"Das Töten von Tieren ist die Ultima Ratio"

Heilbronn  Der Wildtierbeauftragte der Stadt erklärt Hintergründe zum Vorgehen gegen Nilgänse und verweist auf das sehr aggressive Verhalten der eingewanderten Art gegenüber anderen Wasservögeln. Ist die Manipulation von Eiern eine denkbare mittelfristige Maßnahme gegen die starke Vermehrung der Gänse?

"Das Töten von Tieren ist die Ultima Ratio"

Auch am Neckarufer und in Heilbronner Parks treten Nilgänse verstärkt auf. Sie haben nach Angaben des Wildtierbeauftragten schon Entenküken getötet.

Fotos: C. Friese

 

Seit einiger Zeit ist die Nilgans in Deutschland als Problemvogel in der Diskussion. Die Art, die aus Afrika stammt, als Ziergeflügel nach England kam und über Holland nach Deutschland einwanderte, breitet sich auch in der Region Heilbronn stark aus. Thilo Eberle, Wildtierbeauftragter der Stadt Heilbronn, sieht eine Gefahr, wenn Kommunen abwarten und nichts tun.

 

Herr Eberle, der geplante Abschuss von Nilgänsen auf dem Buga-Gelände hat für Diskussionen gesorgt. Warum haben Sie dem Antrag zugestimmt als Wildtierbeauftragter?

Thilo Eberle: Weil es meines Erachtens derzeit die einzige kurzfristig wirksame Vergrämungsmaßnahme auf dem Buga-Gelände ist. Ich habe mich mit Kollegen in Bayern und Baden-Württemberg intensiv ausgetauscht. Wir sprechen bei der Nilgans von einer fremden, invasiven Art, die sich sehr stark verbreitet. Die EU hat ausdrücklich vorgegeben, diese Art zurückzudrängen.

 

Es gibt Kritik, dass man mit dem Töten schnell bei der Hand sei...

Eberle: Das Töten von Tieren ist für uns immer die Ultima Ratio, die letzte Möglichkeit. Andere Städte haben andere Versuche unternommen, waren nicht erfolgreich und haben sich dann für einen Abschuss entschieden. Noch einmal: Es ist eine nicht heimische Art, die mehrmals im Jahr brütet, sich extrem stark vermehrt. Wir rotten die Art ja nicht aus, wir dezimieren den Bestand. In freier Natur darf die Nilgans auch ohne Genehmigung bejagt werden.

 

Gibt es auch anderswo in der Stadt Probleme? In den Parks?

Eberle: Zum Beispiel im Wertwiesenpark haben wir Probleme, da waren mal bis zu 60 Nilgänse. Sie vertreiben andere Wasservögel durch ihr aggressives Verhalten, sie dulden vor allem während der Brut keine anderen Vögel.

 

Was ist da konkret die Folge?

Eberle: Im Pfühlpark habe ich mit Fotos dokumentiert, wie Nilgänse Stockentenküken getötet haben. Vor allem für Enten ist es gefährlich, es kann aber auch passieren, dass Schwäne fliehen, wenn mehrere Nilgänse auf sie zukommen. Im Pfühlpark waren zuletzt Stockenten verschwunden, als Nilgänse gebrütet haben. Erst, als die Nilgänse weg waren, kamen die Stockenten zurück. Für eine Brut war es aber zu spät.

 

Wie viele Nilgänse gibt es in der Stadt?

Eberle: Das schwankt, wir haben sie bisher nicht gezählt. Gut 100 sind es aber auf jeden Fall.

 

Und die bereiten so große Probleme?

Eberle: Die Masse ist das Entscheidende. Als bis zu 60 Nilgänse im Wertwiesenpark waren, da war der Park extrem verkotet.

 

Sehen Sie in den Parks mögliche Ansätze, um auf andere Art als mit dem Gewehr mit Nilgänsen umzugehen?

Eberle: Bayern hat ein Gänsemanagement. Da werden in Nilgansnestern in einige Eier Keime gespritzt, so dass daraus keine Jungen schlüpfen. Die Gans brütet weiter, es schlüpfen nur zwei statt sechs oder acht Küken, die Population wächst nicht weiter stark an. Bayern hat damit Erfolge. So eine Maßnahme könnte bei uns nur das Ministerium für Ländlichen Raum umsetzen.

 

Gibt es noch Alternativen?

Eberle: Inselanbindung ist ein Stichwort. Nilgänse brüten gern auf kleinen Inseln. Wenn man da kleine Stege baut, so dass Fuchs oder Marder Zugang haben, könnte der Bestand auch verringert werden.

 

Was würde denn aus Ihrer Sicht passieren, wenn man überhaupt nichts unternimmt?

Eberle: In den Niederlanden gibt es eine riesige Gänsepopulation mit verschiedenen Arten, dort haben sie auch ein großes Nilgansproblem. Es entstanden zuletzt 30 Millionen Euro Schaden durch Fraß an Landwirtschaftsflächen, Obstfeldern oder auch Blumen. Im Jahr 2017 wurden dort 500 000 Gänse in ihrer flugunfähigen Zeit getötet. Da wollen wir auf keinen Fall hin.

 

Gibt es noch andere invasive Tierarten in der Stadt, die Sie als problematisch einstufen?

Eberle: Es gibt Arten, die problematisch werden könnten, aber noch kein Problem sind. Wir haben die Nutria aus Südamerika, die Bisamratte aus Nordamerika, der Waschbär aus Nordamerika kommt mehr und mehr. Der Waschbär nimmt zum Beispiel alles, was er kriegen kann, vom Apfel bis zum Entengelege.

 

Und wo schützen Sie als Wildtierbeauftragter Tiere?

Eberle: Ich bin regelmäßig im Einsatz, um verunfallte oder verunglückte Tiere wie Greifvögel oder Igel zu bergen und in Schutzstationen zu bringen. Ich berate viele Bürger, die besorgt wegen eines gesichteten Fuchses, wegen Mardern oder Siebenschläfern bei mir anfragen. Mein oberster Grundsatz ist, das Zusammenleben von Menschen und Tieren im Siedlungsraum der Stadt zu fördern.


Zur Person

Seit zwei Jahren ist Thilo Eberle (57) Wildtierbeauftragter der Stadt Heilbronn. Der gelernte Kaufmann ist seit jungen Jahren an der Natur interessiert und seit vielen Jahren auch Jäger. Als Wildtierbeauftragter ist er Berater der Bürger bei Fragen zu Tieren im Siedlungsraum, der Unterern Jagdbehörde und der Jägerschaft. Er hat eine gemischte Stelle, ist zudem vor allem als Waffenkontrolleur im Einsatz.