Das höchste Holzhaus Deutschlands entsteht in Heilbronn

Heilbronn  Im Neckarbogen baut die Stadtsiedlung Heilbronn Deutschlands höchstes Hochhaus aus Holz mit 34 Metern. Das zehngeschossige "Skaio" wird für die Bauwelt eine Sensation sein.

Von Bärbel Kistner

 

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Wegweiser in die Zukunft: Das zehnstöckige Hochhaus Skaio ist bis auf das Sockelgeschoss fast komplett aus Holz gebaut. Die Fassade wird mit Aluplatten verkleidet. Visualisierungen: The Third

 

Zum ersten Mal überschreitet ein Holzbau in Deutschland die Hochhausnorm. Es gibt einige Beispiele für Holzhäuser in der Gebäudeklasse 5 - Bauten mit einer Höhe von maximal 22 Metern. Aber höher hinaus wurde hierzulande noch kein kompletter Holzbau realisiert, wie der Prokurist der Stadtsiedlung, Wolf-Dieter Sprenger, erläutert. 34 Meter hoch wird das Gebäude in den Himmel ragen - städtebaulich wie architektonisch höchst ambitioniert.

Für die kommunale Wohnbautochter der Stadt ist es ein ehrgeiziges Wagnis. An der Eingangspforte zum neuen Stadtteil im Baufeld J der Modellbebauung war die Stadtsiedlung als Projektentwickler nachgerückt und gemeinsam mit dem Berliner Architekturbüro Kaden+Lager zum Zuge gekommen.

"Das Gebäude stellt sich in die Mitte zwischen landläufig als anonyme Bunker von Arm oder Reich verschrienen Hochhäusern und verleiht seiner Klasse ein neues, zeitgemäßes und sinnerfülltes Gesicht", beschreibt Architekt Markus Lager. "Mit dem Holzbau bringt das Hochhaus eine neue architektonische Qualität in jedermanns Wohnzimmer."

Werkstoff Holz gewinnt an Bedeutung

Holzbauten in dieser Größenordnung sind noch lange kein Standard. Doch gerade für die Stadtsiedlung, die überwiegend mehrgeschossig baut, rückt Holz als Werkstoff zunehmend in den Fokus. "Die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften haben größtes Interesse an hochqualitativen, nicht zuletzt wirtschaftlich nachhaltigen Immobilien", heißt es. Die Stadtsiedlung bleibt häufig Eigentümer der von ihr gebauten Objekte, aus diesem Grund spielt Nachhaltigkeit eine besonders große Rolle.

In punkto Ökobilanz ist Holz als Baustoff tatsächlich unschlagbar: Wo Holzhäuser gebaut werden, wächst ein zweiter Wald aus Häusern. Jeder Kubikmeter verbautes Holz speichert eine Tonne CO2 , das Bäume der Atmosphäre beim Wachsen entzogen haben. Herkömmliche Baustoffe wie Beton oder Ziegel verursachen dagegen bereits durch ihre energieintensive Herstellung einen hohen Ausstoß an dem klimaschädlichen Kohlenstoffdioxid.

Gebäude ist zu 100 Prozent recyclebar

Für Projektmanager Sprenger ist auch der Aspekt der Rückbaubarkeit ein entscheidender Pluspunkt, der für das Bauen mit Holz spricht: "Unser Gebäude wird zu 100 Prozent recyclebar sein." In der Bauwirtschaft in Kreisläufen zu denken, steht hinter dem Prinzip "Cradle to Cradle". Das bedeutet, dass alles Material, das verbaut wird, zerleg- und rückbaubar sein muss.

Das gilt ebenso für die Fassadenverkleidung aus Aluminiumplatten - von außen wird das Hochhaus also nicht sofort als Holzbau zu erkennen sein. Im Innern dagegen wird viel von dem natürlichen Werkstoff sichtbar bleiben. Durch die bodentiefen Fenster ist der Blick nach innen frei auf die Wände und Decken aus Holz. Ein Pluspunkt für die Bewohner ist die hohe Wohnqualität mit einem besonderen Raumklima.

Die Stützen des Gebäudes sind aus Brettschichtholz gefertigt. Ganz ohne andere Materialien kommt die neuartige Konstruktion nicht aus. Stahlbeton wird nach wie vor beim Sockelgeschoss verarbeitet und zudem für das Treppenhaus benötigt.

Brandschutz ist eine Herausforderung

Das anspruchsvollste Thema in der Projektentwicklung ist nach Auskunft Sprengers der Brandschutz - auch das eine besondere Herausforderung aufgrund der Gebäudehöhe. Im Falle eines Brandes darf kein Rauch ins Treppenhaus dringen. Dafür muss mit speziellen Ventilatoren ein Überdruck erzeugt werden. Zum Konzept gehört eine Hochdrucksprinkleranlage, die nur Wassernebel produziert, der Flammen sofort ersticken würde. "Diese Technik kommt aus dem U-Boot-Bau", erläutert Sprenger.

Für die Stadtsiedlung wird es im mehrgeschossigen Holzbau nicht bei dem Pilotprojekt bleiben. "Wir lernen hier auch für andere Bauten", betont Sprenger. Am Nonnenbuckel soll serielles Bauen mit Holz realisiert werden, um Bauzeit und Kosten zu sparen. Sprenger ist überzeugt, dass das Hochhaus weit über Heilbronn hinaus Beachtung finden und dem Holzbau im städtischen Bereich auch andernorts auf die Sprünge helfen kann.

In punkto Bewohnerstruktur ist das Stadtsiedlungs-Hochhaus zumindest für Heilbronn höchst innovativ: Mit dem Anteil von 50 Prozent an geförderten Wohnungen entsteht mit dem Skaio kein Luxushaus, vielmehr soll eine bunt gemischte Mieterschaft aus der Mitte der Gesellschaft einziehen.

 


Zahlen und Fakten zum Hochhaus

Insgesamt sind im Hochhaus Skaio 60 Mietwohnungen mit insgesamt 3300 Quadratmeter Wohnfläche geplant. Im Erdgeschoss entstehen 137 Quadratmeter Gewerbefläche, dort zieht die Bäckerei Übele ein. Ebenfalls ebenerdig ist ein Mehrzweckraum geplant, in dem nicht nur die Waschmaschinen untergebracht werden, er soll gleichzeitig als Begegnungsort dienen, zum Beispiel zum Fußballspiele schauen. Alles in allem hat das Gebäude eine oberirdische Bruttogeschossfläche von 5685 Quadratmetern. Rund die Hälfte der Wohnungen soll als sozialer Wohnraum gefördert werden für Haushalte mit geringen Einkommen. Die Wohnungen verfügen über eine Wohnfläche zwischen 40 und 70 Quadratmetern.

Partner der Stadtsiedlung für die Planung ist das Architekturbüro Kaden+Lager. Das Berliner Büro hat bereits mit Pionierholzbauten für Aufsehen gesorgt und auch den deutschen Holzbaupreis erhalten: für ein siebengeschossiges Mehrfamilienhaus einer Baugemeinschaft in Berlin, zugleich das erste Holzhaus dieser Größe im urbanen Umfeld. Das Brandschutzkonzept für das Heilbronner Hochhaus wird vom Büro Dehne und Kruse umgesetzt - im Holzbau gelten besondere Anforderungen.


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