Das Dachstein-Unglück von 1954: Die Katastrophe in der Karwoche

Heilbronn  Vor 65 Jahren kamen im Schneesturm am Dachstein in Österreich zehn Schüler und drei Lehrer aus Heilbronn ums Leben. Eine Chronologie der Ereignisse.

Von Kilian Krauth

Dachstein-Unglück von 1954: Die Katastrophe in der Karwoche
Eines der letzten Bilder der verhängnisvollen Bergtour. Es stammt aus der Kamera von Dieter Steck, die neben dem toten 16-jährigen Schüler gefunden wurde.

Heilbronn kennt drei Ereignisse, die sich ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben: die Zerstörung der Stadt am 4. Dezember 1944, der Pershing-Unfall vom 11. Januar 1985 und das Dachstein-Unglück in der Karwoche 1954, also vor 65 Jahren.

Zehn Schüler und drei Lehrer der Knabenmittelschule, der heutigen Dammrealschule, kommen bei einer Wanderung am Dachsteinmassiv im Schneesturm ums Leben. Das Unglück erschüttert die Menschen weit über Heilbronn und Oberösterreich hinaus. Zeitungen und Rundfunkanstalten aus aller Welt berichten. Trauerfeiern nehmen kein Ende. Aufsätze, Bücher und Filme dokumentieren das Unfassbare bis heute.

Stimme-Fotograf Hermann Eisenmenger reiste damals in das Gebiet und hielt Szenen der Suchaktion fest. Die Bilderstrecke wird hier erstmals veröffentlicht: 


In einem Band des Stadtarchivs findet sich eine Chronologie der Ereignisse, die die Dramatik erahnen lässt. Wir geben sie gekürzt und überarbeitet wieder:

Gründonnerstag, 15. April, 1954: Die Gruppe unter Leitung von Lehrer Hans Georg Seiler bricht um 6 Uhr früh auf. Das Wetter ist gut. Seiler will die Route in umgekehrter Richtung gehen wie zunächst besprochen. Er wandert zuerst zur Schönbergalm. Dort werden die Heilbronner mit Tee bewirtet. Inzwischen hat das Wetter umgeschlagen, Lehrer Seiler wird davor gewarnt, weiterzuwandern. Die Gruppe setzt aber ihren Weg fort. Nach etwa einer Stunde begegnen die Heilbronner einem Bautrupp der Dachstein-Seilbahn. Auch diese Männer warnen vor dem Weitergehen. Was danach geschieht, kann man nur erahnen. Ein orkanartiger Schneesturm nimmt jede Sicht und Orientierung. Wahrscheinlich hat die folgende Nacht niemand der 13 überlebt. Weil die Gruppe am Abend nicht nach Obertraun zurückkehrt, wird sofort eine erste Suchaktion gestartet. Sie bleibt erfolglos.


Karfreitag, 16. April: Am frühen Morgen wird die Suche wieder aufgenommen. Das Oberösterreichische Landesgendarmeriekommando und die Bergrettung unternehmen alles, was in ihrer Macht steht, um die Gruppe zu finden.


Karsamstag, 17. April: Die Nachricht, dass 13 Menschen aus Heilbronn vermisst sind, dringt nach und nach an die Öffentlichkeit. Während die Suche weitergeht, organisiert die Heilbronner Stadtverwaltung eine Fahrt nach Obertraun.

 

Dachstein-Unglück von 1954: Die Katastrophe in der Karwoche

Stimme-Fotograf Hermann Eisenmenger war vor Ort. Manche seiner Bild sind erst jetzt zugänglich.

Ostersonntag, 18. April: In Obertraun machen sich der Oberösterreichische Landeshauptmann Dr. Heinrich Gleißner und andere Persönlichkeiten ein Bild von der Lage. Am Abend trifft eine Heilbronner Gruppe mit Oberbürgermeister Paul Meyle ein.


Ostermontag, 19. April: Zum ersten Mal seit vier Tagen legt sich der orkanartige Sturm, plötzlich herrscht Sonnenschein. Aber die Vermissten werden immer noch nicht gefunden. Nun besteht keine Hoffnung mehr, dass sie noch leben.


20. April: Inzwischen sind etwa 170 Suchkräfte im Einsatz. Sie sondieren im Schnee. Auch Lawinensuchhunde sind in Aktion. Als erster greifbarer Hinweis auf die Vermissten wird südlich des Niederen Speikbergs ein Biwakplatz mit vielen Gegenständen entdeckt und aus dem Schnee ausgegraben. Für die vielen Medienvertreter wirken diese Funde elektrisierend. Es entbrennt ein Kampf um eine von nur zwei Telefonleitungen.


23. April: Die verbliebenen Heilbronner reisen nach Hause zurück.


24. April: Für das Wochenende ist eine Suchaktion mit 400 Beteiligten angesagt. Am Vormittag werden das Lehrerpaar Hans-Werner Rupp und Christa Vollmer sowie der Schüler Wilfred Dengier gefunden. Nachmittags stößt man auf Herbert Kurz, Peter Mössner, Roland Rauschmaier, Karl-Heinz Rienecker, Kurt Seitz und Dieter Steck. Die Toten werden in die Sportschule Obertraun gebracht.


25. April: In Heilbronn treffen immer mehr Beileidsbekundungen ein: Telegramme, Briefe, kleine Päckchen. Währenddessen reist wieder eine Gruppe unter Leitung von OB Meyle nach Obertraun.


26. April: Die Opfer sind in offenen Särgen in der Turnhalle der Bundessportschule Obertraun aufgebahrt. Die Angehörigen nehmen Abschied. Der Landtag von Baden-Württemberg gedenkt der Dachsteinopfer und würdigt die große österreichische Hilfsbereitschaft.


27. April: In einer eindrucksvollen Trauerfeier nimmt Obertraun Abschied von den Verunglückten. Die Toten werden anschließend nach Heilbronn überführt. An diesem Tag beginnt der Unterricht nach den Osterferien wieder. Kultminister Wilhelm Simpfendörfer hat in allen Schulen eine Gedenkminute und Halbmast angeordnet.


28. April: Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Adenauer danken Österreich für die Hilfsmaßnahmen. Die Suchtrupps finden den toten Schüler Klaus Strobel. Er wird noch in der Nacht zum 29. April nach Heilbronn überführt.


29. April: In Heilbronn findet unter großer Anteilnahme eine Trauerfeier und die Beisetzung der Dachstein-Toten im Hauptfriedhof statt. Währenddessen wird im Unglücksgebiet die Suche fortgesetzt. Zahlreiche Beileidsbekundungen treffen ein. Viele schicken Geld- oder Sachspenden.


30. April: Christa Vollmer und Hans-Werner Rupp werden in Pfullingen beigesetzt.


30. April und die folgenden Tage: Im Dachsteingebiet wird die Personalstärke der Suchtrupps reduziert. Der Schnee schmilzt. Es werden weitere Gegenstände gefunden.


8. Mai: Die Familien der Verunglückten veröffentlichen in der Heilbronner Stimme eine Danksagung.


9. Mai: Die Gendarmerie-Bergführer errichten in der Nähe des Biwakplatzes ein Holzkreuz.


16. Mai: Die Suchmannschaften stoßen auf die Leiche des Schülers Peter Lehnen.


17. Mai: Im Suchgebiet werden unter anderem ein Fotoapparat und eine Ausgabe der Tageszeitung Heilbronner Stimme vom 8. April 1954 gefunden.


18. Mai: Trauerfeier in Obertraun für den Heilbronner Schüler Peter Lehnen.


21. Mai: Peter Lehnen wird in der Dachstein-Grabstätte auf dem Heilbronner Hauptfriedhof beigesetzt.


28. Mai: Die Suchmannschaften entdecken die beiden letzten Vermissten, den Schüler Rolf Mössner und den Lehrer Hans Georg Seiler. Damit geht eine der größten Berg-Suchaktionen in den Alpen zu Ende.

Auch interessant: In einer Multimedia-Reportage hat sich die Stimme mit Zeitzeugen und Wanderführern unterhalten

 


Gedenken in vielfältiger Form

Die Katastrophe in der Karwoche 1954 hallt bis heute nach, in Heilbronn und in Oberösterreich. Der 13 Toten des Dachsteinunglücks von 1954 wird in vielfältiger Weise gedacht - ganz persönlich, mit Gedenkstätten, in Büchern und anderen Medien. Das sogenannte Heilbronner Kreuz, ein schlichtes Holzkreuz, wurde noch 1954 an der Stelle errichtet, an der man die Toten damals nach und nach fand: rund drei Kilometer südöstlich vom Krippenstein auf einer Höhe von 1959 Metern am Wanderweg zur Gjaidalm. Auf dem Krippenstein grüßt außerdem seit 1959 eine kleine Kapelle mit einer Glocke aus Heilbronn, die dem Gedächtnis der Opfer gewidmet ist. Auf dem Heilbronner Hauptfriedhof stehen über den Gräbern steinerne Kreuze, die die Namen der Opfer tragen.

Der Direktor des Stadtarchivs Heilbronn, Professor Christhard Schrenk, hat im Jahr 2004 in der Reihe "Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn" ein Buch mit dem Titel "Das Heilbronner Dachsteinunglück 1954: Zehn Schüler und drei Lehrer verlieren am Karfreitag ihr Leben" herausgebracht: mit Beiträgen von Schrenk selbst, Siegfried Schilling, Christoph Zöpfl und Peter Gruber.

Roman Der obersteirische Schriftsteller Peter Gruber, der zeitweise im Dachsteingebiet wohnte, versuchte 2006 in seinem Roman "Tod am Stein" eine literarische Annäherung an die dramatischen Ereignisse. Zuvor hatte er unter anderem über Jahre hinweg im Stadtarchiv Heilbronn recherchiert.

Der 60. Jahrestag des Unglücks wurde vielfältig gewürdigt. Jochen Neurath komponierte eine szenische Kantate, die in der Kilianskirche vom Kammerchor des Mönchsee Gymnasiums und dem Heilbronner Vokalensemble uraufgeführt wurde. Der Titel: "Gefrorene Träume". Der Leingartener Theater- und Filmemacher Hajo Baumgärtner veröffentlichte 2014 seine 80-minütige Dokumentation "Schulausflug in den Tod", für die er sechs Jahre recherchiert hatte. Nicht zuletzt sendete der ORF eine Sondersendung in der TV-Reihe "Erlebnis Österreich".

 


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