Das Riesenrad von Gaildorf

Gaildorf  Ein Unternehmen hat am Kocher die weltgrößte Windkraftanlage errichtet. Vor Ort wird die Energie des Kolosses in einem besonderen Verfahren gespeichert. Wir haben uns das Riesenrad angesehen.

Von Alexander Klug

 

 

Das Spektrum an Attraktionen im Städtchen Gaildorf mit Motocross und Bluesfest ist um eine Facette reicher geworden: ein Riesenrad. Die nach Angaben der Errichter weltweit höchste aller Windkraftanlagen steht auf einem Bergrücken östlich von Ort und Kocher. 246 Meter und noch ein halber sollen es vom Boden bis zur Rotorspitze sein. "Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet, der ein höheres Windrad hat", sagt die Sprecherin der Max-Bögl-Gruppe schmunzelnd, das Bauunternehmen hat das Rekordrad im fränkisch geprägten Nordosten des Landes errichtet.

Energiespeicher vor Ort

Das Riesenrad von Gaildorf

Die weltgrößte Anlage gehört zu einem Windrad-Quartett, die drei weiteren Windräder drehen sich nur ein paar Baumwipfel entfernt. Ein Ensemble der besonderen Art, denn es kann seinen Strom an Ort und Stelle speichern: Wenn der Wind bläst, produzieren Rotoren und Generatoren pro Anlage bis zu 3,4 Megawatt Leistung. Um den Strom bei Überkapazitäten zu speichern, wird damit Kocherwasser in Betonbecken zu Füßen der Windräder gepumpt − eines davon misst 63 Meter im Durchmesser.

Bei Bedarf stürzt das Wasser zu Tal und wird in einer Turbine wieder zu Strom. Wenn es sein muss, geht das Umschalten schnell: In 30 Sekunden, verkündet der Betreiber, kippt der Schalter von Stromerzeugung auf Berg-auf-Pumpen und umgekehrt. Das größte Windrad der Welt zu haben, sorgt nicht nur für Aufmerksamkeit: Durch die etwas größere Nabenhöhe als andere Anlagen steige die Effizienz in dem vergleichsweise windschwachen Gebiet mitten in Süddeutschland.

Noch ist das Pumpspeicherwerk nicht voll einsatzbereit

Das Riesenrad von Gaildorf

Auf die Art der Energiespeicherung sind die Erbauer aus Neumarkt in der Oberpfalz stolz, bereite doch die Speicherung der Energie aus regenerativen Quellen oft Kopfzerbrechen. "Die klassische Batterie hält einfach zu kurz. Mit unserem Pumpspeicherkraftwerk peilen wir eine Lebensdauer von 50 Jahren oder mehr an", sagt Jürgen Joos. Er ist kaufmännischer Leiter und zuständig für die Sparte der erneuerbaren Energie im Hause Max Bögl. Anfang des Jahrzehnts habe man angefangen, sich Gedanken zu machen, 2010 ein erstes Modell gebaut, ein Jahr später das Projekt in Gaildorf vorgestellt.

"Die Umwandlung in Lageenergie erschien uns am günstigsten", sagt Jürgen Joos. Dafür brauche man aber Standorte mit einem gewissen Höhenunterschied zwischen Anlage und Turbine. 150 Meter sollten es mindestens sein, 500 Meter seien das Maximum. "Den Fluss brauchen wir nur einmal, zum Befüllen. Danach reichen Regen und Schnee, um die Wassermenge konstant zu halten." Voll einsatzfähig sind die Anlagen noch nicht: Entlang der Straße Richtung Gaildorf müssen noch Rohre unter die Erde, in denen später das Wasser zwischen Pumpspeicherkraftwerk und den vier Becken hin und her fließt. Im Frühjahr beginnen die Arbeiten an Kraftwerk, Unterbecken und Druckrohrleitungen − bis sie abgeschlossen sind, fließt der Strom nur auf konventionellem Weg ins Netz.

Kaum Potenzial in der Region

Potenzial für die Speichertechnik sieht Jürgen Joos allerdings eher weniger in Gebieten wie der Region Heilbronn − geeignete Standorte sind hier rar, schon vergeben und umstritten. "Ein recht konkretes Projekt haben wir in Bayern im Blick, ansonsten schauen wir vor allem ins europäische Ausland", sagt der kaufmännische Leiter. Er nennt mögliche Interessenten und Standorte in Kroatien, Serbien und Albanien. Die Diskussionen um die viel kritisierte Verspargelung der Landschaft hält er für überstanden, die vergleichsweise kostengünstige Erzeugung regenerativen Stroms komme mittelfristig allen, auch finanziell, zugute − wenn die Balance aus Windkraft, Photovoltaik und Biomasse stimme. "Auch in Gaildorf waren am Anfang manche skeptisch. Aber ich denke, dass mittlerweile die Akzeptanz groß ist", sagt Jürgen Joos. Nicht zuletzt durch das Aufsehen, das das Städtchen durch sein neues Riesenrad erregt.

 

Serie "Von oben"

Unter diesem Motto sind wir in Stadt und Land unterwegs und zeigen in regelmäßigen Abständen Spannendes und Interessantes aus einer neuen, ungewohnten Perspektive − zu den Bildern geben wir Informationen rund um das Gezeigte. Sämtliche Videos "Von oben" sind zu finden unter www.stimme.de/oben.

Das Riesenrad von Gaildorf

Vorne an der eckigen Gondel ist die sogenannte Rotornabe befestigt, an der die drei jeweils 65 Meter langen Rotorblätter angedockt sind.