Der Antisemitismus hat viele Gesichter

Heilbronn  Michael Blume, Beauftragter des Landes, referierte im Heinrich-Fries-Haus über Verschwörungsmythen und Populismus im Internet.

Von Hans-Jürgen Deglow

Der Antisemitismus hat viele Gesichter
Lichterfest in Heilbronn: Der jüdischen Tradition nach erleuchtet jeden Abend ein weiteres Licht den achtarmigen Chanukka-Leuchter. Foto: Mario Berger  

Verschwörungsmythen wirken, weil sie die Gesellschaft zersetzen. Weil wir unser Wissen aus immer mehr und darunter vielen zweifelhaften Quellen im Internet beziehen, und Fakten dabei oft auf der Strecke bleiben. Stattdessen wird Hass gegen Juden und andere Minderheiten propagiert, werden demokratische Institutionen attackiert. Für den Antisemitismusbeauftragten des Landes, Michael Blume, ist es diese Gemengelage, die sich immer mehr zu einer echten Bedrohung auswächst.

Der 42-jährige Religionswissenschaftler referierte nun im Heinrich-Fries-Haus vor mehr als 100 interessierten Zuhörern zum Thema "Alter Wein in neuen Schläuchen − Aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus." Eingeladen hatten der SPD-Ortsverein Heilbronn und die Deutsch-Israelische Gesellschaft Heilbronn-Unterland, deren Vorsitzende Heidrun Landwehr und Bernd Sommer begrüßten den Referenten, die einleitenden Worte sprach Guido Rebstock.

Hass wird im Internet verbreitet

Der Antisemitismus hat viele Gesichter
Michael Blume bei seinem Vortrag in Heilbronn. Foto: Schwinghammer.

Der Antisemitismus hat viele Gesichter, macht aber nie vor Juden Halt. Selbst im Irak, wo längst keine Juden mehr lebten, seien diese Feindbild Nummer Eins. Mehr noch, so berichtete Blume in seinem Vortrag: "Der Antisemitismus zerstört die irakische Gesellschaft, weil viele Menschen dort sich nun gegenseitig vorwerfen, Teil der Jüdischen Weltbevölkerung zu sein."

Antisemitismus nehme aber weltweit zu, so die warnende Botschaft Blumes. Von Polen über Italien bis Brasilien hätten Rassismus und Populismus Konjunktur, befeuert vor allem durch zunehmenden Hass, der im Internet verbreitet werde. Die Saat des Hasses gedeihe auch hierzulande. Besorgniserregend sei, dass sich Menschen zwar gezielt Informationen aus dem Internet holten − aber oft nur diese, die am besten in ihr Weltbild passten, und dieses festigten. Er nannte als Beispiele Reichsbürger oder Menschen, die noch an die große Weltverschwörung der Illuminaten glaubten.

Blume: Lokale Medien sind die Basis der Demokratie.

Laut Blume ist der Zusammenhalt bedroht, weil es kaum mehr ein gemeinsames Wissens- und Wertefundament gebe. Er appellierte in diesem Zusammenhang dazu, regionale Zeitungen zu lesen. Es sei wichtig, Zusammenhänge und demokratische Abläufe vor Ort zu verstehen. Lokale Medien seien die Basis der Demokratie. Diesen Medien sei zu trauen, im Gegensatz zu vielen anderen Portalen und Foren im Netz, die nur Gift und Verschwörungsmythen verstreuten.

Blume forderte auch: "Die Zivilgesellschaft muss sich dem Antisemitismus und dem Rassismus entschlossen entgegenstellen." Im Visier hat der Antisemitismusbeauftragte auch diejenigen, die die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte heute umzudeuten versuchen, und dazu das Internet nutzen. Allerdings merkte er auch an: "Die Populisten nutzen das Internet leider besser als wir."