeklagt. Er gesteht zwar. Seine Aussage lässt aber viele Fragen offen.

Von Carsten Friese

Der Brandstifter hat keine Erklärung für seine Tat

Der Tatort der Brandstiftung: Kaufland in der Neckarsulmer Rötelstraße. An zwei Stellen, innen im Obergeschoss und außen an einem Palettenstapel, legte der Brandstifter im Dezember Feuer. Erklären kann oder will er die Tat nicht.

Foto: Dennis Mugler

Es sind überraschende Sätze, die so gar nicht zu den Szenen auf den Überwachungsvideos passen. Als der große, kräftige Angeklagte im Prozess um eine zweifache Brandstiftung im Neckarsulmer Kaufland mitten zur Einkaufszeit im Heilbronner Landgericht am Mittwoch erstmals zum Tatgeschehen Stellung nimmt, bleibt vieles im Nebel.

Nach der Haftentlassung ein Rückfall ersten Grades

Warum er da Babykleider erst mit Grillspiritus auf einer ganzen Regalreihe bespritzt, dann angezündet und später außen am Wareneingang noch Holzpaletten in Brand gesteckt hat? "Ich weiß es nicht", sagt der 51-jährige Mann, der seit Jahren drogen- und alkoholsüchtig ist und durch ein nervöses Augenzucken auffällt. "Ich habe keinen Plan gehabt und kann es nicht erklären", versichert er mehrfach. Dass er das Feuer gelegt hat, bestätigt er ohne Umschweife. "Wegen dem Scheiß", sagt er an einer Stelle, "sind meine ganzen Pläne kaputt gegangen."

Wegen versuchtem Mord und versuchter besonders schwerer Brandstiftung ist der gelernte Metzger angeklagt, der nach Drogen- und Diebstahldelikten vorbestraft ist. Gut einen Monat zuvor war er aus der Haft entlassen worden, wollte neu anfangen, sich Wohnung und Arbeit suchen. Drogenersatzstoff erhielt er regelmäßig vom Arzt - und trank nebenher viel Alkohol, Bier und Wodka, weil die Sucht stärker war als sein Wille, wie er sagt. Spice und Ecstasy konsumierte er auch. Ein Rückfall ersten Grades.

Richter fragt nach: Wollten Sie zurück ins Gefängnis?

Dennoch: Wie ein Volltrunkener im Drogenrausch sieht der Täter auf den Kaufland-Videos nicht aus. Der Mann läuft normal durch die Gänge, sieht sich links und rechts um, ob ihn jemand beobachtet, schüttet zunächst den Grillanzünder auf die Kleider und geht erst nach einer erneuten Runde mit dem Feuerzeug ans Regal. "Haben Sie es getan, um wieder ins Gefängnis zu kommen - weil Sie draußen nicht zurechtgekommen sind?", hakt Richter Roland Kleinschroth nach. Auch da kommt ein "Ich weiß es nicht".

In einem Brief aus dem Gefängnis an seine Mutter hatte der Angeklagte davon geschrieben, dass er am Tag der Entlassung noch nicht "resozialisiert war", die positive Zuwendung gefehlt habe und er "Wut und Ohnmacht" nach Streit in der Familie um seinen Alkoholkonsum gespürt habe.

Zeugen sprechen von meterhohen Flammen

Rund 700 Kunden waren zur Zeit der Brandstiftung im Dezember 2018 im Kaufland. Der Richter spricht von Glück, dass Kunden und ein Kauflandmitarbeiter geistesgegenwärtig reagiert hätten. Ein Ehepaar sah die Flammen im Regal, der Mann zog die brennenden Artikel auf den Boden und trat die Flammen aus. Am Holzpalettenstapel griff ein Kaufland-Mitarbeiter ein und zog mit einem Gabelstapler die brennenden Teile zur Seite. Da hatte das Feuer schon auf die angrenzende Stadtbahn-Haltestelle übergegriffen. Von "meterhohen Flammen", die die Bahnstation erfasst hätten, berichteten Zeugen in Notrufen. Der Zugverkehr musste für zwei Stunden gestoppt werden.

Rund 67 000 Euro Sachschaden entstanden auf dem Kaufland-Gelände, etwa 15 000 Euro am Dach der Stadtbahnhaltestelle. Er wisse nun, dass Alkohol an seinen Taten schuld sei, wolle eine erneute Therapie machen und schaffe das, versicherte der 51-Jährige. Richter Kleinschroth reagierte skeptisch. Er habe selten einen Angeklagten erlebt, der so viele Therapien gemacht habe und immer wieder gescheitert sei. Warum solle es dieses Mal anders verlaufen?

"Ich muss es schaffen", antwortete der Angeklagte. "Sonst sterbe ich. Ich habe keine Kraft mehr."

 


Tante gab Hinweis

Am Tattag entkam der Brandstifter unerkannt. Die Polizei suchte den Täter mit Bildern von der Überwachungskamera in den regionalen Medien. Kurz danach kam der entscheidende Hinweis aus der Bevölkerung auf den Tatverdächtigen.

Wie Richter Kleinschroth gestern mitteilte, gab die Tante des Angeklagten den Tipp. "Vielleicht war es gut so", sagte der 51-Jährige dazu gestern im Gerichtssaal.


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