DLR-Chef Schlechtriem: "Wir müssen Raumfahrt rockiger machen"

Lampoldshausen  Mit dem Start seiner Mega-Rakete Falcon Heavy hat Tesla-Milliardär Elon Musk Anfang Februar für Aufsehen gesorgt. Stefan Schlechtriem, Direktor des Instituts für Raumfahrtantriebe in Lampoldshausen, spricht über neue Zeiten in der Raumfahrt und deren Auswirkungen.

Von Alexander Klug
Die Großrakete Falcon Heavy (links) hebt von Cape Canaveral ab. Die Antriebe der Ariane-Raketen (rechts) werden in Lampoldshausen getestet. Fotos: dpa

Majestätisch erhebt sich die Rakete über den traditionsreichen Startplatz Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida. Von hier aus ist schon das Astronauten-Trio der Apollo-11-Mission 1969 in einer Saturn-V-Rakete Richtung Mond aufgebrochen. 2018 heißt die Rakete Falcon Heavy − keine staatliche Behörde, sondern das private Unternehmen SpaceX des Milliardärs Elon Musk (Tesla) hat die 70 Meter hohe und beim Start 1400 Tonnen schwere Rakete gebaut.

Darüber, was das für die europäische Luftfahrt samt ihrer Trägerrakete Ariane bedeutet, haben wir mit Professor Stefan Schlechtriem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gesprochen. Er ist Direktor des Instituts für Raumfahrtantriebe im Hardthausener Ortsteil Lampoldshausen.

 

David Bowie beim Flug ins All... Würde das in einer Ariane-Rakete nicht auch gut klingen?

Stefan Schlechtriem: Total! Wir in Europa müssen die Raumfahrt rockiger machen. Das ist lange nicht so oberflächlich gemeint, wie es vielleicht klingt. Es geht um eine neue Art, die Dinge anzugehen, die uns nicht so liegt.

 

Rockig liegt uns nicht?

Schlechtriem: Wir neigen dazu, nur mit kühlem Kopf zu planen und zu bauen und die Emotion zu vernachlässigen. Es geht um den neuen Geist, den Elon Musk und SpaceX verströmen. Für Begeisterung zu sorgen, sowohl unter den Mitarbeitern als auch den Menschen im Land. Wobei ich da nicht so sehr uns als öffentlich finanzierte Institution in der ersten Reihe sehe, wir müssen bei Ausgaben dieser Art aufpassen.

 

"Wir müssen Raumfahrt rockiger machen"

Sie sehen in Space X keine Konkurrenz? Manche ihrer Kollegen, zum Beispiel in der Ariane-Gruppe, tun das schon.

Schlechtriem: Klar ist das Konkurrenz. Aber ich sehe das anders. Es ist gut, dass sich viel verändert im Weltraumsektor. Wir würden sonst zu bequem werden und weiter machen, was wir gewohnt sind. Diejenigen, die sich über Konkurrenz beschweren, sollten sich lieber zurückhalten und an ihre Schreibtische setzen. Und für die europäischen Subventionsmilliarden etwas Angemessenes liefern. Deutschland hält sich mit einer Beteiligung von 20 Prozent am europäischen Trägerprogramm sehr zurück. Auch das müsste überdacht werden.

 

Zum Beispiel?

Schlechtriem: Wir dürfen uns jetzt nicht von unseren Zielen ablenken lassen. Elon Musk hat die Vision, zum Mond und zum Mars zu fliegen. Ich finde es faszinierend, dass wir das vielleicht sogar noch selbst erleben werden. Darauf ist sein Programm mit den großen Raketen ausgerichtet. Die Falcon Heavy kann 60 Tonnen Nutzlast transportieren, die Ariane 20. Die Jungs ziehen das durch, das verdient Respekt. Aber unsere Ziele und Vorstellungen und Interessen sehen anders aus als die von SpaceX.

 

Welche Ziele meinen Sie?

Schlechtriem: Für mich steht nach wie vor die Unabhängigkeit Europas im Zentrum. Es ist wichtig, ein System wie Galileo zu haben, das eine europäische Satellitennavigation ermöglicht. Wir sollten auch über europäische Satellitenkonstellationen nachdenken, die mit Erdbeobachtung, Kommunikation und Navigation die erdnahe Nutzung des Weltraums ermöglichen. Dabei ist es wichtig, die Satelliten mit einem eigenen Trägersystem zu transportieren. Dass wir außerdem zu besonderen Missionen in der Lage sind, haben wir unter anderem mit der Landung auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko bewiesen. Viele waren um das Jahr 2000 der Meinung, dass das nicht geht, auch die Amerikaner. Aber wir müssen uns neu orientieren, auch finanziell.

 

Inwiefern?

Schlechtriem: Zum sogenannten New Space gehören auch neue Satelliten. Viel kleiner und günstiger. Kostet ein Satellit heute 200 oder 300 Millionen Euro, sind es demnächst noch zehn oder weniger. Sie sollen in Konstellationen mit tausenden Satelliten zum Einsatz kommen, um zum Beispiel jeden Punkt auf der Welt mit schnellem Internet zu versorgen. Auch bei den Trägerraketen sinken die Kosten. In der Ariane 5 kostet ein Kilogramm Nutzlast 20.000 Dollar. In der Ariane 6 wird es nur noch die Hälfte sein, bei Elon Musk ist es noch weniger, vielleicht ist es bald nur noch ein Viertel.

 

Wohin führt das?

Schlechtriem: Was das am Ende bedeutet, ist schwer zu sagen. Aber es zwingt zu mehr Effizienz. Die Serienfertigung von Triebwerken und Raketen läuft. Wie es mit der oft hervorgehobenen Wiederverwertbarkeit wirklich aussieht, ist noch unklar. Ich sehe noch viel Potenzial, um die nötigen Entwicklungen voranzutreiben und das Geld effizienter einzusetzen.

 

Wo kann man sparen?

Schlechtriem: Es gibt nach wie vor teure Doppelstrukturen. Wir erweitern den Standort hier, sind voll ausgerüstet. Deswegen wäre es zum Beispiel sinnvoll, alle Tests mit flüssigen Raketentreibstoffen in Lampoldshausen durchzuführen. Stattdessen wird andernorts in Europa in ähnliche Infrastruktur investiert, anstatt sich auf notwendige Entwicklungen zu konzentrieren. Der Erfolg des DLR in Forschung und Testbetrieb ist mit dem Erfolg der Ariane-Gruppe mit Satellitenantrieben hier am Standort eng verknüpft.

 

Zur Person

Stefan Schlechtriem wurde am 11. Oktober 1960 geboren. Nach dem Maschinenbaustudium an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen arbeitete er von 1995 bis 2000 bei BMW Rolls-Royce. Im Anschluss war er neun Jahre lang beim Schweizer Gasturbinenhersteller Alstom Power tätig. Sowohl in der Kraftwerks- als auch in der Luftfahrtindustrie war die Überprüfung der Komponenten Schwerpunkt seiner Arbeit. Seit 1. April 2009 ist Stefan Schlechtriem Direktor des Instituts für Raumfahrtantriebe im Hardthausener Ortsteil Lampoldshausen. 

 

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