Der 4. Dezember als Tag der Integration

Heilbronn  Rund 250 Besucher gedachten am Montag auf dem Ehrenfriedhof im Köpfertal in Heilbronn der Opfer des 4. Dezember 1944.

Von Kilian Krauth
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Der 4. Dezember als Tag der Integration

Als Hauptredner traten Pfarrer Roland Rossnagel (links) und OB Harry Mergel ans Pult, aber auch Jugendliche sprachen.

Foto: Christiana Kunz

Anlässe wie dieser sind nicht nur Momente der Erinnerung, sondern gleichermaßen auch Anlässe der Mahnung, die auch Hilfe und Orientierung in der Gegenwart geben können."

Dies betonte bei der Gedenkfeier zum 73. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel, während Münsterpfarrer Roland Rossnagel den 4. Dezember 1944 ein "Memorial" nannte: einen Heilbronn und seine Bürger nachhaltig prägenden Tag mit großer Integrationskraft.

Jugendliche traten ans Mikrofon

Die Aktualität des Schicksaltages dieser Stadt brachten gestern vor 250 Besuchern auf dem Ehrenfriedhof im Köpfertal auch vier Auszubildende der Stadtverwaltung zum Ausdruck: Danjela Pohler, Patrick Kuhn, Nunzia Babagallo und Marcel Knobloch traten in persönlichen Worten gegen Hass und Ausgrenzung sowie für Vielfalt und Frieden ans Mikrofon. Mit Blick auf aktuelle Konflikte in aller Welt, aber auch auf Hasskommentare in neuen Medien fragte Pfarrerin Susanne Härterich, "warum lernen die Menschen nicht, dass Hass keine Lösung ist?"

Gedenkfeier nicht nur leere Geste

Während ein Posaunenchor unter Leitung von Jörg Hinderer und Sänger aus Chören von St. Augustinus und des Deutschordensmünsters mit Thomas Ortelt zwischen zwei Feuerstelen angemessene Lieder intonierten, sagte Mergel, "solche Gedenkveranstaltungen dürfen nicht zur leeren Geste verkommen". "Wenn jene gestorben sind, die von den Gräueln berichten können oder für sie verantwortlich sind, dann müssen wir die Zeitzeugen der Zeitzeugen werden", zitierte er die Journalistin Ulrike Nimz. Dazu gehöre, wachsam zu sein, die Augen offen zu halten und "den Mund aufzumachen". In einer Zeit, in der Nationalismus und Rechtsextremismus erstarkten, in der Misstrauen und Ängste gegen Fremde geschürt, wehrlose und schutzsuchende Menschen Opfer von Gewalt würden, sei es "wichtig, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen".

Gegen Ausgrenzung uns Angst

Die Heilbronner Erinnerungskultur bekenne sich deshalb "bewusst zur eigenen Schuld". "Das Gute, aber auch das Böse ist Bestandteil unseres kollektiven Gedächtnisses und damit Teil unserer Identität", betonte der OB. Daraus resultiere, weiter an einer Gemeinschaft zu arbeiten, in der Angst und Ausgrenzung keinen Platz hätten, in der Gemeinsamkeiten stärker betont werden als Unterschiede.

Opfer stiften Gemeinsinn

In diesem Sinne hinterfragte Pfarrer Rossnagel den Begriff der "Zugehörigkeit". Er sprach sich gegen Ausgrenzung und für "Bürgersinn, Ehrfurcht vor Gott und den Mitmenschen" aus: so wie es nach der Katastrophe von 1944 tatsächlich der Fall gewesen sei. "Wohl weil alle gleich betroffen waren, herrschte damals eine große Solidarität." Einen solchen Gemeinsinn strebten heute viele Initiativen und Feste von Stadt, Kirchen, Vereinen und anderen Organisationen an, lobte der Seelsorger. "Das Gefühl der Zusammengehörigkeit" entstehe aber auch oft ganz einfach im Alltag zwischen Tür und Angel, in der Schule, im Bus - oder bei der Gedenkfeier am 4. Dezember.


Mehr als 6500 Tote


Am Montag, 4. Dezember 1944, fünf Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die Heilbronner Innenstadt bei einem Luftangriff englischer Bomber völlig zerstört. Mehr als 6500 Menschen – genau weiß man das bis heute nicht – kamen ums Leben. Sie verbrannten im Feuersturm, ersticken in Luftschutzkellern, wurden von Trümmern erschlagen, von Splittern getroffen.

Auch wenn die Zeitzeugen immer weniger werden: Bis heute hat sich dieser Tag tief ins kollektive Bewusstsein der Stadt und ihrer Region eingebrannt. Bis heute lassen die Ereignisse vielen Menschen keine Ruhe. Die Versuche, das Unfassbare zu begreifen, zu verarbeiten, sind vielfältig. Sie reichen von dem zum Ehrenfriedhof umgestalteten Massengrab im Köpfertal über die Ehrenhalle im Rathaus, Gedenkkonzerte, Bilder, Kunstinstallationen bis zur literarischen oder wissenschaftlichen Aufarbeitung. 

 

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