Couragierte Seniorin kassiert im Bus Ohrfeige

Heilbronn  Einmischen oder raushalten? Eine Heilbronner Seniorin fordert eine ihr unbekannte Frau in einem Stadtbus auf, die Füße vom Sitz nehmen. Eine alltägliche Situation mit unschönen Folgen.

Von Heike Kinkopf

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Symbolbild

Wann weist man einen Unbekannten auf ein Fehlverhalten hin? Wann geht man mit einer Äußerung zu weit? Jeder kennt Alltagssituationen, in denen er sich fragt: "Soll ich mich jetzt einmischen?"

Alwine Fenner bittet im Stadtbus eine Mitfahrerin, die Füße vom Sitz zu nehmen - und kassiert eine Ohrfeige. Das Erlebnis beschäftigt die 80 Jahre alte Heilbronnerin. Weil sie seitdem Probleme mit dem Hörgerät hat. Weil ihr der Vorfall peinlich ist, wie sie sagt. Weil sie sich fragt, ob sie etwas falsch gemacht hat.

Alwine Fenner trägt die grauen Haare kurz. Mit Schwimmen, Sauna, täglichen Spaziergängen und Turnen hält sie sich fit. Es ist September, als sie im Stadtbus der Linie 61 vom Heilbronner Südbahnhof Richtung Innenstadt fährt.

Mit dem Handrücken geschlagen

Im Bus nimmt Fenner in einem Vierersitz Platz und spricht eine etwa 55 Jahre alte Frau an. "Würden Sie bitte die Schuhe vom Sitz nehmen? Das macht man doch nicht", habe sie gesagt. Die Frau und ihr Begleiter stehen auf, sie wollen aussteigen. Im Vorbeigehen habe die fremde Frau ihr mit dem Handrücken plötzlich eine Ohrfeige verpasst. Das sitzt.

"Ich war geschockt", erzählt Fenner. Die umstehenden Fahrgäste hätten die Luft angehalten. "Es war ein Entsetzen da." Mit heißer Wange bleibt die Seniorin verdattert sitzen, steigt wie geplant in Böckingen aus. Von den Fahrgästen habe sie keiner angesprochen, ob alles okay sei. "Ich saß da wie betäubt. So etwas habe ich noch nie erlebt." Das kleine Hörgerät, das sie trägt, habe durch die Ohrfeige eine kleine Wunde hinterlassen, die nur langsam abheile. Im Nachhinein fragt sich Fenner, ob sie den Busfahrer über den Vorfall hätte informieren sollen.

Vorfälle dem Busfahrer melden

Steffen Müller, Abteilungsleiter Fahrdienst bei den Stadtwerken, rät, außergewöhnliche Vorkommnisse zu melden. Busfahrer haben die Möglichkeit, die Leitstelle oder die Polizei zu rufen. Außerdem werden derartige Meldungen dokumentiert. "Die Fahrer haben 18 Meter Bus hinter sich", sagt Müller. Sie seien nicht in der Lage, jedes Fehlverhalten zu erkennen. "In unseren Fahrzeugen bilden wir allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen ab", sagt Müller. So nehme beispielsweise die Zahl der Fahrgäste mit einem Kaffeebecher oder Döner in der Hand zu. "Das ist häufiger Anlass für die eine oder andere Diskussion", sagt der Fahrdienstleiter.

Alwine Fenner verschweigt den Vorfall ihrer Familie monatelang. "Ich hatte Angst vor der Reaktion. Dass sie sagen, ich solle mich nicht einmischen. Vielleicht habe ich mich auch ein bisschen geschämt." Sie störe sich jedoch daran, wenn Menschen unachtsam mit fremdem Eigentum umgingen. "Da frage ich mich immer: Warum machen sie das?" Ob sie in Zukunft wieder den Mund aufmacht, wenn sie etwas ärgert, weiß sie noch nicht. "Jetzt bin ich vorsichtiger."

Bei Straftaten Polizei rufen

Nach dem Erlebnis lässt Alwine Fenner einige Zeit verstreichen, bevor sie zur Polizei geht. Nach dem Gespräch mit einem Beamten verzichtet sie darauf, Anzeige zu erstatten. Als zu gering schätzt die Seniorin die Aussichten ein, die unbekannte Frau zu ermitteln.

"Dass es eine Unverschämtheit ist, ist keine Frage", kommentiert Polizeisprecher Rainer Köller den geschilderten Fall auf Stimme-Nachfrage. Er gibt allgemeine Tipps zum Verhalten in ähnlichen Situationen. Zunächst einmal sollte man sich bewusst machen, worum genau es in der jeweiligen Situation geht. Ist es die Angelegenheit Wert, eine Auseinandersetzung zu provozieren? "Das muss jeder für sich entscheiden", sagt Köller.

Anders sieht es bei Straftaten wie Sachbeschädigungen oder Körperverletzungen aus. "Dann ist man zur Hilfe verpflichtet", sagt Köller. Wie diese Hilfe konkret aussieht, sei offen. In jedem Fall solle man die 110 anrufen. Außerdem könne man unbeteiligte Personen ansprechen und gemeinsam einschreiten.

 


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