Corona-Virus kommt näher: Vorbereitungen auf den Ernstfall

Region  Krankenhaus und Behörden in der Region versuchen, mit Notfallplänen und einer neuen Info-Hotline der Bevölkerung Sorgen zu nehmen und die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern.

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Corona-Virus kommt näher: Vorbereitungen auf den Ernstfall

Auch im SLK-Krankenhaus Am Gesundbrunnen könnten Verdachtsfälle isoliert und beobachtet werden. Elf Tests waren negativ.

Foto: Archiv/Mugler

Mundschutz ist in der Apotheke im Einkaufszentrum in Neckarsulm keiner mehr zu bekommen, auch das Regal mit den Desinfektionsmitteln ist leer. "Wir bekommen aber neues", sagt Apothekerin Olga Liske.

Menschen mit Erkältungen samt zugehöriger Symptome gebe es viele. "Aber bisher reagieren die Menschen ruhig." Die Fälle von Corona-Infektionen rücken näher, auch in Baden-Württemberg sind mittlerweile mehrere Fälle bekannt, Behörden und Krankenhäuser erarbeiten Notfallpläne auf den Ernstfall vor und richten Krisenteams ein.

Ärzte fühlen sich teils nicht zuständig

Die Vorbereitung auf den Ernstfall scheint auch notwendig, wie der Fall von Andrea Bode (Name geändert) zeigt. Sie war vergangene Woche für ihren Arbeitgeber aus dem Hohenlohekreis in Mailand. "Im Hotel waren viele Asiaten untergebracht. In den Folgetagen habe ich mich merkwürdig gefühlt, die Nase war zu", erzählt sie. "Andere Gebiete in Italien wurden abgeriegelt." Weil ihr auch manche Kollegen in der Firma in der Folge aus dem Weg gingen, wollte ihr Chef, dass ein Test Klarheit bringt.

Dann habe die Odyssee begonnen, erzählt sie: Gesundheitsamt Landkreis, Landesgesundheitsamt Stuttgart, SLK-Klinik Löwenstein, schließlich SLK-Klinik Heilbronn. "Bis auf das Krankenhaus in Heilbronn haben sich alle für nicht zuständig erklärt und auf andere verwiesen. Teilweise wurde ich behandelt, als wäre ich ein hysterischer Hypochonder", beschwert sich Andrea Bode. Jetzt habe sie ihr Hausarzt erneut ans SLK-Klinikum verwiesen. "Ich bin gespannt."

Im Verdachtsfall kommt ein Patient nach Löwenstein

Um just so einen Ablauf zu verhindern, haben sich Gesundheitsämter und SLK-Klinik zu einem Koordinationstreffen zusammengesetzt. "Wichtig ist, dass man erst einmal zum Telefonhörer greift und bei Hausarzt oder Gesundheitsamt anruft", sagt Marlies Kepp. Sie ist Sprecherin der SLK-Kliniken in Heilbronn. "Bitte nicht persönlich irgendwo hinfahren." Der Hausarzt prüfe die Symptome und, ob man in einem Risikogebiet gewesen sei. "Er bewertet dann, ob ein Verdachtsfall vorliegt." In so einem Fall käme der Patient nach Löwenstein und würde dort isoliert, sagt Kepp.

Seit Januar seien elf Menschen auf das Virus getestet worden, ergänzt ihr SLK-Sprecherkollege Mathias Burkhardt. "Davon drei am Mittwoch." Es sei nicht um Verdachtsfälle gegangen, dafür seien die Symptome zu unklar gewesen. "Niemand davon wurde stationär behandelt. Die Tests sind alle negativ ausgefallen."

In erster Linie zuständig seien Ärzte und Gesundheitsämter vor Ort, sagt Pascal Murmann. Er ist Sprecher des auch für das Gesundheitswesen zuständigen Sozialministeriums in Stuttgart. "Die Informationen von den lokalen Gesundheitsämtern fließen dann hier bei uns zusammen." Die Kompetenzen der Behörden reichten in einem solchen Fall weit.

"Rückkehrer aus China mussten bereits 14 Tage zur Beobachtung und für Tests in einem Hotel bleiben", führt Murmann aus. Zur Not müsse man das mit Sicherheitsdienst und Polizei durchsetzen. "Aber das ist noch nie passiert und ich denke, dass die Menschen einsichtig sind." Sollte es wie in Italien zur Abriegelung größerer Gebiete kommen, wären zunächst die örtlichen Ordnungsämter für die Umsetzung zuständig.

Verdachtsfälle werden gegebenenfalls isoliert

Gebe es einen konkreten Verdachtsfall, würde er bewertet und in zwei Kategorien eingeteilt - je nachdem, wie der Betroffene die Tage zuvor verbracht hat, wie Peter Liebert erläutert. Er ist stellvertretender Leiter des Heilbronner Gesundheitsamts. Wer mindestens 15 Minuten direkten Kontakt mit Menschen hatte und eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, Kontakt mit Körperflüssigkeiten gehabt zu haben, gehöre zu Kategorie eins. "Zur zweiten Kategorie gehören Fälle, die sich zum Beispiel am selben Arbeitsplatz oder im selben Klassenzimmer mit anderen Menschen aufgehalten haben."

Verdachtsfälle würden gegebenenfalls isoliert, oder "abgesondert", wie es in der Amtssprache heißt. Das könne zu Hause passieren oder auch in einem Krankenhaus, dort stünden entsprechende Möglichkeiten zur Verfügung. "Die Absonderung ist nicht freiwillig, sondern eine Auflage", ergänzt Liebert. Währenddessen informiere das Amt die Menschen über Krankheit und Risiken, Mitarbeiter messen zwei Mal am Tag Temperatur. 


Zentrale Hotline zu Corona-Fragen steht ab Freitag zur Verfügung

Hausärzte und Gesundheitsämter sind erste Ansprechpartner, wenn es um Fragen rund um das Virus und die Bewertung von Symptomen geht. Die SLK-Kliniken und die Gesundheitsämter von Stadt und Landkreis Heilbronn haben eine gemeinsame Telefonnummer eingerichtet und sind ab Freitag unter 07131/4933333 zwischen 8 und 22 Uhr zu erreichen. Unter dieser Nummer können sich alle –auch Ärzte – informieren, was im Verdachtsfall zu tun ist. Der Hohenlohekreis ist nach wie vor unter 07940/18580 zu erreichen. 

Man habe vor allem Menschen im Blick, die innerhalb von 14 Tagen nach Reisen in Gebiete, in denen Infektionen vorgekommen sind, Fieber, Husten oder Atemnot entwickeln oder die Kontakt mit Personen hatten, die in diesen Infektionsgebieten gewesen sind, wie die Sprecherin des SLK-Klinikums, Marlies Kepp, mitteilt.


Erfahrungsbericht: Ärzte lehnen Untersuchung ab

Ein junger Mann aus dem Landkreis Heilbronn ist sich unsicher, ob er sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben könnte. Der 16-Jährige arbeitet für eine Firma, deren Niederlassung sich im gefährdeten Gebiet Norditaliens befindet. Materialien von dort werden in den Landkreis Heilbronn geliefert. Hat sich der Mann angesteckt? Am Montag bekommt er Husten, Schnupfen und Fieber. Die Symptome verstärken sich bis Mittwoch.

Gegenüber dieser Redaktion erzählt der Vater, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, dass er am selben Tag beim Hausarzt seines Sohnes nach einer Untersuchung auf eine mögliche Corona-Erkrankung nachgefragt habe. Man habe ihn ans Gesundheitsamt des Landkreises Heilbronn verwiesen. Dort sei er an den Hausarzt seines Sohnes zurückverwiesen worden.

Der Vater ruft am Donnerstag erneut beim Hausarzt seines Sohnes an. Er erhält wieder die Auskunft, dass er keine Corona-Untersuchungen durchführe. Erneut wird der Vater aufgefordert, beim Gesundheitsamt des Landkreises anzurufen. Der Mitarbeiter teilt mit, dass Anfragen künftig an das Landesgesundheitsamt zu richten seien. Zudem könne jeder Arzt eine Untersuchung auf eine Corona-Erkrankung durchführen. Das Landratsamt kann nur informieren und an Ärzte verweisen. Die Behördenmitarbeiter führen keine ärztlichen Untersuchungen durch.  

Der Vater entscheidet sich, bei seinem Hausarzt anzurufen. „Einen Corona-Test führen wir nicht durch“, erhält er als Antwort. Der Mann hofft, dass sich die Symptome seines Sohnes legen.


Messen finden trotz Corona statt

Die Messe „Bauen – Wohnen – Renovieren“, im Heilbronner Red Blue findet am Wochenende trotz des Coronavirus statt. Das teilt Messeleiterin Petra Hartmann mit. „Wir werden die Reinigungszyklen der Treppengeländer und in den Toiletten erhöhen.“ Sanitätspersonal stehe wie üblich bereit. „Wir weisen darauf hin, dass wir aufs Hände schütteln verzichten und stattdessen ein Lächeln schenken“, sagt Hartmann. Unter Besuchern und Ausstellern herrsche derzeit Unsicherheit. Hartmann betont, dass keiner der Aussteller abgesagt habe. 

Auch die heute eröffnete Messe „Retro Classic“ auf dem Messegelände in Stuttgart findet planmäßig statt. Auf der Internetseite der Veranstaltung heißt es, dass vorsorglich an den Eingängen der Messe Desinfektionsspender aufgestellt werden. Es stünden zudem Fachkräfte und Räumlichkeiten für eine medizinische Direktversorgung auf dem Gelände bereit. „Sollte während der Messe oder Veranstaltung ein Verdachtsfall auftreten, sind auf dem Messegelände alle räumlichen und organisatorischen Vorkehrungen getroffen, um sofortige Abhilfemaßnahmen zu ergreifen“, heißt es weiter.


Alexander Klug

Alexander Klug

Reporter

Alexander Klug ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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